Lebenswege – Elena Ferrante „Die Geschichte eines neuen Namens“

„(…) und es gibt kein Zurück, das Leben führt uns, wohin es will.“ 

Vier Bände, ein Welterfolg, eine lebenslange Freundschaft und die Offenlegung des Pseudonyms der Autorin: Viel ist bereits über das #FerranteFever geschrieben worden, die Begeisterung für die Neapolitanische Saga über die ungleichen Mädchen und späteren Frauen Lila und Elena. Wie es meistens bei literarischen Phänomen und Spitzentiteln ist, die von den Verlagen umfangreich beworben werden – es scheiden sich die Geister daran. Die einen loben, die anderen verschmähen das Buch. Nach dem ersten Band „Meine geniale Freundin“ habe ich den zweiten Band mit dem Titel „Die Geschichte eines Namens“ gelesen. Und ich kann bereits an dieser Stelle sagen: Das Fieber hält an. Vor allem aus einem besonderen Grund heraus. 

Denn mittlerweile reise ich mit der Geschichte nicht nur in die 50er und 60er Jahre und in Neapels ärmliches Viertel Rione. Mir kommt häufig der Gedanke, ob die Autorin – ein Recherche-Team fand heraus, dass hinter Elena Ferrante die Übersetzerin Anita Raja verborgen ist – nicht auch aktuelle gesellschaftliche Missstände kritisieren will. Geschäftstüchtige Clans mit fragwürdigen Gebaren gibt es ebenso wie die Geringschätzung der Frau und die Kluft zwischen Arm und Reich. Auch die unterschiedlichen Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, sind damals wie heute Thema. All das beschreibt Ferrante weiter in Band zwei, der sich an das erste Buch direkt anschließt. Die Hochzeit Lilas mit dem Gemüsehändler Stefano und die Erkenntnis des 16-jährigen Mädchens, dass sie von ihrem Mann zu Gunsten seines eigenen Verhältnisses zur mächtigen Solara-Familie geschäftlich getäuscht wurde, bildete den Cliffhanger.

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Die Jahre vergehen. Während Lila Ehefrau ist, ein Kind verliert, in den Geschäften ihres Mannes arbeitet und den Wohlstand genießt, besucht Elena, die Ich-Erzählerin, weiterhin die Schule. Trotz Versagensängsten, fehlendes Selbstbewusstsein und der mangelnden Unterstützung ihrer Eltern behauptet sie sich dort, wird später die Hochschule in Pisa besuchen. Ihre Jugendjahre erscheinen wie ein Fluss, der mal träge plätschernd, mal mächtig strömend vorbeizieht. Im Gegensatz dazu Lilas Jahre des Erwachsenwerdens – eine überschwängliche Achterbahn-Fahrt aus guten und schlechten Zeiten. Ihre Ehe mit Stefano steht unter keinem guten Stern. Er schlägt sie, lässt an ihr seinen Frust los. Auch der Stolz und das nahezu divenhafte Benehmen seiner Frau spielt in den Spannungen zwischen den beiden eine nicht unwesentliche Rolle. Während eines nahezu sorgenlosen Sommers am Meer auf Ischia verliebt sich Lila in den einstigen Mitschüler Nino, in den auch Elena vernarrt ist, und wird schwanger. Der Bruch mit Stefano ist nur eine Frage der Zeit. Doch Nino und Lilas frische Liebe ist ebenfalls nicht von Dauer. Die Wirrungen und Irrungen sorgen für reichlich Gesprächsstoff. Die Solara-Brüder nutzen den ehelichen Zwist, ihre Machtposition weiter auszubauen und im Hintergrund die Fäden für ihr weit verzweigtes Netz zu ziehen – zum erheblichen Nachteil von Lilas Bruder Rino und Vater Fernando und ihrer Schuhwerkstatt.

„Ich bin, was ich bin, und ich kann nichts anderes tun als mich akzeptieren; ich bin so geboren, in dieser Stadt, mit diesem Dialekt, ohne Geld; ich werde geben, was ich geben kann, werde mir nehmen, was ich nehmen kann, werde ertragen, was ertragen werden muss.“

Haben in dem ersten Band die beiden Freundinnen einen Großteil ihrer Zeit gemeinsam verbracht, gehen sie nun als junge Frauen ihre eigenen Wege. Obwohl beide von dem engen Band der Freundschaft wissen, von den schönen und weniger schönen Erinnerungen an eine gemeinsame Kindheit zehren, ist es meist Elena, die den Kontakt sucht. War der erste Band trotz der Problematik der Armut und der kriminellen  und bedrohlichen Machenschaften ein heiterer, lebenslustiger, zieht sich durch das zweite Buch eine Ernsthaftigkeit, sogar eine gewisse Düsterkeit. Lila ist in ihrer Ehe und den Ansprüchen ihrer Familie und der Bewohner des Viertels gefangen, Elena weiß, dass sie trotz Fleiß, Ehrgeiz und Erfolge nie ihre Herkunft hinter sich lassen kann. Beide werden Opfer körperlicher wie seelischer Gewalt, beiden werden auferlegte Geschlechterrollen zur Last, weil sie andere Vorstellungen für ihr Leben haben. Ein Hauch von Zärtlichkeit zieht indes durch jene berührenden Szenen, in denen von Lila und ihrem kleinen Sohn Rinuccio berichtet wird.

Die Spannung des Geschehens liegt in den überraschenden Wendungen und der Psychologie der erneut eindrucksvoll weil auch mit ihren Widersprüchen gestalteten Charakteren sowie ihren Differenzen. Elena ist eine Erzählerin, die sich selbst kritisch betrachtet und oft auch widerstreitende Gefühle entwickelt. Ihr Bericht basiert sowohl auf eigenen Erlebnissen als auch den Schreibheften Lilas, die sie später liest, und den Schilderungen ihrer Freunde. An einigen Stellen reflektiert sie ihr Schreiben, das ihr später großen Erfolg bescheren wird, während Lila, mittlerweile dank der Hilfe Enzos, eines Freundes aus Kindertagen, aus Neapel „geflohen“, in der Armut versinkt.

Band drei mit dem Titel „Die Geschichte der getrennten Wege“ wird im August erscheinen, Band vier „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ im Februar kommenden Jahres. Die Lesefreude und beeindruckende Lektüre-Erfahrung dank des zweiten Buches mit einer Sogwirkung, der man nahezu hilflos ausgeliefert ist, sollte es zweifellos möglich machen, dass das Ferrante-Fieber noch einige Zeit andauert.


Elena Ferrante: „Die Geschichte eines neuen Namens“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Karin Krieger; 624 Seiten, 25 Euro

Foto: Mathias Klingner/pixelio.de

2 Comments

  1. … dann freuen wir uns auf band 3, der uns dann den (spät)sommer gestalten wird… 😉

    du hast ja meine kritik gelesen. obwohl mir das buch (natürlich) auch sehr gut gefallen hat, hatte es für meine begriffe doch ein paar längen. aber egal, bei einer so guten erzählerin wie ferrante schmälert das den genuss letztlich kaum.

    liebe grüße

    Gefällt 1 Person

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