Vom Feuer – Nicol Ljubić „Ein Mensch brennt“

„Die Wirklichkeit aber ist ein Wechselspiel zwischen Erbanlagen und Erlebtem.“

Jan Palach, Oskar Brüsewitz, Hartmut Gründler. Drei verschiedene Männer aus unterschiedlichen Städten, die doch auf die selbe Art und Weise ihrem Leben ein Ende und zugleich ein letztes Zeichen ihres Protestes gesetzt haben. Sie übergossen sich mit Benzin und zündeten sich selbst an. Ein unvorstellbar grausamer Tod. Während der Prager Student Palach und der Zeitzer Pfarrer Brüsewitz gegen das Diktat der Sowjetunion beziehungsweise die Unterdrückung der Kirche in der DDR protestierten, gehörte Gründler in den 1970er-Jahren zu den Gegnern der Atomkraft. In seinem neuen Roman „Ein Mensch brennt“ erinnert Nicol Ljubić an den einstigen Lehrer und Umweltaktivisten und erzählt zugleich eine berührende Familiengeschichte. 

Familie bricht auseinander

Es sind die Kelsterbergs, die 1975 Gründler als Untermieter aufnehmen. Er bezieht die kleine und bescheidene Wohnung im Souterrain, scharrt die Anhänger seiner selbst gegründeten Arbeitsgruppe Lebensschutz um sich und schreibt Protestbriefe und Info-Blätter. Während Vater Kurt den Umweltaktivisten als Spinner bezeichnet und belächelt, wird Mutter Gründlers Anhängerin und Helferin, die in ihm einen Visionär erkennt. Ihr gemeinsamer Sohn Hanno ist Zeuge der besonderen Veränderungen im Haus. Er steht an der Seite seiner Mutter und erzählt mehr als 30 Jahre später von jener unheilvollen Verbindung zwischen Gründler und der Familie sowie jener Zeit, die unterschieden wird in „vor Hartmut“ und „nach Hartmut“, wobei erstere die glücklichere war. Denn das Treiben Gründlers spaltet die Familie und führt zu den das Kind prägenden Auseinandersetzungen zwischen den Eltern. Nach dessen qualvollem Freitod im November 1977 in Hamburg verlässt Marta ihren Mann, um fortan mit Sohn Hanno weit weg von Tübingen in Berlin zu leben. Vater Kurt wird zu einem Schatten der Vergangenheit, der aus dem Leben von Mutter und Sohn nach und nach verschwindet. Er, Unternehmer, Lebemann und Freund schneller Autos, konnte mit den Aktionen Gründlers nicht viel anfangen und verurteilte es, dass seine Frau und sein Sohn mit in die gesellschaftskritische Bewegung hineingezogen werden, zu Demonstrationen fahren, Briefe schreiben, die Bewegung, so weit es möglich war, mitleben.

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In dieser interessanten Verbindung zwischen einer fiktiven Familiengeschichte und einer realen Figur der Zeitgeschichte setzt Ljubić zeitliche Markierungspunkte: die Amtszeit Helmut Schmidts, die Anschläge und Morde der Roten Armee Fraktion, später der Zwischenfall in Tschernobyl. Die Katastrophe in Fukushima ist Anlass für die erneuten Erinnerungen der Mutter und des Sohnes – an die damaligen Jahre, an das Wirken Gründlers, der mit der Zeit nahezu in Vergessenheit geraten ist, zum Leidwesen der Mutter, die das Gedenken an Gründler lebendig halten will, nie sich als Opfer oder nach dem furchtbaren Freitod des „Visionärs“ verraten fühlte. Sohn Hanno schildert sowohl seinen Blick auf die Geschehnisse als nunmehr Erwachsener, der nie ein normales Leben mit Familie und erfolgreich im Beruf geführt hat, als auch von seinen Gefühlen und Gedanken als Kind, das er war.

Der Sohn – ein Fußballfan

Ist das Auseinanderbrechen der Familie, der Selbstmord Gründlers, der später stiller werdende Kontakt zwischen Sohn und Vater verbunden mit Trauer und Melancholie, gibt es durchaus auch humorvolle Szenen. Hanno ist Fußballfan durch und durch.  Eifrig und mit einem erstaunlichen Durchhaltevermögen, angefacht auch von den finanziellen „Spenden“ des Vaters, sammelt er die Bilder seiner Mannschaft, um sein über alles geliebtes Album zu füllen. Er kennt die Torstatistik der meisten Spieler, welche Haare sie tragen, in welchem Club sie spielen. Von Hoeneß bis Hitzfeld. Auch von den neuen Ernährungsgewohnheiten, durch Gründler angestoßen, erzählt Hanno mit einem gewissen Augenzwinkern.

„Damals wusste ich noch nicht, dass alles im Leben einer Kausalität folgt, das habe ich erst viel später begriffen. Denn alles lässt sich erklären, dazu bedarf es nur ausreichend Fantasie. Es gibt keine Gegenwart ohne Vergangenheit, und zu jeder meiner Entscheidungen und jeder meiner Handlungen lässt sich eine Verbindung herstellen zu Erlebnissen in meiner Kindheit.“

„Ein Mensch brennt“ ist dabei nicht nur ein Roman über Hartmut Gründler und eine Familie, die an den unterschiedlichen Meinungen und Lebensauffassungen der Eltern scheitert und auseinanderbricht. Ljubićs Buch erzählt von einer sehr engen Mutter-Sohn-Beziehung, deren Facetten der Ich-Erzähler sehr deutlich erfasst, sowie von Martas allmählicher Emanzipation, die sich von ihrem Mann Kurt lossagt, um ein eigenständiges und freies Leben zu führen, ohne eingesperrt zu sein in diesem Käfig aus Forderungen, nur Mutter und Hausfrau und bitte schön doch keine politisch kluge Aktivistin zu sein.  Zudem berichtet der mehrfach preisgekrönte Journalist und Autor in seinem neuesten Werk über eine ungewöhnliche Kindheit, die von nur wenigen Jahren besonders geprägt wurde. Dem Leser bleibt es dabei überlassen, die Beziehungen zwischen Gründler und Marta sowie Marta und ihrem Sohn einzuschätzen und zu bewerten. Obwohl der Gedanke nahe liegt, dass eine Kette der Abhängigkeiten entstanden ist, die beim charismatischen Untermieter bis zum Sohn der Familie reicht.

Nachdenken über die Gegenwart

Neben diesen vielen spannenden Themen und Schichten, die wie die verschiedenen Zeitebenen ineinandergreifen, sowie dem gesellschaftlich-politischen Hintergrund überzeugt der Roman vor allem mit seinen häufig stillen, aber ausdrucksstarken Szenen. Gegen Ende meint man als Leser, alle Facetten der Beziehung zwischen Gründler und der Familie und deren Auswirkungen in Form einer zweifachen, ineinander verschränkten Tragödie zu kennen. Doch dem Autor gelingt es mit teils schockierenden Informationen und Bekenntnissen, die unvermittelt und überraschend daherkommen, bis zum Ende die Spannung zu halten. „Ein Mensch brennt“ – der Titel kann durchaus zweideutig gesehen werden – bietet auch nach der Lektüre reichlich Gelegenheit zum Nachdenken. Schon allein der heutige Bezug zu Umweltschutz, Atomenergie, vielleicht auch zu Menschen, die ihr Wirken und sich selbst nahezu rücksichtslos über alles stellen, kann trefflich diskutiert werden.


Nicol Ljubić: „Ein Mensch brennt“, erschienen im dtv Verlag; 336 Seiten, 20 Euro

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