Der Sohn – Hanne Ørstavik „Liebe“

„Es kommt manchmal vor, dass etwas in dir geschieht, ohne dass du dir dessen bewusst bist.“

Am nächsten Tag sollte sein Geburtstag sein, Jon sollte neun Jahre alt werden. Es ist ein Abend im Winter. Viel Schnee liegt. Jon und seine Mutter verlassen das gemeinsame Haus, ohne zu wissen, was der jeweils andere tut. Sie waren vor wenigen Monaten aus dem Süden in diese Stadt gezogen. Die Norwegerin Hanne Ørstavik erzählt in ihrem Kurzroman „Liebe“ nun die Geschichte von Mutter und Sohn und die eines einzigen Abends, der möglicherweise das Leben beider verändern wird.

Vibeke arbeitet als Kulturbeauftragte der Gemeinde, Jon besucht die örtliche Schule. Einen Mann, einen Vater gibt es nicht. Wer oder wo Jons Vater ist, wird nur in einem Traum des Kindes erzählt, in dem der Vater in einer Uniform auftaucht und traurige Geschichten erzählt. Die Hintergründe der Mutter-Sohn-Beziehung, dieser kleinen und reduzierten Familie, wird in nur wenigen Andeutungen berichtet. Allgemein baut die Autorin die Vergangenheit von Jon und Vibeke und ihr einstiges Umfeld in nur wenigen Sätzen im Verlauf der Handlung nach und nach auf.

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Denn Ørstavik ist in ihrem Heimatland bekannt für ihren Stil: Sie gilt als Minimalistin ersten Ranges, hat für ihr Schaffen bereits zahlreiche Literaturpreise erhalten, so für ihr Werk „Presten“ („Die Pastorin“, DVA) den renommierten Brage-Preis. Bekannt ist die 1969 geborene Norwegerin nach ihrem Debüt mit dem Titel „Hakk“ 1994 eben mit dem bereits 1997 veröffentlichten Buch „Die Liebe“, im Original mit „Kjærlighet“ überschrieben, das nun in einer wunderbaren, dem klaren sprachlichen Stil angepassten, aber trotzdem liebevollen Ausstattung im Karl Rauch erschienen ist.

„Irgendwann werden wir mit der Oberflächlichkeit der Sprache zurechtkommen, und bis dahin werden wir uns auch ohne Worte verstehen.“

Die Zeit der Handlung ist auf einen Abend und wenige Stunde der kommenden Nacht reduziert, die Sprache verknappt: In kurzen und meist beschreibenden,  detailreichen Sätzen und in einfacher Sprache wird von Vibeke und ihrem Sohn Jon, der unkontrolliert blinzelt, vor allem Science Fiction mag und zum Geburtstag eine Märklin-Eisenbahn wünscht,  erzählt. Abschnitte mit kommentierenden Gedanken zum  Thema oder zur Situation von Mutter und Sohn gibt es nur wenige. Der Erzähler fokussiert sich allein auf die Orte und das Geschehen. Jon und Vibeke machen im Laufe der wenigen Stunden Bekanntschaften: Jon einen alten Mann, ein Mädchen und deren Eltern sowie eine merkwürdige Frau, die ihm mit dem Auto mitnimmt. Vibeke lernt auf einem Jahrmarkt einen Mann kennen, den sie in dessen Wohnwagen und später in eine Bar begleitet. Dabei wollte die junge Frau und Vielleserin in der Bibliothek des Ortes, die an jenem Abend jedoch geschlossen ist, neue Bücher für die kommenden Tage ausleihen.

Beide Handlungsstränge, die Wege und Erlebnisse von Mutter und Sohn, werden gegeneinandergesetzt. Dieser oftmals harte Schnitt der Szenen erschafft Spannung und ein leichtes Gefühl der Beklemmung. Als Leser denkt man unweigerlich, dass der Junge eigentlich zu solch später Stunde und auch wegen der eisigen Winterskälte im Bett liegen müsste und hofft, dass ihm nichts passieren wird. Auch Vibeke glaubt ihren Sohn im Bett, wodurch es schließlich zu einem Missverständnis kommt, das letztlich mit Blick auf den offenen Schluss des Buches ein gewisses Entsetzen erzeugen kann, je nachdem, wie der Leser die letzte Szene in seinen Gedanken weiterführt.

„Liebe“ beschreibt auf ungewöhnliche Weise von einer engen und besonderen Bindung zwischen Mutter und Sohn und bleibt trotz seiner Kürze und seiner auf den ersten Blick unaufgeregten Handlung, doch gerade wegen den Möglichkeiten des Lesers, diese stille Geschichte weiter zu füllen, sehr lang im Kopf.


Hanne Ørstavik: „Liebe“, erschienen im Karl Rauch Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Irina Hron; 120 Seiten, 18 Euro

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