Volker Kutscher – „Olympia“

„Berlin war auf eine ekelerregende Weise von sich selbst besoffen.“ 

Die Welt ist zu Gast in Berlin. Sportler aus aller Herren Länder kämpfen um Medaillen und den Sprung aufs Treppchen. Neben den Olympia-Flaggen hängen an unzähligen Orten Hakenkreuz-Fahnen. Das Dritte Reich ist Gastgeber der 11. Olympischen Spiele. Doch die Idylle trügt, mehrere Morde geschehen. Volker Kutschers achter Band der Reihe über Kriminalkommissar Gereon Rath, die als Vorlage für die beliebte Fernsehserie „Babylon Berlin“ dient, führt in das Jahr 1936 und in eine sehr bedrückende Zeit, die Rath, seiner Frau und seinem einstigen Pflegesohn zusetzt und zunehmend gefährlich wird.

Ins olympische Dorf abkommandiert

Fritze wird Zeuge, als ein hochrangiger amerikanischer Sportfunktionär in einem Speisesaal im Olympischen Dorf stirbt. Der Jugendliche, der mittlerweile in der Familie eines HJ-Führers lebt, gehört zum Jugendehrendienst, der sich um die Sportler kümmert. Fritze steht dem amerikanischen Hochspringer David Albritton zur Seite, macht für ihn Botengänge und schwärmt für den legendären Sprinter und späteren vierfachen Olympia-Sieger Jesse Owens. Das Ableben des Amerikaners soll möglichst als natürlicher Tod und nicht als Mord in der Öffentlichkeit erscheinen, damit das Reich sein sauberes Image behält. Rath wird vom Landespolizeiamt zur Verstärkung der Kriminalwache Elstal ins Olympischen Dorf abkommandiert, um die Tat verdeckt aufzuklären, obwohl die Behörden schon von Beginn an an eine kommunistische Verschwörung glauben.

Dort wird er zuerst mit einigen Missmut empfangen. Als seine neuen Kollegen indes erfahren, dass er enge Beziehungen zu SS und Gestapo pflegt, sind sie ihm plötzlich wohlgesonnen. Vor allem Obersturmführer Sebastian Tornow und dessen Untergebener Reinhold Gräf, zwei ehemalige Kollegen, die im Dritten Reich die Karriereleiter erklommen haben, üben unerbittlich Druck auf Rath aus, für den dieser Sommer keine leichte Zeit bedeutet. Denn zudem ist seine Frau Charlotte „Charlie“ aus der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Charlottenburg ausgezogen, da sich eine amerikanische Gastfamilie angesagt hat. Als mehrere Soldaten einer unter Hermann Göring unterstellten Elite-Einheit nach und nach ermordet werden, überschlagen sich die Ereignisse, meldet sich die Vergangenheit wieder. Charlie, Mitarbeiterin einer Privat-Detektei, unterstützt ihren Mann und macht sich auf die Spuren des getöteten amerikanischen Sportfunktionärs und dessen Frau, die schließlich aus den USA nach Berlin angereist ist und ein Geheimnis verbirgt. Gemeinsam müssen zudem Gereon und Charlie ihren einstigen Pflegesohn beschützen, da Fritze nicht nur Zeuge des Verbrechens an den Amerikaner wurde, sondern an einem weiteren ungewollt beteiligt ist.

„Dagegenhalten. Man muss ja schon dagegenhalten, wenn man ein ganz normales Leben führen will.“

49 Nationen mit insgesamt 3.961 Athleten nahmen an den Olympischen Spielen drei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges teil. Bereits  für Olympia 1916 hatte Berlin den Zuschlag erhalten. Doch der Erste Weltkrieg zerstörte jegliche Pläne. Später wurde Deutschland von der olympischen Gemeinschaft ausgeschlossen. 1930 stellte die Stadt erneut seine Olympia-Pläne vor und erhielt im Mai 1931 mehr Stimmen als Barcelona und damit den Zuschlag zur Ausrichtung. Mit der Machtergreifung Hitlers kam es im Ausland indes zu Boykott-Aufrufen. Das NS-Regime tat alles daran, sein wahres, menschenverachtendes und gewalttätiges Wesen sowie seine wirklichen Ambitionen vor der Welt zu verstecken und sich friedliebend sowie weltoffen zu zeigen.

Kutscher gelingt es meisterhaft, beides darzustellen – das wahre Gesicht des Nationalsozialismus und die perfide Taktik des Dritten Reiches. Diese brandgefährliche Stimmung ist bei der Lektüre deutlich zu spüren. Wenn Fritze den rassistischen Äußerungen seiner Kameraden im Jugendehrendienst ausgesetzt ist oder verbotene Bücher versteckt, um bei seinem neuen Pflegevater nicht in Ungnade zu fallen. Wenn ein ehemaliger Linker, doch nunmehr regimetreuer Steward wegen seiner einstigen Gesinnung in Verdacht gerät, gefoltert und ins KZ verschleppt wird. Wenn Charlie Juden hilft, aus Nazi-Deutschland zu fliehen. Wenn die stramme Gefolgschaft der Menschen und die schier gespenstische Hitler-Begeisterung der Amerikaner dargestellt wird.

Kutscher zeigt viele Facetten dieser grausamen Diktatur auf und schildert sehr eindrücklich, wie unterschiedlich die Menschen auf diese bedrohliche Zeit reagiert, wie sie mit ihr gelebt haben, wie eng verwoben die Politik mit allen gesellschaftlichen Bereichen war. Die einen nutzen die Diktatur als Karriere-Sprungbrett und sind gewissenlose und gnadenlose Diener Hitlers, die anderen sind Mitläufer und haben sich mit den Verhältnissen arrangiert, weitere stellen sich dem Regime im Alltag entgegen. Rath bleibt sich selbst treu, eckt auch diesmal mit Vorgesetzten an, um seine Ermittlungen mit seinen ganz eigenen Methoden und gemäß seiner persönlichen Einstellung zu führen.

Meisterhaft recherchiert, klug konstruiert

Dieser Kriminalroman vereint Spannung mit Unterhaltung und auf erstaunliche Weise bitteren Ernst mit leisem Humor. Ein Humor, der sich zugegeben manchmal aufgrund dieser bedrohlichen Zeit, dessen Folgen wir nunmehr kennen, auch etwas eigenartig anfühlt. „Olympia“ ist meisterhaft recherchiert, atmosphärisch dicht und klug konstruiert.  Darüber hinaus erweist sich dieser Roman als Krimi, facettenreiches Porträt dieses geschichtlichen Ereignisses sowie als ein Berlin-Roman in einem, der sich auch ohne die Lektüre der Vorgänger-Bände gut lesen lässt. Man kann gespannt sein, wie Kutscher den kommenden Band gestaltet, schließlich ist Gereons Schicksal mit einer geschichtsträchtigen Tragödie verbunden.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Kaffeehaussitzer“ und „LiteraturReich“.


Volker Kutscher: „Olympia“, erschienen im Piper Verlag; 544 Seiten, 24 Euro

Bild von Markus Christ auf Pixabay

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