Phänomen – Elena Ferrante „Meine geniale Freundin“

„Wir waren arm und mussten reich werden, wir hatten nichts und mussten es schaffen, alles zu haben.“ 

Zugegeben: Das Phänomen Ferrante hat mich schon etwas beängstigt, zugleich aber auch fasziniert. Ein Weltbestseller von einer Autorin, die sich hinter einem Pseudonym verbarg und für unzählige Schlagzeilen sorgte. Ein Roman, der keine Weltgeschichte erzählt, sondern „nur“ von einer Freundschaft zweier junger Mädchen, die in einem sozialen Brennpunkt Neapels leben. Ich las „Meine geniale Freundin“, den Auftakt der vierbändigen Reihe – die folgenden Romane werden im Laufe des kommenden Jahres bei Suhrkamp erscheinen -, nachdem nicht nur die Identität der wahren Autorin mit Namen Anita Raja durch einen italienischen Enthüllungsjournalisten offenbart wurde, sondern das Buch bereits in den meisten Medien und auf zahlreichen Blogs besprochen wurde. Viele sehen in dem Roman eine eindrucksvoll erzählte Mädchen-Freundschaft, andere lieben, wie die Kulisse Neapels beschrieben wird. Ich habe das Buch noch unter einem ganz anderen Aspekt betrachtet und würde es jedem ans Herz legen, selbst wenn es nicht schon diese riesige öffentliche Aufmerksamkeit bekommen hätte.

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Damit auch jene, die an dem Phänomen Ferrante bewusst oder unbewusst vorbeigelebt und -gelesen haben, einen Eindruck vom Geschehen des Buches erhalten, gibt es noch einige Einblicke in die Story. Im Mittelpunkt stehen die beiden Mädchen Lila Cerullo und Elena Greco, die eine ist die Tochter eines Schusters, die andere die des Pförtners der Stadtverwaltung Neapels. Die Familien wohnen im Rione, einem eher bescheidenen Viertel der Stadt, weit vom Meer und den Prunkmeilen entfernt. Lilas und Elenas Wege trennen sich allerdings, als Elena die weiterführende Schule besucht, während Lila ihrer Mutter im Haushalt sowie Vater und Bruder in der Werkstatt helfen soll. Ihre Freundschaft bleibt indes bestehen, obwohl der Alltag nicht mehr ein gemeinsamer ist, sich die Mädchen auch charakterlich voneinander unterscheiden. Lila ist die eher aufmüpfige und intelligente, die sich Latein und Griechisch selbst beibringt und bis in die Jugend hinein Bücher verschlingt, Elena das eher in sich gekehrte und strebsame Mädchen, das in der Bildung den Weg fürs Leben sieht.

Sie ist es auch, die aus einem Abstand von mehreren Jahrzehnten die Erlebnisse erzählt, die in den 50er Jahren angesiedelt sind. Das plötzliche Verschwinden Lilas weckt Elenas Erinnerungen. Der erste Teil ihres Berichts umfasst dabei die Jahre der Kindheit und frühen Jugend – von der ersten Begegnung der beiden späteren Freundinnen, das „Besiegeln“ der Freundschaft bis in das Jahr, als beide das 16 sind. Eine Zeit wie keine andere, in der die Unterschiede besonders groß werden: Lila steht vor der Heirat mit dem Lebensmittelhändler Stefano, dem Sohn von Don Achille, einem einst von beiden Mädchen gefürchteten Mann, Elena besucht hingegen das Gymnasium, ist eine dort eine sehr erfolgreiche Schülerin, allerdings wenig glücklich mit der Beziehung zum Automechaniker Antonio.

Der Roman beindruckt zuerst einmal mit seinen Beschreibungen des Viertels und dessen Bewohner. Selbst die Nebenfiguren erhalten einen eigenen Charakter, eine eigene Familiengeschichte. Zwischen den Familien gibt es besondere Beziehungen, die freundschaftlich oder spannungsgeladen sind. Auch in den Familien herrscht nicht immer eitel Sonnenschein. Lila und Elena werden mit ihren Eigenheiten, ihren Hoffnungen und Lebensträumen, aber auch Ängsten und Sorgen sowie den Aueinandersetzungen mit den Eltern äußerst lebendige und vielschichtige Charaktere. Elena kämpft nicht nur darum, dass ihre Eltern in ihre Ausbildung investieren, sondern auch um deren Anerkennung. Lila hat es schwer, als Helfer in der Schuster-Werkstatt eigene Träume in Form von eigenen Entwürfen zu verwirklichen. Die enge Verbindung zwischen ihnen, jenes unsichtbare Band, das einschneidende Veränderungen erlebt, mal enger, mal weiter geknüpft ist, beschreibt die Ich-Erzählerin da aus der Erinnerung heraus zwar lebensklug allerdings stets liebevoll. Ihr Erzählstrom ist eine wundersame, meist episodenhafte Mischung aus Rückblicken auf besondere Ereignisse sowie sehr persönlichen Gedanken zum eigenen Seelenleben, zu Lilas Charakter sowie zur gemeinsamen Freundschaft.

„Es lag etwas Unerträgliches in den Dingen, in den Menschen, in den Wohnhäusern und in den Straßen, etwas, das nur annehmbar wurde, wenn man wie in einem Spiel alles neu erfand.“

Mit jedem Kapitel und mit fortlaufendem Geschehen werden nicht nur die Personen plastischer. Die Geschichte gewinnt an inhaltlicher Tiefe, die ich unglaublich faszinierend fand. Sicher kann jeder dieses Buch auf seine Art und Weise lesen, ihn unter die Rubrik Freundschaft, Entwicklungs- oder Stadtroman stellen. Als ich die letzten Seiten gelesen habe, wurde mir indes allzu deutlich klar, dass ich das Werk zwar ebenfalls unter die genannten Bereiche  einordnen könnte, aber dabei ein Gedanke allzu sehr überwiegt. Die Geschichte von Lila und Elena und die des Viertels Rione stellt sich für mich vielmehr wie ein Abbild und Mikrokosmos dar, der ungeschriebene, indes sehr wohl bekannte gesellschaftliche Gesetze sehr klar widerspiegelt. Das sind Beziehungen und Abhängigkeiten, die wichtig sind, um sich in einem bestimmten Kreis durchzusetzen, selbst wenn man sich dabei unterordnen, eine Rolle spielen muss, das sind eingefahrene Gleise, traditionelle Rollenzuweisungen, die schwer zu entkommen beziehungsweise abzuschütteln sind. Auch der Kontrast zwischen Arm und Reich zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.

Egal, wie der Roman gelesen wird. Mir hat er wundersame, berührende wie erhellende Lesestunden bereitet, mit denen die Vorfreude auf die folgenden Bände gewachsen ist. Selbst wenn „Meine geniale Freundin“ als Auftaktroman nicht jene Aufmerksamkeit erhalten hätte und vielleicht ein Buch von vielen geblieben wäre, ein Geheimtipp, den man zuerst der besten Freundin verrät, ich würde diesen Roman ohne zu Zögern in die Kategorie „Lebensbuch“ einordnen.


Elena Ferrante: „Meine geniale Freundin“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Karin Krieger; 422 Seiten, 22 Euro

Foto: Raphaela C. Näger/pixelio.de