Vor Anker – Bohuslav Kokoschka „Ketten in das Meer“

„Alles wird zu Asche, denkt daran, was bist du, was bin ich, Asche!“

Kokoschka: Fällt dieser Nachname wird wohl meist der bekannte österreichische Künstler mit dem Vornamen Oskar (1886 – 1980) gemeint. Doch künstlerisch tätig und das auf sehr vielseitige Weise war auch dessen jüngerer Bruder Bohuslav, der sechs Jahre später zur Welt kam. Er war Maler, Grafiker und Autor. Sein Roman „Ketten in das Meer“, den Kokoschka bereits ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und mit frischen Erinnerungen an die Zeit als Soldat verfasst hat und erstmals 1972 unter dem Titel „Logbuch des B.K.“ im Münchner Ehrenwirth Verlag erschienen war,  gilt es jetzt, in einer Neuausgabe des Wiener Verlags Edition Atelier zu entdecken. 

Im Mittelpunkt steht ein junger namenloser Soldat aus Wien, der sich freiwillig zum Kriegsdienst in der Marine meldet. Nachdem er erst einige Zeit in einer Kaserne als Geiger und Mitglied einer Stabskapelle verbracht hat, wird er später auf einen Admiralskreuzer, der vor der jugoslawischen Küste vor Anker liegt, dienen. Die Front scheint weit weg zu sein.  Als jedoch der Kaiser seinen Besuch ankündigt und Italien die Herausgabe der Flotte Österreich-Ungarns fordert und als Verbündeter zur Seite der Feinde wechselt, brechen unruhige Zeiten an. Große Schlachten werden nicht beschrieben, vielmehr wird jene Welt im Ausnahmezustand und die Zeit voller Gewalt in Szenen, die nahezu „auf leisen Sohlen“ daherkommen und den Leser überraschen, deutlich. Das sind Todesmeldungen, die traurigen Abschiede auf Bahnhöfen, auf denen sich Soldaten und ihre Angehörige oft ein letztes Mal sehen, eine Hafenstadt, die evakuiert wurde, Selbstmorde, die auch hochrangige Soldaten verüben, oder das Leid  und die Not der Zivilbevölkerung.

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Der junge Soldat lernt während seines Dienstes psychische Kälte und Hierarchie-Denken der Armee sowie die Weitläufigkeit der Kaserne und die verwinkelten Ecken des Kreuzers kennen. Er lebt sich nur schwer ein, wird mehrmals hart bestraft. Freunde zu finden, gelingt ihm kaum. Die zahlreichen Sprachen, die die Soldaten ob ihrer Herkunft sprechen, erschweren das Miteinander zudem. Ein Tagebuch eines jungen Mädchens – ihre Identität wird wie auch bei anderen Personen im Hintergrund nie wirklich klar – bewahrt er wie einen Schatz auf. Fast wie spiegelverkehrt wirkt schließlich der Rahmen jenes Kriegsgeschehens: Maza, eine junge Postmitarbeiterin, stößt auf mysteriöse Weise auf die Aufzeichnungen jenes Soldaten, die den Titel „Ketten in das Meer“ tragen und von denen sie sich kaum lösen kann und die sie auch auf ihrer Fahrt vom Meer in die Berge begleiten, wo sie, strafversetzt wegen eines Vergehens, das sie nicht verübt hat, fortan wohnen und arbeiten wird. Der junge Marine-Angehörige erweist sich mit seinen „Memoiren“ nicht nur als guter Erzähler. Seine niedergeschriebenen Erlebnisse zeigen von einer guten Beobachtungsgabe, die vor allem durch bildhafte und detailfreudige Schilderungen deutlich wird.

„Dieser Gesang brachte mir die Unsinnigkeit meiner Lage zum Bewußtsein, einer Lage, die sich nur darauf gründete, daß ich wie die übrigen Hundertausende überzeugt sein sollte, daß es so sein mußte, obwohl die Macht, die mir diesen Glauben aufzwang, sich nur auf diesen Glauben allein stützen konnte und diese Macht zusammenbrach, wenn ich mit den Hundertausenden bloß jenen Glauben änderte.“

Nicht nur verschiedene Zeiten – Kriegs- und Nachkriegsjahre -, sondern auch ganz unterschiedliche Protagonisten und Schicksale vereint dieser Roman. Neben dem jungen Marine-Soldaten und der Postmitarbeiterin finden sich die tragische Liebesgeschichte eines Studenten, die Erlebnisse einer Opernsängerin und das Schicksal eines kleinen Mädchens, das aufs Land und in die vermeintliche Sicherheit geschickt wird. Nahezu modern könnte man deshalb Kokoschkas eigenwilliges Werk nennen, das verschiedene Zeitebenen und Erzählerstimmen umfasst und keine einfache Lektüre darstellt. Nicht nur wegen der eindrucksvollen Konstruktion. Vielmehr erstaunt und verunsichert der Kontrast zwischen der vermeintlichen Harmonie in der Kaserne weit ab von der Front entfernt und dem bekannten Gemetzel in den Schützengräben. Zudem stellt das Ende – vor allem ein tragisches Ereignis, das Maza ereilt – den Leser vor Rätseln.

In einem Vorwort zu diesem Band schreibt der östereichische Schriftsteller und Herausgeber Adolf Opel über Leben und Werk Bohuslav Kokoschkas, das sich sowohl in die Literatur als auch in die bildende Kunst sowie in die Musik erstreckt. Zeugnis des Schaffens ist dabei nicht nur dieser Roman, sondern sind auch einige Zeichnungen, die mit dieser Neuausgabe von „Ketten in das Meer“ erstmals veröffentlicht werden und den Text begleiten. Bereits im ersten Kriegsjahr wurde Kokoschka zur Kriegsmarine einberufen, während sein Bruder Oskar in einem Dragoneregiment an der Ostfront zum Einsatz kommt und dort schwer verwundet wurde. Seine niedergeschriebenen Erlebnisse sollten erst Jahrzehnte später an die Öffentlichkeit gelangen. Verlage lehnten sein Werk ab – mit der Begründung, nach einem großen Krieg sei man nicht interessiert an einem Kriegsroman. Zehn Jahre nachdem Kokoschka seinen Roman verfasst hatte, sollte 1929 mit „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque ein Kriegsroman und Klassiker erscheinen.


Bohuslav Kokoschka: „Ketten in das Meer“, mit einem Nachwort von Adolf Opel; erschienen im Verlag Edition Atelier; 344 Seiten, 25 Euro

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