Polly Clark – „Tiger“

„Die Natur verfügt über eine majestätische Kraft, die sich nur in eine Richtung bewegt: nach vorn.“ 

Wie viele andere Tierarten ist auch er vom Aussterben bedroht. Schätzungsweise nur noch 500 Exemplare des Amurtigers, auch Sibirischer Tiger genannt, leben auf der Welt. Die größte Katze unseres Planeten wurde gejagt. Weite Teile ihres Lebensraums in den nordöstlichen Regionen Sibiriens sind zerstört worden. Noch einmal so viele Exemplare sind in Zoos über die ganze Welt verstreut heimisch.  In ihrem zweiten Roman widmet sich die britische Schriftstellerin Polly Clark den seltenen Tieren, ihrer Gefährdung und ihrem Schutz sowie der Faszination des Menschen für die riesigen majestätischen Katzen.

Vom Forschungsinstitut in einen Privat-Zoo

Clark erzählt von Menschen, deren Wirken eng mit dem Amurtiger verwoben sind und deren Schicksal durch die Arbeit und das Leben mit den Katzen schließlich miteinander verbunden wird – trotz einer Entfernung von mehreren Tausend Kilometern. Da ist Frieda Bloom. Die Engländerin erforscht an einem Institut in London das Verhalten und die Kommunikation der Bonobos, einer Menschenaffen-Art. Wegen ihres Fehlverhaltens – sie setzt sich über Regeln hinweg, nimmt Morphin – wird sie gekündigt. Ihr einstiger Mentor verhilft ihr indes zu einer Stelle in einem Privat-Zoo in Devon, wo ein Amurtiger lebt. Als das Tiger-Weibchen Luna neu in den Tierpark kommt, um für Nachwuchs zu sorgen, soll Frieda die Pflegerin des Paares werden. Zum Frust von Gabriel, dem Sohn des Zoo-Chefs, der diese Aufgabe übernehmen wollte und fortan Frieda das Leben schwer macht. Es kommt zu Spannungen und Streit und schließlich zu einer Tragödie, nachdem Frieda im Gehege einen folgenreichen weil lebensgefährlichen Fehler begeht.

Ortswechsel: In einem Lager in der sibirischen Taiga, fern von menschlicher Zivilisation, leben Iwan und sein Sohn Tomas. Iwan hat eine Initiative zum Schutz des Amurtigers inmitten eines Reservates gegründet. Sein Sohn unterstützt ihn dabei. Er stellt Kamera-Fallen auf, um mehr über die seltenen, scheuen, indes auch gefährlichen Großkatzen zu erfahren. Bei einem seiner Touren in die Wildnis stößt er auf ein Mädchen. Das Kind lebt gemeinsam mit seiner Mutter seit Jahren allein im Wald.  Die Frau hat ihr Dorf, eine Siedlung des indigenen Stammes der Udehe, verlassen, nachdem sie ihr Kind zur Welt gebracht hatte. Allein die Natur gibt ihr Nahrung. Eine bescheidene Hütte ist ihr Zuhause. Edit lehrt ihrer Tochter alles, was nötig ist, um im Wald zu erleben.

 „Der Wald argumentiert nicht, der Wald lügt nicht. Der Wald fordert von dir nichts weiter als Respekt. Und der Herrscher über den Wald, der Zar, ist der Tiger.“

Nach den drei Hauptfiguren, Frieda, Tomas und Edit, sind jeweils die großen Kapitel des Buches benannt. Das letzte trägt wie der Roman selbst die Bezeichnung Tiger und bringt die verschiedenen Handlungsfäden und Personen schließlich an einem Ort zusammen. Frieda reist nach Sibirien, um zwei Jungtiere, den Nachwuchs der beiden Zoo-Tiger, auszuwildern. Hier begegnet sie Tomas und Sina.

Drei Außenseiter, deren Leben verbunden ist

Nach sehr viel Dramatik und Tragödien – menschlicher wie tierischer Art – mündet die spannende Geschichte in ein Happy End für alle Seiten, was im Verhältnis zum vorherigen Geschehen indes etwas zu glatt gerät. Clark entwirft mit Frieda, Tomas und Edit drei vielschichtige und charakterstarke Protagonisten, die kein einfaches Leben hatten und durch ihre Erfahrungen zu Außenseitern geworden sind. Aufgrund verschiedener misslichen Verhältnisse konnten sie ihren Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit vorerst nicht ausleben. Tomas leidet unter der Dominanz seines Vaters, Frieda scheitert an den starren Regeln im Institut und an ihrer Morphium-Sucht, die begann, nachdem sie Opfer eines Verbrechens geworden ist. Edit entflieht ihrem Mann, einem Trinker.

Meisterhaft vermittelt Clark Wissen zu den Amurtigern, wie sie leben, sich verhalten, weshalb sie gefährdet und auch gefürchtet sind. Sie schaut förmlich in den riesigen Kopf dieser anmutigen Katzen. Zugleich ist hier Roman voller bildhafter und poetischer Landschaftsbeschreibungen, in dem auch ihr Wirken als Lyrikerin deutlich wird. Darüber hinaus blickt die Autorin auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Russland. Nach der Perestroika und dem Niedergang des sozialistischen Systems gingen viele Männer, desertierte Soldaten wie arbeitslose Arbeiter, in die Taiga, um ihrem früheren Leben zu entfliehen und ein neues zu beginnen. Auch die Konflikte zwischen den Ureinwohnern Sibiriens und der russischen Bevölkerung werden am Rande erwähnt. Jedoch allzu oft wird im Zusammenhang mit Iwans und Tomas Bemühungen der Name Wladimir Putins als Heilsbringer des Tigerschutz-Reservates erwähnt, so dass die Szenen einen leicht bitteren Beigeschmack bekommen.

Engagierte Recherche-Arbeit

Inspiriert wurde Clark, die 1968 im kanadischen Toronto geboren wurde und mittlerweile in Schottland lebt, von ihrer Arbeit als Wärterin im Zoo von Edinburgh, wo sie in Kontakt mit Amurtigern kam. Zudem griff sie auf mehrere Bücher zurück, die sie in ihrem Dank am Ende des Buches erwähnt: auf „Der Tiger“ von John Vaillant und Sooyong Parks „Die große Seele Sibiriens“ sowie den Klassiker der Reiseliteratur „Schlafende Erde – Erwachendes Land“ von Colin Thubron. Außerdem reiste sie nach Sibirien. Ihre persönlichen Erfahrungen sind ihrem atmosphärischen Buch deutlich anzumerken. „Tiger“ ist ein fesselnder und überaus lehrreicher Roman über eine schützenswerte Tierart sowie die Faszination des Menschen für dieses eindrucksvolle Geschöpf. Ein Buch, das sich mit der Rolle und Verantwortung des Menschen in Sachen Natur- und Artenschutz auseinandersetzt; wichtigen Fragen,  die seit einigen Jahren  erfreulicherweise zunehmend ihren Platz in der Literatur finden.

Eine weitere Besprechungen gibt es auf „Sören Heim – Lyrik und Prosa“.


Polly Clark: „Tiger“, erschienen im Eisele Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Ursula C. Sturm; 432 Seiten, 22 Euro

Bild von Marcel Langthim auf Pixabay

10 Gedanken zu „Polly Clark – „Tiger““

      1. danke, Kann ich gern auch noch machen, obwohl meiner schon recht alt ist. Hab das Buch damals ziemlich direkt besprochen…

        (Und das Bild war halt der schönste Tiger auf Pixabay ;) )

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  1. Da ich bereits seit Jahren den WWF bei seinem Projekt für die Amur-Tiger (und übrigens auch Amur-Leoparden) unterstütze, möchte ich mich herzlich für den Hinweis auf dieses Buch bedanken! Das wandert gleich auf den Merkzettel.

    LG aus der kriminellen Gasse & schönen Abend
    Stefan

    Gefällt 1 Person

      1. Ja, es handelt sich dabei um die größte Leoparden-Unterart und um eines der seltensten Tiere der Welt. Verfolge das WWF Projekt jetzt schon seit Jahren und bange dementsprechend mit. Hoffentlich kann diese wunderschöne Großkatze für die Natur und auch nachfolgende Generationen erhalten werden. Hier mal der Link zum Projekt. Falls nicht gewünscht, kannst du ihn natürlich aber auch gerne löschen. :-)
        https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/amur-region/erfolg-fuer-den-amur-leoparden

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  2. habe das auch gelesen und bin mir nicht ganz sicher in meinem Gesamturteil. Interessant vom Thema her und gut zu lesen ist es auf alle Fälle. Aber manchmal war es mir doch (gerade zum Ende hin) etwas zu „kitschig“ auch wenn das Wort nicht so ganz passt, aber das Gefühl, dass es sich nicht um große Literatur handelt ist bei mir geblieben. Dennoch natürlich durchaus lesenswert.

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