Ian McEwan – „Lektionen“

„So viele vergessene Lektionen.“ 

Das ganze Leben. Die Meisterklasse in der Literatur. Schriftsteller haben sich daran abgearbeitet, die einem Menschen gegebene Zeit zu erzählen. Manchen ist es bravourös gelungen, manche sind daran kläglich gescheitert. Der Engländer Ian McEwan zählt zur ersten Gruppe. Denn sein neuer Roman „Lektionen“ ist ein Meisterwerk, das dem Leser einen Leserausch verschafft, der lange im Gedächtnis bleibt. 

Abhängigkeiten 

Doch wo in dieser Besprechung anfangen, wenn die Geschichte nahezu ein ganzes Leben mit all den unzähligen kleinen wie großen Ereignissen sowie den Beziehungen zu zahlreichen Menschen umfasst? Am Anfang oder am Ende des mehr als 700 Seiten umfassenden und damit recht opulenten Buches? Beginnen wir vielleicht einfach beim Titel des Romans, der in der deutscher Übertragung übernommen wurde: „Lessons“ – „Lektionen“ heißt der neue Streich des Briten, der allerdings schon zu Beginn einen Bogen zum Titel schlägt. „Wieder die Klavierstunde“ so beginnt der zweite Satz des Romans. Der Unterricht der Klavierlehrerin Miriam Cornell wird Roland Baines, den Helden, für sein Leben prägen. Die junge Frau verführt den Sohn eines Armeeoffiziers und Schüler eines englischen Internats, der die ersten Jahre seiner Kindheit in Libyen verbracht hat. Eine intensive, indes von gegenseitiger Abhängigkeit getragene Liebesbeziehung beginnt, die erst später den Namen Missbrauch erhalten soll.    

Polish_20221218_124657729Doch Mrs. Cornell ist nicht die einzige Frau, die Baines‘ Leben prägen und die ihm entscheidenden Lektionen erteilen wird. Da sind auch Alissa und Daphne. Erstere ist die Tochter einer Engländerin und eines Deutschen, die ihren Mann und den kleinen gemeinsamen Sohn Lawrence von einem Tag auf den nächsten verlässt, um eine Laufbahn als Schriftstellerin zu beginnen; ihr spurloses Verschwinden wird dabei sogar zu einem Fall für die Polizei. Die zweite ist eine langjährige Freundin, mit der der Held den Bund der Ehe eingeht, als er bereits in die Jahre gekommen ist. Alle Frauen beeinflussen Baines auf ihre jeweilige Art, zu einer bestimmten Zeit in seinem Leben.   

Wo liegt Glück und Zufriedenheit?      

Dabei geht McEwan auch der Frage nach, wie ein Lebensweg entsteht, weshalb verlässt man plötzlich die Spur oder entscheidet sich lieber, auf der vertrauten Bahn zu bleiben. Baines ist dabei kein Held im wörtlichen Sinne. Er hätte ein Großer werden können, vielleicht ein bekannter Pianist oder ein berühmter Autor. Talente hat er ja. Doch er verlässt die Schule ohne Abschluss, arbeitet da und dort: als Bauarbeiter, Klavierspieler in einem Hotel, Tennis-Lehrer und Verfasser von schmalzigen Glückwunschkarten-Sprüchen. Reich wird er nicht im finanziellen Sinne. Nahezu am Ende angekommen erkennt er in seinem bescheidenen Leben und der Familie Glück und Zufriedenheit – dank seines Sohnes, Daphnes Kinder und schließlich durch die Enkelkinder. Selbst der unbekannte Bruder, von dessen Existenz Baines über Jahrzehnte nichts ahnen konnte und der plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht, wird aufgenommen. Doch jeder Verlust mit dem Verstreichen der Zeit wird die Familie und ihn erschüttern. Womöglich mehr, als er damals von Alissa verlassen wurde, die mit ihren, von der Kritik hochgelobten Bestsellern berühmt und mit Preisen überschüttet wird, wobei die kurzen Nacherzählungen ihrer Bücher den Leser womöglich daran zweifeln lassen, dass ihre Romane in der realen Literaturwelt wirklich so erfolgreich sein würden.  

„Bei genauerer Betrachtung aber lösten sich die vermeintlichen Fehler in Fragen auf, Hypothesen, gar in handfeste Gewinne. Bei Letzterem mochte er sich etwas vormachen, doch wenn man ein Leben Revue passieren ließ, war es nicht ratsam, sich allzu viele Niederlagen einzugestehen.“ 

Weit spannt der Brite den zeitlichen Bogen seines Romans. Beginnend mit der Kindheit des Helden, der im Übrigen wie McEwan selbst 1948 zur Welt kommt – es gibt noch weitere Parallelen zwischen Baines und seinen Schöpfer -, führt die Handlung bis in die jüngste Vergangenheit, in die Jahre der Corona-Pandemie. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen spiegeln sich im Leben der Eltern von Baines und seiner Frau Alissa wider, ihr Vater zählte einst zum weiteren Kreis der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ um die Geschwister Sophie und Hans Scholl. Baines ist hingegen ein Kind des Kalten Krieges. Die Kuba-Krise treibt ihn in die Arme seiner Klavierlehrerin. Er reist mehrfach nach Ost-Berlin, erfährt wie das sozialistische Regime Menschen zerstört. Nach der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl bangt er um die Gesundheit seines kleinen Sohnes  Hat er mit dem Mauerfall die große Hoffnung, dass nun die Zeiten von Frieden, Demokratie und Abrüstung beginnen, wird er eines besseren belehrt. Jede Generation wird in diesem Buch die für sie prägenden Ereignisse finden. Ob der Falkland-Krieg, Aids, Nine-Eleven oder der Brexit: Zahlreiche historische Schlaglichter finden sich – wie auch viele Anspielungen und Verweise auf Kunst und Literatur. Das große aktuelle Thema Klimawandel zeigt sich in der Figur von Baines Sohn, der Wissenschaftler wird und mit seiner Familie in Potsdam lebt.    

Beziehungen im Wandel

Und obwohl „Lektionen“ so reich an Themen ist, hat man nie den Eindruck eines „too-much“. Vielmehr macht der Leser die wichtige Erfahrung, wie politische und gesellschaftliche Ereignisse, die letztlich zu Geschichte werden, das Leben eines Menschen beeinflussen, denn nicht immer lässt es sich frei entscheiden, wohin der Lebensweg geht. Oder führt uns das Leben nur? Trotz der Opulenz dieser realen Kulisse lässt es sich McEwan nicht nehmen, den Fokus auch auf die einzelnen verschiedenen Beziehungen des Helden zu lenken – auf deren Beginn und auf deren Ende. So ist „Lektionen“ auch ein Buch der Begegnungen und Wiederbegegnungen, die über das Leben der Charaktere entscheiden. 

McEwans neuester Roman ist im Vergleich zu seinen Werken der vergangenen Jahre umfangreicher. Doch man sollte sich von der Dicke des Buches nicht abhalten lassen. „Lektionen“ bereitet eine rauschhafte Lektüre, ist sowohl bildreiches Kopfkino als auch ein berührendes Porträt eines speziellen Helden und ein großartiges Panorama einer vielschichtigen wie wechselvollen Zeit und lässt uns selbst so manche Lektion erfahren. Was braucht es da mehr?         

Weitere Besprechungen auf den Blogs „Bookster HRO“, „Mikka liest das Leben“ und „Sounds & Books“.  


Ian McEwan: „Lektionen“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Bernhard Robben; 720 Seiten, 32 Euro 

Foto von Andrik Langfield auf Unsplash

2 Kommentare zu „Ian McEwan – „Lektionen“

  1. ich war bei der Lesung mit ihm als er in Berlin war und viel über das Buch erzähtl hatte. Das war total beeindruckend. Ich habe es leider noch nicht gelesen, aber wenn auch du so positiv darüber schreibst, dann gibt mir das noch einmal einen Motivationsschub (obwohl es so dick ist…)

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