Lesen und Lernen am Fjord – Zu Besuch in der Deichman-Bibliothek in Oslo

Das erste Ziel einer Reise ist meistens ein besonderes. Nach der Ankunft und dem Check-in im Hotel führen mich meine Wege in Oslo zum Ann-Cath. Vestlys plass. Den Fjord und das spektakuläre Opern-Gebäude im Rücken betrete ich die neue Deichman-Bibliothek. Durch die gläserne Fassade schimmert warm das Licht. Bereits am Nachmittag setzt Anfang Dezember die Dämmerung ein. Schnell stellen sich ein Gefühl und ein besonderer Gedanke ein: Diesen Ort möchtest du am liebsten nicht mehr verlassen. Im Juni 2020 eröffnet, legt die Einrichtung in Sachen Bibliothekswesen in Europa die Messlatte hoch. 2021 wurde sie von der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) zur „Public Library of the Year“ gekürt. Weshalb wird nur nach wenigen Minuten klar.     

Gläsernes Wohnzimmer 

Die Bibliothek ist ein Ort für alle, in der ein geschäftiges Treiben auf Ruhe und Konzentration trifft. Auf der zweiten Etage spielen Kleinkinder mit ihren Eltern, auf dem Teppich ist das Wort „Barnvogn-Parkering“ (Parkplatz für Kinderwagen) zu lesen. Eine Etage darunter und darüber lernen Jugendliche und junge Menschen. Manche nutzen die Computer-Arbeitsplätze oder blicken auf ihre Laptops. Andere sitzen in bequemen Sesseln, lesen oder schauen auf ihre Smartphones. In einem anderen Bereich wird gegessen. Für Bibliotheksdirektor Knut Skansen soll das Haupthaus ein „Wohnzimmer“ für die Osloer sein. Eine gigantische Wohlfühl-Arena, die sich auf 19.600 Quadratmeter und sechs Etagen erstreckt, die ein Kino, Lounges, Werkstätten und ein Restaurant umfasst. Rund 450.000 Medien sind hier zu finden. Rolltreppen und Aufzüge bringen den Besucher an den gewünschten Ort. Das gläserne Haus, das durch verschiedene Eingänge betreten werden kann, ist sieben Tage die Woche geöffnet. Das digitale Angebot reicht von einem 20 Sprachen umfassenden Wörterbuch und einer Filmbibliothek bis hin zu einem Artikelarchiv, E-Medien, Apps, Podcasts und eine Lern-Plattform. Die Bibliothekskarte ist für Nutzer kostenlos.  

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Namensgeber ist Carl Deichman (1705-1780), Eisenhüttenbesitzer und Buchliebhaber gleichermaßen. In dem Haus, in dem er gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm wohnte, traf sich zu seinen Lebzeiten die kulturelle Szene Christianias. Seine gesamte Büchersammlung von rund 6.000 Bänden vermachte er mit seinem Tod der Stadt Oslo, der Grundstock für die Deichmanske Bibliotek war gelegt. 1785 eröffnet, gilt sie als die älteste Volksbibliothek Norwegens. Heute umfasst sie 22 Filialen in Oslo mit einem Gesamtbestand von 1,1 Millionen Medien, wobei die Hauptbibliothek das Flaggschiff darstellt. Einst im Viertel Hammersborg beheimatet, zog die Einrichtung mit dem Neubau in den Stadtteil Bjørvika an der gleichnamigen Bucht, das sich zu einem modernen Viertel gemausert hat und drei der wohl spektakulärsten Kulturbauten Nordeuropas umfasst: die Oper, die Deichman-Bibliothek und das neue Munch-Museum, von dem sich ein Tag später bei einem Besuch ein atemberaubender Blick auf Bjørvika bietet.

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Hinter dieser Entwicklung steht ein klares Konzept: Im Zuge der Errichtung der Oper, 1999 vom Parlament beschlossen und 2008 eröffnet, wird auch das Projekt „Fjordbyen“ („Fjordstadt“) aus der Taufe gehoben; das größte Stadterneuerungsvorhaben in der norwegischen Geschichte, das wohl bis in kommende Jahrzehnte andauern wird. 2009 bekommt nach einem international ausgeschriebenen Architektur-Wettbewerb die beiden Osloer Architektur-Büros Lundhagem und Atelier Oslo den Zuschlag. 2014 beginnt die Errichtung des architektonisch herausfordernden Gebäudes, das nicht nur mit der nur einen Steinwurf entfernten Oper harmonieren, sondern auch den Ansprüchen von Energieeffizienz und Nachhaltigkeit entsprechen soll. Die Planer nutzen für ihre Arbeit das Verfahren der 3D-Modellierung. Oberlichter lenken die Sonnenstrahlen ins Innere, der Beton dient als Wärmespeicher. Zum Einsatz kommen zudem Recycling-Stahl und -Kunststoff. Wohl jeder Gast staunt beim Anblick des riesigen Panoramafensters im großen oberen Lesesaal, der an ein Amphitheater erinnert, sowie über das freischwebende Obergeschoss. Die Baukosten betragen am Ende 230 Millionen Euro. Rund zwei Millionen Besucher werden pro Jahr erwartet. 

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Doch nicht nur das große Ganze beeindruckt. Es sind die vielen Details wie Kunstwerke, historische Verweise oder auch digitale Anzeigetafeln, die meine Aufmerksamkeit fesseln. Wie verschiedene Menschen hier unter einem Dach zusammenkommen, um zu lesen, zu lernen, sich zu treffen, wie Familienfreundlichkeit gelebt wird, hat mich sehr beeindruckt.  

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Ganz oben, in der fünften Etage hat ein besonderes Kunst-Projekt der schottischen Künstlerin Katie Paterson seinen Platz gefunden. Die Future Library sammelt Texte von 100 Schriftstellern, die erst in 100 Jahren veröffentlicht werden sollen. Den ersten Beitrag übergab die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood im Mai 2015. Zu den bisher ausgewählten Autorinnen und Autoren zählen David Mitchell (Großbritannien), Sjón (Island),  Elif Shafak (Frankreich), Han Kang (Südkorea), Karl Ove Knausgård (Norwegen), Ocean Vuong (USA), Tsitsi Dangarembga (Simbabwe) sowie die deutsche Schriftstellerin Judith Schalansky. Neben der Textsammlung wächst in der Nordmarka vor den Toren Oslos ein kleiner Wald aus 1.000 Fichten heran, aus dessen Holz das Papier hergestellt wird, auf dem die Texte gedruckt werden sollen. Die Stadt Oslo als Träger des Hauses versichert den Erhalt der Bibliotheksräume über die Dauer von mehr als 100 Jahren mittels eines Vertrages.   

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Auch am letzten Tag meines Besuchs in Oslo sehe ich mir die Bibliothek noch einmal an – einmal mehr mit dem guten Gefühl der Hoffnung, dass Bibliotheken auch in Zeiten der Digitalisierung eine Zukunft haben allen kritischen Stimmen und Abgesängen zum Trotz. Für mich war die Reise nicht nur eine Tour in den hohen Norden, sondern auch in gewisser Weise eine Zeitreise. Denn nicht nur diese eindrucksvolle Bibliothek im Herzen Oslos beweist, dass das skandinavische Land in vielen Dingen Vorreiter ist. Wer es besucht, wird es schnell spüren. 

Weitere Informationen zur Deichman-Bibliothek auf der offiziellen Seite, auf der es auch Informationen in englischer Sprache gibt. Die Einrichtung liegt sehr zentral und ist gut über den öffentlichen Nahverkehr angebunden; in der Nähe befindet sich der Osloer Hauptbahnhof sowie die Straßenbahn-Haltestelle Bjørvika.

6 Kommentare zu „Lesen und Lernen am Fjord – Zu Besuch in der Deichman-Bibliothek in Oslo

  1. So – jetzt möchte ich nach Oslo :) Danke fürs Mitnehmen und wenn wir dann fahren, hole ich mir bei dir auf jeden Fall vorab Literaturtipps für die Reise. Liebe Grüße, Sabine

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