Doreen Cunningham – „Der Gesang in den Meeren“

„Das Meer war voller Leben, schien Bewusstsein zu haben, Bewegung zu wollen.“

Von den Lagunen in der Baja California bis zum Arktischen Ozean vor der Küste Alaska erstreckt sich ihr Revier. Doch Giganten brauchen auch ein Riesenreich. Ein ausgewachsener Grauwal kann eine Länge von 15 Metern und ein Gewicht von bis zu 40 Tonnen erreichen. Und sie sind Langstrecken-Wanderer. Die im Ostpazifik beheimatete Population legt auf ihrer jährlichen Reise bis zu 10.000 Kilometer zurück – so viel wie keine andere Säugetierart auf der Erde. Die britische Umweltingenieurin und Wissenschaftsjournalistin Doreen Cunningham begleitete auf einer Tour die auf vielerlei Art imposanten und friedvollen Tiere vom Süden bis in den hohen Norden. Ihre Reise führt dabei auch zu einer inneren Heilung.

Wenn Alaska ruft

Cunningham ist an einem Tiefpunkt angelangt, als sie sich zu ihrer Reise entschließt. Die einstmals renommierte BBC-Journalistin hat London und ihre teure Eigentumswohnung verlassen und lebt mit ihrem kleinen Sohn Max in einem Wohnheim für alleinerziehende Mütter auf der Kanal-Insel Jersey, wo sie aufgewachsen ist. Ein erbitterter und quälender Sorgerechtsstreit mit ihrem früheren Lebensgefährten hat sie um ihre gesamten Ersparnisse gebracht. Als sie sich an einen früheren Recherche-Aufenthalt in Alaska erinnert, kommt ihr der Entschluss, den Riesen der Weltmeere wieder nahe zu kommen. Ein Kredit ermöglicht es ihr, ihren Plan, die Grauwale auf ihrer Wanderung von Süden nach Norden zu begleiten, zu realisieren. Mit ihrem zweijährigen Sohn reist sie nach Übersee. Nach einer Stippvisite in Los Angeles ist die Laguna Ojo de Liebre in der Baja California vor der Küste Mexikos, wo die Grauwal-Mütter ihre Jungen zur Welt bringen, ihre erste Station.

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Die Autorin reist mit dem Flugzeug und mit dem Zug. Sie nutzt auch den Bus und das Taxi, einmal ist sie für kurze Zeit sogar an Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Mal hat sie Glück und sieht die Grauwale, mal hat sie Pech, mehrfach ist sie zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie erlebt ein Wechselbad der Gefühle zwischen Euphorie und Enttäuschung. Sie trifft auf Wissenschaftler und Wal-Freunde, oft aber auch auf Menschen voller Vorurteile, die die alleinerziehende Mutter eines kleinen Jungen argwöhnisch betrachten. Erfahrungen, die Wasser auf die inneren Mühlen gießen, denn Cunninghams Selbstbewusstsein und ihr mütterliches Selbstwertgefühl haben nach der Trennung und dem sozialen Abstieg tüchtig gelitten. Nun, auf ihrer besonderen Reise tankt sie jedoch wieder Kraft, sammelt Wissen, macht bereichernde Erfahrungen und erlebt unter anderem auch Hilfsbereitschaft und Freundschaft.

„Das Meer hingegen umarmte mich und stillte ein unbefriedigtes körperliches Bedürfnis. Ich habe immer gewusst, dass es ein anderes Universum in sich trägt, dass sich irgendwo in dieser endlosen Weite andere Lebewesen aufhalten, sanfte wie der Wal.“

All das teilt sie in ihrem sehr eindrücklichen weil bildreichen und atmosphärischen Reisebericht mit dem Leser, der nicht nur lernt, dass sich Wale in prähistorischer Zeit aus Huftieren heraus entwickelten haben und einen besonderen Gemeinschaftssinn pflegen. Wie der Titel des Buches verrät, geht die Autorin und Journalistin vor allem auch auf die komplexe Kommunikation und Orientierung der Wale unter Wasser ein, deren Leben und Bestand indes aus vielerlei Gründen, beispielsweise durch Klimawandel und Verschmutzung sowie den Lärm unter dem Meeresspiegel aufgrund von Schiffsverkehr, Ölindustrie und Militär, gefährdet sind.

Zu Gast bei den Inupiaqs

Ihre Reise entlang der Westküste Nordamerikas ist dabei auch eine Zeitreise. Ihre Erinnerungen führen sie zurück in die teils auch tragische und tränenreiche Kindheit, in ihre Zeit als erfolgreiche Journalistin, als sie sich drängenden Umweltfragen verschrieben hat, und in ihre toxische Beziehung zu Pavel. Schon immer hat sie eine besondere Bindung zum Meer und der Wasserwelt, ihr Vater, ein stiller Mann, war Biologe. Den überwiegenden Teil des Rückblicks widmet sie ihrer Zeit in Alaska, wo sie sich in Utqiaġvik, eine der nördlichsten Städte der Welt, einer Walfänger-Crew angeschlossen und von der indigenen Bevölkerung nach und nach auch Respekt erlangt hat. Hier verliebte sie sich in Billy von der Gruppe der Inupiaq, hier erfuhr sie, was die Kultur und Traditionen der indigenen Bevölkerung – ein Prinzip ist das Teilen in der Gemeinschaft – ausmachen und wie diese durch gewaltvolle Assimilierung nahezu zerstört wurden.

Mit „Der Gesang in den Meeren“ ist Doreen Cunningham ein eindrucksvolles weil berührendes und vielschichtiges Debüt aus einem sehr persönlichen Memoir, spannenden Reisebericht und wissenschaftlicher Dokumentation gelungen, mit dem sie auf der Shortlist des Eccles Centre and Hay Festival Writers Award 2021 stand. 2020 wurde die Autorin mit dem RSL Giles St Aubyn Award ausgezeichnet. Ihr Erstling, der über zwei Kartenzeichnungen sowie ein umfangreiches Quellenverzeichnis verfügt, sensibilisiert darüber hinaus für das Thema Umweltschutz und mahnt vor allem vor den Folgen von Klimawandel und Meeresverschmutzung, die schon jetzt sichtbar sind. Einen Teil der Einnahmen aus ihrem Buch fließen nach Alaska – in einen Freiwilligen-Verbund, der in der Tundra und auf dem Meereseis nach Vermissten sucht, sowie in das staatlich anerkannte Ißisagvik College, das unter anderem die Geschichte, Werte, Traditionen und Kenntnisse der Inupiaq vermittelt.


Doreen Cunningham: „Der Gesang in den Meeren. Meine Reise mit den Walen“, erschienen im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Karen Witthuhn; 368 Seiten, 23 Euro

Foto:  National Oceanic and Atmospheric Administration/wikipedia

2 Kommentare zu „Doreen Cunningham – „Der Gesang in den Meeren“

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