Wunden – Gilles Marchand „Ein Mund ohne Mensch“

„Man kann seine Narben nicht auf ewig vor seiner Familie verbergen.“ 

Er ist Sichtschutz wie Schutzschild. Er bewahrt vor Blicken wie er seinen Träger vor Reaktionen und damit vor der stetigen Erinnerung an ein schreckliches Ereignis schützt. Der namenlose Ich-Erzähler in dem Debüt des Franzosen Gilles Marchand mit dem Titel „Ein Mund ohne Mensch“ trägt seit frühester Kindheit einen Schal, der den Hals und die untere Partie des Gesichtes verbirgt. Warum das so ist, wird erst am Ende des Romans, der neben dem Schicksal seines Helden viele kleine wundersame Geschichten enthält, erzählt. 

Denn der Protagonist, Mittvierziger und Beatles-Fan, beginnt in einer lauschigen Runde in seinem Pariser Stammcafè im Beisein seiner zwei besten Freunde Thomas und Sam sowie Lisa, der Bedienung hinterm Tresen, von seinem geliebten Großvater Pierre-Jean zu erzählen, der ein ganz besonderer Mensch war. Nicht nur, weil er bei seinen langen Streifzügen durch die Stadt hilfsbedürftige Tiere aufgelesen und mit nach Hause gebracht hat. Er befüllte die Kindheit seines Enkels mit Geschichten, meist wundersamer Natur, beispielsweise wie er einst am Ufer der Seine einen Elefanten fand oder von jenem Bergwerk unterhalb von Paris, wo untertage Nudeln geborgen werden, worauf die berühmte Kathedrale Notre-Dame Stein für Stein abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden musste. Sam liest hingegen verrückte Briefe vor, die aus der Feder seiner Eltern zu stammen scheinen, obwohl sie bereits verstorben sind. Mit der Zeit kommen immer mehr Menschen in das Café, um den wunderlichen Erzählungen zu lauschen. Erst füllen sie nur das Lokal, später sogar den Platz davor. Stört ein Zuhörer, indem er schwatzt oder seinen Kommentar abgibt, wird er zugleich von anderen streng ermahnt.

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Während der namenlose Held seinen Zuhörern im Café von seinem Opa, einem Vertreter von Nähmaschinen, berichtet, gibt er dem Leser des Romans wiederum Einblicke in sein eigenes banales wie von Ritualen gesättigtes Leben – mit Geschichten der ebenfalls teils absurden Art. Täglich begegnet er einer Dame mit Hund und schaut bei der Bäckerin vorbei. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Buchhalter. Während sein Beruf zeigt, dass er gut mit Zahlen umgehen kann, beweisen seine Geschichten und Erzählungen, dass er vor allem ein guter Beobachter ist mit einem Hang zum Irrwitzigen. So erzählt er beispielsweise davon, dass nach dem Tod der Concierge vor dem Haus der Müll zu einem Berg anwächst, schließlich ein Tunnel gegraben werden muss. Auch von einer Python und von merkwürdigen Straßenmusikern ist an anderen Stellen die Rede. Begebenheiten, die nahezu kafkaeske Züge tragen und den Leser vom Helden und dessen Schicksal eigentlich entfernen lassen, er womöglich darauf mit Ungeduld und Ratlosigkeit reagiert. Doch das ist kein Fehler des Autors, sondern vielmehr ein Geniestreich, in dem sich eine wichtige Aussage des Buches im Stil des Romans wiederfindet.

„Ich habe nur eine Methode. Die, die Pierre-Jean sein Leben lang gewissenhaft angewendet hat. Sich nicht mit der Wirklichkeit belasten, sondern die Gegenwart abwandeln, um die Vergangenheit zu vergessen.“

Und diese Taktik geht voll und ganz auf – bis zu den letzten Seiten: die Methode des Großvaters, das Leben des Enkels mit farbigen Geschichten auszuschmücken, um die schreckliche Vergangenheit vergessen zu lassen, erfährt am Ende ihren Abschluss, birgt letztlich aber auch die Erklärung für das ständige Tragen des Schals, das Leben als verschlossener Einzelgänger. An dieser Stelle soll nicht allzu viel verraten werden, denn die Ereignisse sind dramatisch und ungemein ergreifend. Nur so viel: Der Erzähler hat die Schrecknisse des Zweiten Weltkrieges, die Gewalt der deutschen Wehrmacht nach der Besetzung Frankreichs selbst erlebt. Er ist Opfer und Überlebender, der viel verloren hat –  und nicht nur sein unversehrtes Äußere. Realen Hintergrund bilden die Ereignisse am 10. Juni 1944 in Orodour, als die Waffen-SS nahezu alle Einwohner des Ortes tötete. Mehr als 40 Jahre danach, in jener Zeit, in dem die Handlung angesiedelt ist, ist an die Stelle des Hasses und der Wut gegenüber den Deutschen indes Trauer und Hoffnung auf Versöhnung getreten. Eine besondere Szene, bei der der Erzähler und sein Großvater die Sterne beobachten, verdeutlicht dies.

Für seinen Erstling erhielt Marchand in seinem Heimatland viel Zuspruch seitens der Leser, Kritiker und Buchhändler. Im Anhang des Romans berichtet er auch von seiner Inspiration für sein Debüt. Einmal mehr zeigt sich in seinem wunderlichen wie wundervollen Buch, wie großartig es den Franzosen immer wieder in der Literatur wie im Film gelingt, auf unvergleichlich menschliche Weise die Melancholie und Dramatik mit Humor und Lebensfreude zu vereinen. „Ein Mund ohne Mensch“ lässt einen lachen und weinen und beim Leser das besonders warme Gefühl entstehen, Zeit einem kleinen literarischen Juwel gewidmet zu haben, das sich einträgt in die Liste der besonderen Lektüreerlebnisse.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „leseschatz“ und „LiteraturZeit“.


Gilles Marchand: „Ein Mund ohne Mensch“, erschienen im austernbank Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Bettina Deininger; 250 Seiten, 19,90 Euro

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