Zwei Welten – Elena Ferrante „Die Geschichte der getrennten Wege“

„Mein Etwas-Werden hatte sich in ihrem Fahrwasser vollzogen.“

Zweifellos: Die Neapolitanische Saga um die beiden Mädchen und späteren Frauen Elena und Lila ist ein literarisches Phänomen,  über das man noch in einigen Jahren reden wird. Und sicherlich werden die vier Bücher über deren Freundschaft über die Kindheit hinaus weiterhin gelesen werden. Da spielt es wohl kaum mehr eine Rolle, dass ein ehrgeiziger Journalist die wahre Identität hinter dem Pseudonym Elena Ferrante nach ausgiebiger Recherche herausgefunden hat. Im Mittelpunkt steht das Werk. Punkt! Das wird allzu sehr deutlich, als der nunmehr dritte Band sogleich nach seinem Erscheinen Rang eins der Spiegel-Bestsellerliste belegte, während die Erinnerung an die Schlagzeilen nahezu verblasst sind. Eine Erscheinung, für die ich persönlich Genugtuung empfinde, denn aller journalistischer Eifer in Ehren, ein schützendes Pseudonym sollte ein Pseudonym bleiben. 

Herausforderungen des Lebens

„Die Geschichte der getrennten Wege“ heißt nun der dritte Band. Die Handlung schließt nahtlos an Band zwei „Die Geschichte eines neuen Namens“ an und setzt ein, als Elena die ersten Schritte als Autorin geht und bereits mit ihrem ersten Buch Erfolg feiern kann, während ihre beste Freundin Lila als Mutter eines kleinen Kindes in einer Wurstfabrik schuftet. Und während Elena mit ihrem Verlobten und späteren Mann Pietro, Spross der einflussreichen und ehrwürdigen Familie Airota, nach Florenz zieht, bleibt Lila in Neapel zurück und lebt an der Seite von Enzo einen recht speziellen Mittelweg zwischen loyaler Freundschaft und aufkeimender Partnerschaft.  Mehr und mehr wird das Band zwischen beiden jungen Frauen dünner. Beide sind von den Herausforderungen und Schwierigkeiten des Lebens sowie von den Zerwürfnissen mit den Eltern gezeichnet. Auch Elena kommt an ihre Grenzen: Zwar verkauft sich ihr Debüt gut, herbe Kritiken bleiben jedoch nicht aus. Als sie schwanger wird und ihre Tochter Dede zur Welt kommt, wachsen ihr die Anforderungen als Mutter und Hausfrau nahezu über den Kopf, während ihr Mann Pietro sich voll und ganz seinem wissenschaftlichen Wirken an der Universität widmet. Elena vernachlässigt das Schreiben und Lesen und damit ihre intellektuellen Fähigkeiten.

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Man schreibt die 70er Jahre. Es ist eine unruhige Zeit. Die Studentenproteste haben Italien erreicht. Zudem bekriegen sich in Neapel Kommunisten und Faschisten aufs Blut, wo auf beiden Seiten auch Bekannte und Freunde Lilas und Elenas mehr oder minder furchtlos agieren. Pasquale, Sohn der Tischler-Familie Peluso, ist Kommunist,  während die gefürchteten Solara-Brüder Marcello und Michelle die Fäden bei den Faschisten ziehen. Linke wie Rechte verzeichnen in ihren Reihen Tote. Diese erbitterte Gewalt und diese Bedrohung selbst für Nichtbeteiligte verleihen dem dritten Band der Saga eine gewisse Düsterkeit über seinen nachdenklichen Anstrich hinaus. Auch die beiden Freundinnen sind darin involviert: Lila und Elena engagieren sich auf unterschiedliche Art und Weise für die Rechte der Arbeiterschaft in der Wurstfabrik.

„Eine Gemeinschaft, die es normal findet, so viel weibliche Intelligenz mit der Sorge um Kinder und Haushalt zu ersticken, schadet sich selbst und merkt es nicht mal.“

Die politische Unruhe im Land bildet nur ein spannendes Feld des dicht gestrickten Romans. Im Mittelpunkt rückt zunehmend die Frage nach der Rolle der Frau, das langsame Aufbrechen verkrusteter Strukturen, die Suche nach der persönlichen Freiheit und dem persönlichen Lebensweg. Gerade jene Jahre im Leben Elenas zeigen diesen Wandel, diesen Kontrast zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und persönlichen Amibitionen. Sie lebt zwischen zwei Welten; und nicht nur da sie eine herbe Sehnsucht nach Neapel empfindet: Ist sie doch sowohl Hausfrau und Mutter – später wird noch die zweite Tochter Elsa geboren –  als auch ehrgeizige Autorin, die die Arbeit an einem zweiten Buch aufgenommen hat und da unter anderem auch von Nino, Freund aus Kindheit und Jugend, dem auch Elenas Verlangen gilt, Ermutigung erfährt. Er wird im Laufe des Geschehens neben Lila, die trotz der geografischen Entfernung weiterhin für Elena Leitstern und Lotsin bleibt, eine zentrale Rolle einnehmen. 

Wieder wird das Geschehen nur aus Elenas Perspektive erzählt, ohne indes die Gedanken und das Verhalten der anderen Protagonisten, allen voran Lila, in den Hintergrund zu drängen oder sie gar auszublenden. Darin liegt ebenfalls Reiz wie Anspruch dieser Geschichte. Wie sowohl das äußere Geschehen mit seinen Ereignissen und den unterschiedlichen Beziehungen zwischen den Personen als auch deren Innenleben literarisch vermittelt wird, ist eindrucksvoll und ungemein fesselnd. Die Erzählerin blickt nicht nur auf die Geschehnisse, sie sieht sich vielmehr als Teil dieser und von ihnen beeinflusst. Obwohl der persönliche Kontakt bis auf die Besuche in Neapel weniger wird, bleibt Elena mit dem Rione, in dem sie aufgewachsen ist, sowie dessen Einwohner verbunden; auch dies wohl eine Botschaft an die Leser mit Blick auf die Bedeutung von Heimat sowie Kindheit und Jugend für das spätere Leben als Erwachsener. Mit Schrecken nimmt Elena schließlich wahr, dass Lila sowie ihre jüngere Schwester Elisa mit den Solaras mehr und mehr verbunden sind: die Erstgenannte als Angestellte von Michelle, die Letztere als Verlobte von Marcello.

Abschlussband erscheint im Februar

Zum Abschluss gibt es den bereits aus den beiden Vorgänger-Bänden bekannten Cliffhanger, der die Neugierde auf den Folgeband und damit den Abschluss der Saga spürbar verstärkt. Zugute ist im Übrigen Band zwei und drei zu halten, dass sich der Leser trotz einer Pause durch das zeitversetzte Erscheinen schnell in die Handlung findet; auch dank einer praktischen Personenübersicht am Anfang des jeweiligen Buches. Mit Band vier „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ erscheint Anfang Februar der letzte Band. Nach dessen Lektüre werde ich – das kann ich schon jetzt sagen – die Geschichte um Elena und Lila irgendwie vermissen, womöglich lese ich alle vier Bücher in einigen Jahren noch einmal, mit einem ganz anderen Hintergrund. Allerdings fände ich es interessant, wenn auch Lila ihren Blick auf die Geschehnisse erzählen könnte. Es müssen dann nicht gleich vier Bänder sein, ein sehr dicker würde genügen, um das Ferrante-Fieber bei „Temperatur“ zu halten, denn das schwächt nicht, sondern bereichert vielmehr.


Elena Ferrante: „Die Geschichte der getrennten Wege“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Karin Krieger; 540 Seiten, 24 Euro

Foto: Thommie Weiss/pixelio