Samantha Schweblin – „Hundert Augen“

„Was für eine Art Leben führte Mister wohl auf der anderen Seite?“

Sie schnurren, surren, quieken. Sie haben eine tierische Gestalt angenommen, sind Krähe, Maulwurf, Kaninchen oder auch Drache. Sie bewegen sich auf Rollen und beobachten mit Hilfe einer Kamera ihre Besitzer. Wenn ihr Akku leer ist, „sterben“ sie. Kentukis, die auch über Mikrofon, Lautsprecher und ein Übersetzungsprogramm verfügen, verbreiten sich nach und nach auf der ganzen Erde. In ihrem Roman „Hundert Augen“ erzählt Samantha Schweblin von einem zuerst faszinierenden, schließlich jedoch erschreckenden Phänomen, das unserer technisierten und virtuellen Gegenwart sehr nah ist. 

Technik, die die Welt verbindet

Kentukis teilen die Welt in Wesen und Herren ein. Die einen steuern via App das Geschöpf, in dem allerlei Technik steckt, die anderen leben mit diesem für sie faszinierenden Wesen unter einem Dach. Verbindungen über Ländergrenzen hinweg und von Kontinent zu Kontinent werden geschlossen. Marvins Kentuki lebt in Nordnorwegen, er ist in Guatemala zu Hause und sieht mit seinem ungewöhnlichen Gefährten auf der anderen Seite des Globus zum ersten Mal Schnee. Emilia aus Peru steuert einen Kentuki in Erfurt, den sie von ihrem Sohn aus Hongkong geschenkt bekommen hat. Der Italiener Enzo holt sich einen Maulwurf an die Seite, den er „Mister“ nennt. Grigor aus Zagreb hat sogar ein besonderes Geschäftsmodell entwickelt und verkauft gepflegte Kentuki-Beziehungen. Bei seiner Arbeit stößt er auf ein Verbrechen in Südamerika. Selbst in Seniorenheimen kommen die putzigen Kreaturen zum Einsatz. Eine Frau und ein Mann verlieben sich über ihre Kentukis, die in Paris zu Hause sind.

In ihrem Roman „Hundert Augen“ erzählt Samantha Schweblin episodenhaft von einem Phänomen, das durchaus an unsere technisierte und virtuelle Welt samt Social Media sowie Sprachassistenten wie Alexa und Siri erinnern lässt. Die intensive Pflege der Kentuki lässt auch an Tamagotchis denken, die Ende der 90er-Jahre zum letzten Schrei und vor wenigen Jahren anlässlich des 20-jährigen Jubiläums wieder produziert wurden. Schweblin, in Buenos Aires geboren und heute in Berlin lebend, griff für ihre Geschichten auf die Unterstützung von Recherchehelfern zurück. Zu technischen Fragen erhielt sie Auskunft von Spezialisten. Die zahlreichen Orte – insgesamt sind es 25 – kannte sie von ihren Reisen. Die verschiedenen Episoden sind mal kurz mal lang, stehen separat für sich oder werden im Verlauf des komplexen Geschehens weiter erzählt. Wie die Autorin diese zahlreichen Fäden zusammenführt, beeindruckt nicht minder und stellt eine gewisse Herausforderung an den Leser.

„Sie hatte zwei Leben, und das war viel besser, als nur ein halbes zu haben und hinter allem herzuhinken. Und was spielte es letztlich für eine Rolle, wenn sie sich in Erfurt lächerlich machte, dort sah sie doch niemand, und die Zuwendung, die sie dafür bekam, war es allemal wert.“

Es geht in dem Roman nicht nur um das Ende jeglicher Privatheit und über Voyeurismus sowie die über Generationen übergreifende Begeisterung für jene Kuscheltiere mit ihren erstaunlichen Fähigkeiten. Schweblin erzählt anhand ihrer verschiedenen Figuren, wie die Beziehungen zwischen Herren und Wesen sich mit der Zeit wandeln, welche Missverständnisse und tiefe Konflikte entstehen, wie die Steuerer eins werden mit ihrem Kentuki und sich mit ihm identifizieren, die eigene reale Welt vergessen, um in einer fremden, oft weit entfernten Region und in das Leben fremder Personen einzutauchen. Vor allem in der Person von Marvin, jenem Halbwaisen aus Guatemala, wird dies allzu deutlich, der mit seinem Kentuki Herausforderungen bestehen muss und schließlich in einen Kreis aus Kentuki-Befreiern hineingerät. Er wird nahezu eins mit seinem Drachen.

„Hundert Augen“ ist spannend, hochaktuell und nachdenklich stimmend und bereitet eine sehr intensive Lektüre. Die Faszination entsteht auch dadurch, dass dieser Roman keine nähere oder weit entfernte dystopische Zukunft beschreibt, sondern von einer leicht abgewandelten Gegenwart erzählt und von sowohl Menschlichkeit als auch Gefühlskälte, den verschiedenen Emotionen und Optionen des Handelns, berichtet.

Aus einer spielerischen Faszination wird zunehmend Ernst, die Stimmung wird düsterer. In einer Szene geht eine Krähe plötzlich auf die kleinen Töchter einer Frau los, ein Kaninchen im Seniorenheim wird aus Desinteresse am Leben der betagten Menschen kurzum ausgeschaltet, während an einem anderen Ort ein Kentuki in die Tiefe gestürzt wird, weil der Besitzer verstorben ist. Die Protagonisten müssen eine Entscheidung treffen oder verlieren die Kontrolle über ihr zweites Ich – mit mehr oder weniger drastischen Folgen.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „Bookster HRO“, „Das graue Sofa“ und „Wortgelüste“.


Samantha Schweblin: „Hundert Augen“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Spanischen von Marianne Gareis; 252 Seiten, 22 Euro

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