Constantin Schwab – „Das Journal der Valerie Vogler“

„Kunst kennt keinen Kompromiss.“ 

Wir nennen sie Spitzbergen, die Norweger Svalbard. Die Inselgruppe im Nordatlantik und im Arktischen Ozean ist sowohl Raum für Forscher als auch zunehmend Ziel von kälteaffinen Reisenden. Hier lässt sich staunen über das schillernde Nordlicht und zottelige Eisbären. In die Literatur hat Spitzbergen als Schauplatz hingegen noch wenig Eingang gefunden. Der Österreicher Constantin Schwab verlegt nun die Handlung seines Debütromans nach Spitzbergen, der von einem geheimnisumwobenen Künstlerkollektiv erzählt, das zum ersten Mal eine Außenstehende zu sich einlädt.

Mysteriöse Gruppe

„Aurora“ nennt sich die Gruppe. Valerie Vogler heißt die Journalistin, die als erste Person überhaupt Zugang zur Werkstatt des Kollektivs erhält, um über die Künstler zu schreiben, die sich vor einigen Jahren in die Arktis zurückgezogen haben. Eine Aura umgibt die Gruppe, ihr Ruf ist geradezu legendär. Doch keiner kennt sie, weiß, wer die Kunstschaffenden sind. Schnell fühlt Valerie jedoch, dass der Recherche-Besuch bei Lasse, Gunnar, Per und Henrik ihr zunehmend unangenehm wird. Das Quartett stellt mehrere Regeln auf, darunter jene Bedingung, dass sie nicht die Werkstatt verlassen und ein bestimmtes Zimmer betreten darf. Nicht nur machen ihr die Enge in der Werkstatt, die Dunkelheit und das Brüllen der Eisbären zu schaffen. Spannungen entstehen, die Gewalt bricht sich Bahn. Nach und nach merkt sie zudem, dass die Männer an einem neuen Kunstwerk arbeiten, für das sie und ihr Körper gebraucht werden.

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Erreichte die Journalistin Spitzbergen und das Domizil der Künstlergruppe noch mit viel Neugierde, Spannung und Hoffnung, wandelt sich ihr Aufenthalt zu einem furchtbaren Albtraum, der an ihre psychische wie physische Konsistenz geht, nachdem sie auf ein grässliches Geheimnis gestoßen ist. Die Werkstatt wird Gefängnis und Folterkammer zugleich. Sie fühlt, als würde jemand über ihren Willen verfügen, ihn sogar brechen.

Per Hand führt sie darüber ein Journal, eine Art Tagebuch, in dem sie die Ereignisse und Erlebnisse während ihres Aufenthaltes vom 5. bis 11. November, aber auch ihre Gedanken in Form von Fragen und Thesen über die Kunst festhält. Schwab füllt seinen schmalen Band, dem zugleich mit der „Vorbemerkung des Herausgebers“ eine fiktive Authentizität verliehen wird, damit mit einer nicht minder spannenden wie komplexen Ebene auf: Was ist Kunst, wie entsteht sie? Was macht sie aus, welche Wirkung hat sie? Ihre Einstellung zu diesen Fragen hat das Künstlerkollektiv in dem sogenannten „Polarmanifest“ zusammengefasst.

NOR Skrik, ENG The Scream
„Der Schrei“ von Edvard Munch (1893) – National Gallery of Norway

Mehrere große Namen der Kunstgeschichte finden Erwähnung wie Munch und Monet, Rubens und Rembrandt. Vor allem der norwegische Expressionist, der mit seiner Gemälde-Gruppe „Der Schrei“ Weltruhm erlangte, und die in seinen Werken verarbeiteten Themen wie Trauer und Tod, Angst und Einsamkeit stehen im Zentrum. Leider bleiben die Verweise und Informationen zu Spitzbergen spärlich und gehen kaum über das bekannte Wissen (Eisbären, Polarlicht, Kohleförderung) hinaus. Ortsbeschreibungen reduzieren sich auf die Werkstatt. Landschaftsschilderungen gibt es kaum. Spitzbergen wird zu einem symbolischen Raum. Im November, der Zeit, in der Valerie Vogler auf die Insel kommt, wird beherrscht von der Dunkelheit. Die Bezeichnung des Kollektivs „Aurora“ ist zugleich der wissenschaftliche Name für das Polarlicht.

„Monet war in Norwegen. Ich begreife jetzt, warum er seinen Sohn dort nur im Sommer besucht hat, nur im Hellen: nur bei Licht kann man im Schatten stehen – und im Schatten herrscht die klarste Sicht.“

Schwabs sehr klarer wie prägnanter Stil wird dabei begleitet von einer Zahlen- und Farben-Symbolik: Jedes Zimmer in der Werkstatt hat eine eigene Farbe, das Cover des Bandes lässt Blutspuren erkennen, es sind sieben Tage, von denen Valerie Vogler erzählt und sieben Räume. Bildhaft beschreibt er auch das Grauen und die Gewalt, die die Journalistin ausgesetzt ist. Manche Schilderungen werden wohl bei dem einen oder anderen Leser Unbehagen auslösen.

Wenn der Schluss für Entsetzen sorgt

Constantin Schwab, 1988 in Berlin geboren und in Kärnten aufgewachsen, studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien. Seine Texte finden sich in Literaturzeitschriften und Anthologien. 2019 erschien sein Erzählband „Der Tod des Verführers“ (Sisyphus Verlag), wurde der in Wien lebende Schriftsteller mit dem Emil-Breisach-Literaturpreis ausgezeichnet. Mit seinem bemerkenswerten Debüt setzt er ein Achtungszeichen: Sein Roman entwickelt einen Sog, fordert den Leser (heraus). Vor allem der Schluss wird Fragen, ja wohl auch Entsetzen auslösen und wirkt nach. Schwab reißt dem Leser mit einem klugen Kunstgriff den sicher geglaubten Boden unter den Füßen weg.


Constantin Schwab: „Das Journal der Valerie Vogler“, erschienen im Literaturverlag Droschl; 128 Seiten, 20 Euro

Foto von Kiril Dobrev auf Unsplash

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