Wunderkind – Morten Brask „Das perfekte Leben des William Sidis“

„Es gibt wohl kein Leben, das richtiger ist als ein anderes.“

Im Alter von 18 Monaten bringt er sich das Lesen selbst bei. Als Sechsjähriger lernt er Latein, entwickelt zudem eine eigene Sprache. Mit zehn Jahren liest er „Das Kapital“ von Karl Marx. Elfjährig wird er an der Elite-Universität Harvard immatrikuliert. William James Sidis (1898 – 1944) galt als Wunderkind. Er hätte ein großer Wissenschaftler werden, mit seinen Ideen die Welt womöglich ein wenig verändern können. Doch er zog sich in die Anonymität zurück und scheiterte – nicht wegen seiner beeindruckenden intellektuellen Fähigkeiten, sondern vor allem aufgrund seines teils feindlichen Umfeldes. Der Däne Morten Brask hat Sidis‘ Leben in seinem jüngst erschienenen Roman literarisch verarbeitet.

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Brask, Jahrgang 1970, studierte in Kopenhagen neben dem Fach Geschichte auch Filmwissenschaften. Er ist Filmemacher, Regisseur mehrerer Dokumentarfilme, und das ist seinem Roman auch anzumerken. Erzählt wird das Leben William Sidis‘ in Episoden, zudem nicht chronologisch, sondern in zahlreichen Zeitsprüngen. Damit entsteht eine spannende wie bilderreiche und atmosphärisch dichte Lektüre. Die Kindheit und die Jugend des Amerikaners, dessen Eltern jüdischer Abstammung sind und aus der Ukraine in die USA eingewandert waren, wird verwoben mit dem Scheitern, der Ausgrenzung, die bereits in der Schule beginnt und letztlich sein ganzes Erwachsenen-Leben beeinflussen wird.

Früh beginnen die Eltern Sarah und Boris, das Kind auf ihre Weise zu prägen und zu fördern. Beide sind Mediziner, Boris zählt zu den angesehensten Psycho-Pathologen des Landes. Nie sehen sie ihren Sohn als Genie oder Wunderkind an, sondern als normalen Jungen, den es so gut es geht zu fördern gilt. Von kindlichen und ausgelassenen Spielen mit Gleichaltrigen halten die Eltern nicht viel. Vielmehr wird William, der über ein fotografisches Gedächtnis verfügt, früh an Sprache und an Bücher herangeführt, an das Beobachten und logische Denken. Doch diese Erziehung schlägt mit den Jahren ins Negative um: Allzu hoch sind die Ansprüche, vor allem der Mutter, die enttäuscht ist, als der 16-Jährige sein Studium nur mit einem „cum laude“ abschließt. In der Ehe von Boris und Sarah kriselt es, es gibt Spannungen, Auseinandersetzungen. In der Schule und später während des Studiums ist William ein Außenseiter, der schikaniert und gehänselt wird. Einzig und allein in dem Kommilitonen Nathaniel Sharfman lernt er einen treuen Freund kennen. Seine tiefen Gefühle zu der sozialistischen Aktivistin Martha, mit der er Veranstaltungen und Kundgebungen besucht, für Teilnehmer aus anderen Ländern zugleich als Übersetzer wirkt, werden nicht erwidert. Eine gewalttätige Demonstration 1919 in Boston führt dazu, dass Sidis verhaftet wird. Die Medien, allen voran ein etwas verschrobener Journalist, begleiten ihn ein Leben lang. Nachrichten sowohl vom steilen Aufstieg  als auch des späteren Skandals der Verhaftung, die zum Abstieg führen soll, sorgen landesweit für Aufmerksamkeit. Als Grundlage für den Roman dienten dem Autor sowohl Sidis‘ eigene Aufzeichnungen wie Bücher, Briefe und Artikel als auch Schriften aus fremder Feder wie Gerichtsprotokolle oder Erinnerungen von Zeitzeugen. Eine Internetseite des Sidis-Experten Dan Mahony versammelt zudem die wichtigsten Dokumente.

„Es gibt eine unmittelbare Parallele zwischen den Flügeln des Engels und einer Hummel, die scheinbar zu klein sind, um den Auftrieb zu sichern. Aber die Hummel kann starten und fliegen, weil ihre Flügel zweihundertmal in der Sekunde rotieren und schlagen und die Hummel gleichzeitig mikroskopische Richtungsänderungen der Flügelbewegungen unternimmt. Das erzielt einen nichtlinearen unstabilen aerodynamischen Effekt, da der konstante und blitzschnelle Wechsel über den Flügeln einen Wirbelwind von Hochgeschwindigkeitsluftströmen erzeugt, der den Auftrieb hervorruft. Es ist nicht auszuschließen, dass ein Engel den gleichen aerodynamischen Effekt nutzt wie die Hummel (….).“

Die Welt jener Zeit findet sich in zahlreichen Andeutungen und Schilderungen. Albert Einstein wird als Schüler des deutschen Physikers und Mathematikers Hermann Minkowski erwähnt. Beide Weltkriege prägen die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vor allem jedoch die verschiedenen politischen Systeme des Kapitalismus und des Kommunismus, die Furcht und der Hass in den USA auf die Bewegung in Russland und deren Anhänger im eigenen Land spielen eine wichtige Rolle in diesem Roman. Denn in seiner faszinierenden Gedankenwelt, die mit zu den schönsten Szenen des Buches zählen, setzt er sich nicht nur mit naturwissenschaftlichen Thesen und Gesetzen auseinander. Der hoch sensible Sidis sympathisiert offen mit dem Sozialismus, kämpft gegen Ungerechtigkeit und Gewalt. Geld achtet er zeit seines Lebens gering. Er kommt mit wenig Geld aus, verarmt gar, als er aus dem beengten Raum seines Elternhauses ausbricht, das zu einem Gefängnis geworden war. Er hält sich mit Jobs über Wasser, die er nach wenigen Wochen jedoch kündigt – aus Angst, von seinem Arbeitgeber und Kollegen erkannt zu werden.

Brask bringt mit seinem eindrucksvollen Buch, das sicherlich eine hervorragende Vorlage für eine Verfilmung liefern könnte, Sidis als Genie und Außenseiter dem Leser sehr nah. Man empfindet Ehrfurcht vor seinen Leistungen, Abscheu für jene Schikanen und die Respektlosigkeit gegenüber seinen eindrucksvollen Fähigkeiten, Trauer angesichts eines tragischen und frühen Todes, den der Däne unvergleichlich ergreifend schildert. Zwangsläufig fragt man sich, warum ein solch besonderer Mensch keinen ihm gebührenden Platz in der Gesellschaft finden kann. Der Titel verweist dabei  wohl nicht auf das reale Leben des Genies, sondern vielmehr auf ein mögliches, von ihm gewünschtes – für sich und alle andere Menschen.


Morten Brask: „Das perfekte Leben des William Sidis“, erschienen im Verlag Nagel & Kimche, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle; 368 Seiten, 24 Euro

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