Drei Frauen – Svealena Kutschke „Stadt aus Rauch“

„Sie hatte gerade die Angst vor der Dunkelheit verloren, als sie lernte, dass es die Dunkelheit war, in der Menschen verschwanden.“

Lübeck – Hansestadt und Weltkulturerbe, an der Trave gelegen, bekannt für Marzipan und als Schauplatz des berühmten Thomas-Mann-Romans „Die Buddenbrooks“, erste Großstadt, die während des Zweiten Weltkriegs bei einer Flächenbombardierung der Alliierten Tod und Verwüstung erfuhr. Lübeck zählt für mich zu den charismatischsten Städten des Nordens, hat Geschichte und Geschichten geschrieben. Eine ist nun mit dem neuen Roman von Svealena Kutschke dazugekommen, der die wechselvolle Historie der Stadt mit jener einer Familie auf unnachahmliche Art und Weise verschmelzen lässt. 

Generationen einer Lübecker Familie

Dabei ist vorauszuschicken: Die Autorin bewegt sich mit ihrem Werk auf bekannten Terrain, ist sie doch in Lübeck geboren. Und diesem Roman ist die Vertrautheit durchaus anzumerken, schildert sie die Schauplätze aus ihrem Wissen heraus sehr präzise und plastisch, vor allem die Straße Gröpelgrube, in der die drei Frauen des Romans, Hauptgestalten des Geschehens, zu Hause sind. Das sind Lucie Hinrichs, Freya Petersenn und Jessie Mertens, drei aufeinanderfolgende Generationen, die mehr als nur das Blut verbindet. Sie vereint eine gewisse Dunkelheit und Verlorenheit, die aus der düsteren Familiengeschichte heraus entstanden ist.

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Lucie überlebt im Mutterleib den Suizid ihrer schwangeren Mutter, die in die Trave springt, und wird förmlich ins Leben gerettet. Später morphiumsüchtig, lebt sie als Ehefrau an der Seite von Christoph Maria Petersenn, der aus einer gut situierten Familie stammend, als Schauspieler wenig erfolgreich ist und schließlich Herr von unzähligen Karteikarten und wie sein Bruder Alfons aktiver Teil der Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches und zum Täter wird. Freya wird in den Krieg und die Zerstörung hineingeboren, von der Mutter kaum wahrgenommen, fragt sie sich, wohin ihr geliebter Großvater, der Maler Michél Hinrichs, gegangen ist. Auch das Verhältnis zu ihrer Tochter Jessie ist nicht von Vertrautheit und seelischer Bindung geprägt. Als ihr Mann Jürgen die Familie verlässt, kann Freya das Abdriften ihrer Tochter in die Punk-Szene nicht verhindern, die in den späten 1980er- und 1990er-Jahren einen provozierenden Gegenpol zum Establishment bildet, sich Straßenkämpfe mit den Nazis liefert, im Drogensumpf nahezu versinkt. Jessie verbringt als Jugendliche einige Zeit in der Psychiatrie, beginnt später eine Ausbildung bei einem Bestatter.

„Sie sah die kalten Augen, mit denen die Stadt seit tausend Jahren auf die Fremden schaute, sah hochgezogene Zugbrücken, geschlossene Tore, befestigte Mauern. Sie sah dem Teufel in die Augen und begriff, dass alles, was sie tun konnte, vollkommen belanglos war. Dass der Einzelne niemals gezählt hatte.“

Obwohl drei Frauen im Mittelpunkt stehen, werden die Männer in dieser Geschichte nicht vergessen. Sie erscheinen ebenfalls als sehr eigene, kräftig gezeichnete Charaktere, die dieses historische und vielstimmige Panorama bereichern, das indes kein übermäßig großes Figurenkarussell vereint. Ganz im Gegenteil. Bis auf wenige Randfiguren wie Nachbarn und Freunde konzentriert sich das Geschehen nur auf die Taten und Erlebnisse der Familienmitglieder, in die sich helle und die dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte des 19. und des 20. Jahrhunderts hineingeprägt haben. Der zeitliche Bogen reicht vom Kaiserreich und der folgenden Weimarer Republik mit den Goldenen Zwanzigern und der verheerenden Inflation über die unheilvolle und menschenverachtende Zeit des Nationalsozialismus, Krieg und Untergang bis hin zu den Demonstrationen in der BRD und dem Wiedererwachen der Fremdenfeindlichkeit mit dem Brandanschlag im Januar 1996 auf ein Lübecker Ausländerheim, der zehn Tote fordert. An einigen Stellen und mit Blick auf dieses Thema könnte man meinen, die Autorin schlägt dabei kommentarhaft auch einen Bogen in die Gegenwart.

Neben der Spiegelung von realen geschichtlichen Ereignissen im Leben der Protagonisten, erhält der Roman einen weiteren sehr markanten Anstrich als Kontrast: Mystisch geht es zu, sagenhafte Figuren tauchen auf, wie der Teufel, der zu den weiblichen Protagonisten ein besonderes Verhältnis pflegt und über die Jahrhunderte die Taten der Menschen ganz genau beobachtet, oder der grausame Roggenbuk, der am Grund der Trave sitzt und auf sein nächstes Opfer wartet. Ein entfernter Vorfahr der Familie verwandelt sich nach schwerer Krankheit in Stein. Doch dieser märchenhafte Grundton überlagert indes nicht jenen, der den Roman besonders prägt: Eine dunkle Stimmung ist immer zu spüren, trotz eines recht eigenwilligen Humors. Der Tod spielt eine große Rolle, ist stetiger Begleiter. Die Szenen in der Zeit des Dritten Reiches entwickeln eine intensive drückende wie beklemmende Wirkung auf den Leser, wie die seelenlosen Denunziationen, bei denen mit einer Aussage ein Mensch in Gefahr gebracht, gar damit ein Todesurteil im Voraus unterschrieben wurde, der Hass auf Juden und Künstler, die Lügen der Propaganda, die die Verhältnisse in den Konzentrationslager schön redet oder letztlich auch die schreckliche Zerstörung durch Brandbomben.

Sprachgewalt und Poesie

Auch sprachlich bereitet „Stadt aus Rauch“ ein Leseerlebnis. Svealena Kutschke beschreibt mit viel Kraft, Poesie und einer erstaunlichen Leidenschaft und Unbändigkeit Figuren und Orte, erzeugt Stimmungen, die den Leser einnehmen und einen Sog entwickeln. In den Zeiten mal hier mal dort unterwegs, verliert sie nie den roten Faden aus den Augen. Nur am Ende hätte ich mir gewünscht, dass der Fokus wohl ein wenig mehr auf die Schuld der Familie und das schwierige Verhältnis zwischen Lucie und Freya als auf das unstetige, ziellose  und teils auch dramatische Leben von Jessies Punk-Clique gerichtet wäre. Für mich zählt „Stadt aus Rauch“, im Übrigen während des Ostsee-Urlaubs und damit unweit von Lübeck gekauft, zu den schönsten Lektüre-Erfahrungen des Jahres und erweist sich als Entdeckung einer Autorin, von der ich weitere wunderbare Romane wünsche.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Literaturen“.


Svealena Kutschke: „Stadt aus Rauch“, erschienen im Eichborn Verlag; 672 Seiten, 24 Euro

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