Blätterrascheln – Ein Blick in die Frühjahrsprogramme

Ein neues Regal musste her. Die Bücher stapelten sich unkontrolliert in den Räumen. Und wieder begleitete mich das bange Gefühl, noch zu viele ungelesene Bücher zu haben. Trotzdem warf ich in den vergangenen Tagen einen Blick in die kommenden Frühjahrsprogramme großer und kleiner Verlage und wurde vielerorts fündig. Wie sollte es auch anders sein. Obwohl ich sicherlich nicht alle Titel lesen werde und kann, hier ein Überblick über Bücher, die mir besonders aufgefallen sind. Und vielleicht ist ja auch das eine oder andere Buch für Euch dabei.

Deutschsprachige Literatur

Bereits auf der Frankfurter Buchmesse erhielt ich die überaus gute Nachricht, dass ein neuer Roman von Ralf Rothmann mit dem  Titel „Der Gott jenes Sommers“ (März, Suhrkamp) erscheinen wird. Freuen werde ich mich ebenfalls über ein neues Werk von Monika Maron: „Munin oder Chaos im Kopf“ (Februar, S. Fischer). Da aus Sachsen stammend, fiel mir „Die Sintflut von Sachsen“, ein in Wurzen spielender Roman von Bernd Wagner, auf (März, Schöffling). Mit „Unter der Drachenwand“ legt auch Arno Geiger wieder etwas Neues vor (Januar, Hanser). Svenja Leibers Debüt „Das letzte Land“ habe ich mit viel Begeisterung gelesen. Nun erscheint ihr zweiter Roman „Staub“ (März, Suhrkamp). Ihren Erstling mit dem Titel „Leinsee“ legt hingegen Anne Reinecke vor (Februar, Diogenes). Auch Mareike Fallwickl und Gunnar Kaiser, in der Bloggerszene sehr bekannt, legen jeweils ihr Debüt vor: „Dunkelgrün fast schwarz“ (März, Frankfurter Verlagsanstalt) und  „Unter der Haut“ (März, Berlin Verlag). Hans Pleschinski hat mit „Wiesenstein“ einen Roman über Gerhart Hauptmann geschrieben (Januar, C.H.Beck).

Auch Bernhard Schlink ist wieder zurück. Sein neuer Roman heißt „Olga“ (Januar, Diogenes). Spannend fand ich den Vorausblick auf den Roman „Die Gewitter-Schwimmerin“ von Franziska Hauser (Februar, Eichborn) sowie auf das neue Buch von Wolfram Fleischhauer „Das Meer“ (März, Droemer). Mit „Skizzen eines Sommers“ stand André Kubiczek 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Nun erscheint „Komm in den totgesagten Park und staune“ (März, Rowohlt Berlin).  Große Schriftsteller sind ebenfalls wieder mit dabei: Es erscheinen das Gesamt-Gedichtwerk von Paul Celan (März, Suhrkamp), eine Biografie über Bertolt Brecht  von Stephen Parker (Juni, Suhrkamp) sowie weitere Werke von Hans Fallada (Februar, Juni, Aufbau). Für mich immer wieder besonders interessant: Werke, die wieder entdeckt werden. Ich bin gespannt auf  „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (Februar, Klett-Cotta).

Über den großen Teich

Um beim Sprung über den großen Teich beim Thema zu bleiben: Auch Felix Jacksons Tagebuch-Roman „Berlin, April 1933“ ist eine Wiederentdeckung. Der gebürtige Hamburger schreibt ebenfalls über die Anfänge des Dritten Reiches (März, Weidle). Mit William Finnegans „Barbarentage“ (März, Suhrkamp) sowie George Sanders „Lincoln in Bardo“ (März, Luchterhand) gibt es die Werke zweier Preisträger, die mit dem Pulitzer-Preis beziehungsweise mit dem Man Booker Prize geehrt worden sind. Nominiert für den National Book Award war hingegen Jacqueline Woodson mit „Ein anderes Brooklyn“ (März, Piper).  Als Liebling der Buchhändler gelang Emily Fridlund mit „Eine Geschichte der Wölfe“ der Sprung in die Bestseller-Listen (März, Berlin Verlag).

Sehr interessant wohl auch: „Von dieser Welt“ von James Baldwin (März, dtv), Nickolas Butlers „Die Herzen der Männer“ (Februar, Klett-Cotta), Lionel Shrivers Zukunftsvision „Eine amerikanische Familie“ (März, Piper) sowie „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ von Jesmyn Ward (Februar, Kunstmann),  deren Roman „Vor dem Sturm“ ich sehr empfehlen kann.  Joshua Cohen gilt als eine der  spannendsten Stimmen der jüngeren amerikanischen Literatur. Es erscheint sein Roman „Das Buch der Zahlen“ (Januar, Schöffling). Ein Sprung nach Südamerika: Nach seinem viel gelobten Roman „Flut“ ist Daniel Galera mit „So enden wir“ zurück (März, Suhrkamp).

Literatur aus dem hohen Norden

Gleich zwei große norwegische Autoren sind mit neuem Werk vertreten: Lars Saabye Christensen mit „Magnet“ (März, btb) und Linn Ullmann mit „Die Unruhigen“ (Juni, Luchterhand). Nach ihrem Bestseller „Die Geschichte der Bienen“ widmet sich Maja Lund mit „Die Geschichte des Wassers“ dem Meer (März, btb). Johan Bargums „Nachsommer“ führt in die südfinnische Schären-Welt (Februar, mare). Der Finne Tommi Kinnunen hat mit „Wege, die sich kreuzen“ einen Generationenroman geschrieben (März, DVA). „Krokodilwächter“ heißt ein Krimi der Dänin Katrine Engberg (März, Diogenes), „Blackout Island“ ein Krimi der Isländerin Sigríður Hagalín Björnsdóttir (August, Suhrkamp). Madame Nielsen, ein Star in Skandinavien, ist künftig mit ihrem Roman „Der endlose Sommer“ in deutschen Buchläden vertreten (März, Kiwi).

In Europa – von Ost nach West

Georgien ist Gastland der kommenden Frankfurter Buchmesse. In deutscher Übersetzung erscheint „Der Korb“ von Otar Tschiladse (März, Matthes & Seitz).  Um im Osten zu bleiben: „Internat“ heißt der neue Roman des Ukrainers Serhij Zhadan (März, Suhrkamp). Die Kroatin Daša Drndic legt nach „Sonnenschein“ ihren neuen Roman „Belladonna“ vor (Februar, Hoffmann & Campe). Den Balkan-Krieg thematisiert Sara Nović in „Das Echo der Bäume“ (April, btb). Familienhistorie trifft auf Weltgeschichte in dem Roman „Die Heimkehrer“ von Edna Krasikow (April, Luchterhand). Neu übersetzt erscheinen Erzählung von Maxim Gorki unter dem Titel „Jahrmarkt in Holtwa“ (Januar, Aufbau). Die Tschechin Bianca Bellová erzählt in „Am See“ eine Coming-Age-Geschichte (Februar, Kein & Aber).

Der Engländer Ian McGuire führt in seinem Roman „Nordwasser“ den Leser auf ein Walfangschiff (Februar, mare). John Boyne neuester Streich trägt den Titel „Cyril Avery“ (März, Piper). Den Kriegserlebnissen Samuel Becketts widmet sich der Roman „Ein Ire in Paris“ von Jo Baker (April, Knaus). „Von Vögeln und Menschen“ heißt der neue Roman der Niederländerin Margriet de Moor (Februar, Hanser), „Eine bessere Zeit“ das neue Werk des Katalanen Jaume Cabré (März, Insel). Preisgekrönt: „Patria“ des Spaniers Fernando Aramburu (Januar, Rowohl). Eine Familiengeschichte erzählt die Italienerin Maria Rosaria Valentini in „Magnifica“ (März, Dumont). Das Meer spielt eine Hauptrolle in „Der Strand“ der Französin Marie Nimier (April, Dörlemann). Der Leser kann sich mit „Teich“ der Engländerin Claire-Louise Bennett in die Einsamkeit eines ruhig gelegenen irischen Cottages zurückziehen (April, Luchterhand). In die Natur führt auch „Das große Spiel“ der Französin Céline Minard (Februar, Matthes & Seitz).

Zukunftswelten

Science-Fiction-Literatur und interessante Zukunftsvisionen stehen immer öfter auf meiner Lektüreliste. Mit „Der dunkle Wald“ legt der vielfach preisgekrönte Chinese Cixin Liu den Folgeband von „Die drei Sonnen“ vor (Juli, Heyne). Auch Andy Weir, Autor des verfilmten Bestsellers „Der Marsianer“, ist mit „Artemis“ zurück (März, Heyne). Wohin und in welche Zeit Kim Stanley in seinem Roman „New York 2140“ führt, verrät schon  allein der Titel (Mai, Heyne). Der Mars und zugleich New York finden sich in „Central Station“ von Lavie Tidhar wieder (Februar, Heyne). In meinem Urlaub in Ahrenshoop kaufte ich mir eine Neuausgabe des neu übersetzten Klassikers „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert. In Kürze erscheint der Folgeband „Der Herr des Wüstenplaneten“ (August, Heyne).

Besonderes

Fans von Haruki Murakami werden wohl Luftsprünge machen. Mit „Die Ermordung des Commendatore“  Teil 1 und 2 erscheinen gleich zwei neue Bücher des Japaners (Januar, April, Dumont). Mit Wehmut werden Anhänger der Ferrante-Saga auf den Abschlussband „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ reagieren (Januar, Suhrkamp). Zum Trost gibt es mit „Frantumaglia“ ein Selbstporträt der erfolgreichen Autorin (Juni, Suhrkamp). Mit der wundervollen Biografie von Andrea Wulf erhielt ich vor einiger Zeit einen Einblick in das spannende Leben von Alexander von Humboldt.

Mit „Das Buch der Begegnungen“ erscheint ein Prachtband mit Auszügen aus seinen Reisetagebüchern (Juni, Manesse). Stets fasziniert vom Meer, entdeckte ich mit sehr viel Freude den Band „Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme“ von R. G. Grant (Mai, Dumont). Und zu guter Letzt noch ein Muss für jeden Bücherfreund: In seiner Reportage „Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ erzählt Charlie English von einer besonderen Rettungsaktion (März, Hoffmann & Campe).

Da einige wenige Verlage ihre jeweilige Frühjahrsvorschau noch nicht veröffentlicht haben, werde ich den Beitrag womöglich mit einigen weitere Titeln ergänzen. Wem das noch nicht reicht – auf den Blogs „Muromez“, „Die Buchbloggerin“, „Bücherherbst“, „Buzzaldrins Bücher“, „SchöneSeiten“ und auf der Seite von Stefan Mesch gibt es noch weitere Einblicke in die Frühjahrvorschauen und Lesetipps. Für das kommende Jahr habe ich mir fest vorgenommen, hin und wieder einen Backlist-Titel zu lesen und auf dem Blog vorstellen.

Lindsey Lee Johnson – „Der gefährlichste Ort der Welt“

Sie ist eine der beliebtesten Fotomotive in den USA, doch tragischerweise auch ein bekannter Ort, an dem Menschen ihrem Leben ein Ende setzen wollen: die Golden Gate Bridge in San Francisco. An einem sonnigen Junitag in den Morgenstunden kurz nach dem Aufstehen radelt Tristan Bloch zur Brücke. Mit einem letzten Gedanken an seine Mutter und „ohne jeden Schmerz, ohne jede Traurigkeit“ stürzt er sich in die Tiefe. Die Küstenwache findet später seine Leiche. Tristan ist gerade mal 13 Jahre alt, von den anderen Schülern an seiner Schule belächelt und Opfer einer fiesen Mobbing-Intrige.  Sein Tod wird bereits auf Seite 53 des Romans „Der gefährlichste Ort der Welt“ erzählt. Wer glaubt,  dass in dem Buch die amerikanische Autorin Lindsey Lee Johnson damit schon alles geschildert hat, der irrt gewaltig. Denn mit diesem tragischen Ereignis fängt die Geschichte erst an, ihre eindrucksvolle Wirkung zu entfalten.  Lindsey Lee Johnson – „Der gefährlichste Ort der Welt“ weiterlesen

Hass – Omar El Akkad „American War“

„Im Krieg kämpft man mit Waffen, im Frieden mit Geschichten.“

Amerika ist geteilt in Nord und Süd, ein erbitterter Krieg herrscht. Einst so schillernde Küstenstädte sind vom Meer überspült, das vom Sturm zerzauste Washington hat seinen Hauptstadt-Titel und den Regierungssitz an die früher einst unbedeutende Stadt Columbus (Ohio) verloren. Zwischen dem heutigen Jetzt und diesem erschütternden Zukunftspanorama des Amerikaners Omar El Akkad liegen nur wenig mehr als 60 Jahre. Sein Roman-Debüt „American War“ erweckt den Eindruck einer Warnung, denn viele darin beschriebene Katastrophen haben ihre Ursachen in der aktuellen Gegenwart. Hass – Omar El Akkad „American War“ weiterlesen

Frau im Krieg – Laird Hunt „Die Zweige der Esche“

„Weiter weg von der Welt als an die Schwelle zum Jenseits kann man kaum gelangen.“

Die Wahl Abraham Lincolns zum amerikanischen Präsidenten 1860 und die Sklaverei-Frage spalten das Land. Mehrere Südstaaten verlassen die Union und schließen sich zu einer Konföderation zusammen. Als am 12. April 1861 Fort Sumter (South Carolina) durch Soldaten aus dem Süden beschossen wird, verwandelt sich der Konflikt in einen Krieg. 3,8 Millionen Soldaten nehmen in den kommenden vier Jahren daran teil, rund 560.000 von ihnen lassen ihr Leben. Obwohl bereits viel über diese Zeit geschrieben wurde, ist ein Kapitel nur wenig bekannt: Dass sich auch Frauen den beiden Armeen einst angeschlossen haben. Der amerikanische Autor Laird Hunt erzählt davon in seinem Roman „Die Zweige der Esche“.  Frau im Krieg – Laird Hunt „Die Zweige der Esche“ weiterlesen

Zwei Welten – Ursula K. Le Guin „Freie Geister“

„Und zu wissen, dass man sein Leben erfüllt hat, ist seltsam, ungeheuer seltsam.“

Science Fiction führt in der Literatur leider noch immer ein Nischendasein.  Dies wird mit Blick in die Buchbesprechungen der Feuilletons und bei regelmäßigen Streifzügen durch die Buchhandlungen erkennbar. Die Regale mit den Titeln sind meist versteckt und müssen sich die räumliche Nähe zum Bereich Fantasy gefallen lassen. Dabei vermag auch Science Fiction, gesellschaftliche Diskussionen zu entfachen, wie es Romane von renommierten Autoren oder sogar Klassiker können. Eines dieser tiefsinnigen Bücher ist der Roman „Freie Geister“ der amerikanischen Autorin Ursula K. Le Guin, der nun in einer neuen Übersetzung im neuen Programm „Tor“ des Fischer Verlages erschienen ist.  Zwei Welten – Ursula K. Le Guin „Freie Geister“ weiterlesen

Turbulenzen – Richard Russo „Ein Mann der Tat“

„Schlimm genug, dass alle Beziehungen zwischen den Lebenden unentwegt von Angst, Bestechlichkeit, Narzissmus und Hunderten anderen Dingen untergraben wurden (…).“ 

Ein Unglück kommt selten allein. Douglas Raymer, Leiter der Polizei in North Bath im Bundesstaat New York, fällt nicht nur in Ohnmacht und während der Beerdigung des von ihm wenig geschätzten Richters Flatt in dessen Grab. Raymer verliert zudem dabei ein wichtiges Beweisstück in einer sehr privaten Ermittlung: Ein Garagen-Öffner könnte ihn zu dem Liebhaber seiner Frau Becka führen, der er seit ihrem schrecklichen Tod vor gut einem Jahr trotz alledem nachtrauert. Der unfreiwillige Sturz des Chiefs ist Auftakt einer ganzen Serie von sowohl skurrilen Vorfällen als auch entsetzlichen Gewalttaten in der Kleinstadt. Dabei steht mit dem Memorial-Day ein Wochenende der Ruhe und der Besinnung und mit der Umbenennung der örtlichen Schule nach einer beliebten Lehrerin ein denkwürdiges Ereignis an.  Turbulenzen – Richard Russo „Ein Mann der Tat“ weiterlesen

Schmerz – Hanya Yanagihara „Ein wenig Leben“

„Er wollte loslassen, er wollte, dass die Kreatur in seinem Inneren sich in einen Schlaf begab, aus dem sie nie wieder erwachte.“ 

Ein Buch, über das viele sprechen. Dessen Cover ein Hingucker ist, das man einfach anschauen muss: Der Roman „Ein wenig Leben“ der Amerikanerin Hanya Yanagihara ist seit seiner Veröffentlichung im Januar dieses Jahres noch immer in aller Munde. Nicht umsonst erhielt ich kürzlich eine kurze Nachricht einer ehemaligen Mitschülerin, mit der ich einst den Deutsch-Leistungskurs an der Penne absolviert hatte: „Hast du schon dieses Buch gelesen?“. Ich musste verneinen und zugeben, dass auch der ebenfalls sehr dickleibige neue Roman von Paul Auster noch in meinem Regal darauf wartet, gelesen zu werden. Von dem jüngsten Werk von Jonathan Safran Foer ganz zu schweigen. Doch diese kurze Botschaft via Facebook ließ mich schließlich zu dem Buch mit dem markanten Cover-Foto greifen und ich begann zu lesen. Schmerz – Hanya Yanagihara „Ein wenig Leben“ weiterlesen

Sumpf – Larry Brown „Fay“

„Manchmal hatte er das Gefühl, als hätte er zwei Drittel seines Lebens hinterm Lenkrad verbracht, auf immer wieder denselben Straßen.“

Die Südstaaten der USA haben ihr eigenes Gesicht – geprägt von ihrer besonderen Geschichte als Teil der US-amerikanischen Historie, geprägt von ihren Gegebenheiten aufgrund der speziellen geografischen Lage. Der amerikanische Autor Larry Brown hat den Süden seines Landes in das Zentrum seiner Werke gesetzt. Vielen wird er hierzulande kaum bekannt sein, denn erst mit der deutschen Übersetzung seines vierten Romans „Fay“ wird er wohl einem breiteren Publikum vertraut werden. Den möglichen Erfolg wird Brown jedoch nicht erleben können: Er starb 2004 mit gerade mal 53 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. Sumpf – Larry Brown „Fay“ weiterlesen

Im Eis – Hampton Sides „Die Polarfahrt“

„Wo immer man hinsieht, sind Schnee und Eis – ein großartiger Anblick.“

Eine Reise in das unwirtliche Land der Extreme rund um Nord- und Südpol, fern der sehr speziellen touristischen Angebote, stellt bis heute eine große Herausforderung dar. Die Erforschung der arktischen und antarktischen Regionen hat viele Opfer gefordert und war bis in das 20. Jahrhundert hinein Ziel vieler wagemutiger wie ehrgeiziger Expeditionen. Trotz einer Ausrüstung auf der Höhe der Zeit sowie erfahrener und mutiger Seeleute endete auch die Fahrt der USS Jeannette mit Start am 8. Juli 1879 in San Francisco unter dem Kommando des arktiserfahrenen Offiziers George DeLong in einer Katastrophe.  Von der Reise mit der Aufgabe, den Nordpol zu erreichen, kehrten von der 33 Mitglieder umfassenden Besatzung nur 13 Männer lebend zurück. An ihre Geschichte erinnert der amerikanische Autor und Journalist Hampton Sides  in seinem Buch „Die Polarfahrt“.     Im Eis – Hampton Sides „Die Polarfahrt“ weiterlesen

Nur Neulinge – Ein Blick in die Herbstvorschauen

Zugegeben: Den zweimal jährlich erscheinenden Vorschauen blicke ich mittlerweile mit Vorfreude, aber auch mit einigem Grausen entgegen. Klar, neuen Bücher haftet etwas Faszinierendes an, zugleich wird die Wunsch-Leseliste gefühlt um einiges länger, und die Titel der letzten Monate sind alles andere als „abgearbeitet“. Ich habe mich in den vergangenen Tagen mit den Programmen der Verlage trotzdem etwas näher beschäftigt. Doch während ich mich in den Vorausblicken der Vergangenheit sowohl mir bereits vertraute als auch mir noch unbekannte Autoren und ihre Werke aufgezählt habe, konzentriere ich mich diesmal nur auf die „Neulinge“, auf die ich mich besonders freue. Nur Neulinge – Ein Blick in die Herbstvorschauen weiterlesen

Gift? – Jennifer Haigh „Licht & Glut“

„Es ist das grundlegende Problem eines Lebens an ein- und demselben Ort: Früher oder später wird alles unsichtbar?“

Fracking (engl., kurz für hydrauling fracturing)  ist eine Methode zur Erzeugung, Weitung und Stabilisierung von Rissen im Gestein einer Lagerstätte im tiefen Untergrund, mit dem Ziel, die Permeabilität (Durchlässigkeit) der Lagerstättengesteine zu erhöhen. Dadurch können darin befindliche Gase oder Flüssigkeiten leichter und beständiger zur Bohrung fließen und gewonnen werden. So wird es mit einer Vielzahl an Substantivierungen im Online-Lexikon Wikipedia erklärt. Vor allem in den USA wird diese nicht unumstrittene Art der Förderung landauf landab genutzt. Mit drastischen Folgen für die Menschen. Jennifer Haigh, unter anderem Preisträgerin des PEN/Hemingway-Awards, nimmt sich in ihrem neuesten Werk „Licht & Glut“ des brisanten Themas an. Gift? – Jennifer Haigh „Licht & Glut“ weiterlesen

Raubbau – Annie Proulx „Aus hartem Holz“

„Einst hatten endlose Wälder den Horizont gefüllt. Nun gab es Dutzende Straßen, und der Wald war ein ferner Schatten.“ 

Zwischen zwei Ozeanen ein Meer aus Bäumen: So sollte man sich Nordamerika vorstellen – bevor der Kontinent nach der Entdeckung von Christoph Kolumbus besiedelt wurde. Riesige Wälder wurden in kürzester Zeit vernichtet – wegen des Holzes und für Grund und Boden der Siedler. Welchen Tribut das Land zwischen Atlantik und Pazifik sowie die Ureinwohner zahlen mussten, erzählt die kanadisch-US-amerikanische Autorin Annie Proulx in ihrem neuen Roman „Aus hartem Holz“Raubbau – Annie Proulx „Aus hartem Holz“ weiterlesen

On the road – Don DeLillo „Americana“

„So groß ist das Prestige der Kamera, ihre beinahe religiöse Autorität, ihre hypnotische Macht (…).“ 

Blättert man in den aktuellen  Programmen verschiedener Verlage, erhält man angesichts neuer Titel nahezu den Eindruck, die amerikanische Literatur, ohne jetzt einen markigen Spruch eines aktuellen, nicht unumstrittenen Staatsoberhauptes zu nennen, sei obenauf. Sicherlich in gewisser Hinsicht nicht ganz zu unrecht, obwohl dadurch, wie mir scheint, Bücher anderer Länder etwas ins Hintertreffen geraten. Doch ich muss gestehen: Ich lese die Literatur aus Übersee sehr gern und will mit diesem Beitrag allerdings Mut machen, auch ältere Titel zu lesen. So hat ein kurzer Beitrag in einer der vergangenen Wochenend-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung über die Neuausgabe des Romans „Americana“ mein Interesse geweckt.  On the road – Don DeLillo „Americana“ weiterlesen

Dürre Zeiten – Claire Vaye Watkins „Gold Ruhm Zitrus“

„Zurückzublicken bedeutete, Geistern die Hand zu geben und sich ein Haus aus den Schwächen und Fehlern der Vergangenheit zu bauen (…).“ 

Lebensbedrohliche Katastrophen und Geschehnisse bringen Menschen dazu, sich in Bewegung zu setzen, lange Wege zurückzulegen; auf der Suche nach einem sicheren Ort, um zu überleben. Das beweisen Ereignisse in der Vergangenheit und jüngsten Gegenwart, das zeigt auch die Literatur. Bestes Beispiel: dystopische Romane wie beispielsweise das Kultbuch „Die Straße“ von Cormac McCarthy oder auch das sehr empfehlenswerte Werk „Das Licht der letzten Tage“ der gebürtigen Kanadierin Emily St. John Mandel. Auch in dem Roman „Gold Ruhm Zitrus“ der jungen Amerikanerin Claire Vaye Watkins bildet Amerika den Schauplatz einer Katastrophe. Dürre Zeiten – Claire Vaye Watkins „Gold Ruhm Zitrus“ weiterlesen

Grenzenlos – Reif Larsen „Die Rettung des Horizonts“

„Denken ist zum Geändertwerden da.

Reichlich Zeit hat er sich gelassen. 2009 erschien sein einzigartiges Debüt „Die Karte meiner Träume“. Nun ist der Amerikaner Reif Larsen zurück – mit seinem neuen Roman „Die Rettung des Horizonts“, der wohl nicht minder eindrucksvoll ist, obwohl er in der Gestaltung – sein Erstling war ein Konglomerat aus Text, Skizzen und Fußnoten – nicht gar so überbordernd erscheint. Vielmehr ist diesmal die Geschichte ein kleines Wunderwerk. Sie nachzuerzählen ist dabei gar nicht so leicht. Denn Larsen spannt die Handlung mit ihren fünf Teilen nicht nur geografisch über vier Kontinente und zeitlich über drei Jahrhunderte. Mehrere Erzählfäden fügen sich über mehrere Personen und eine ganz eigene, aus Wissenschaftlern und kreativen Köpfen zusammengewürfelte Aktionsgruppe, die ihre Wurzeln im Norden Europas weiß, zusammen.   Grenzenlos – Reif Larsen „Die Rettung des Horizonts“ weiterlesen

Brief als Waffe – Kressmann Taylor „Adressat unbekannt“

Es ist ein kleiner leichter Band. Anthrazitfarbene Leinenoptik. Ein Briefumschlag ziert das Cover. Eine Gestaltung, die schlicht, aber wiederum markant erscheint. Gerade mal 67 Seiten umfasst „Adressat unbekannt“ von Kressmann Taylor. Doch der Roman ist ein Werk mit extremer Wirkung, das von einer besonderen Geschichte erzählt und selbst Geschichte geschrieben hat und viel länger wirkt als der Leser darin versunken ist. Die Neuausgabe des Verlags Hoffmann und Campe als Sammleredition des erstmals 1938 veröffentlichten Werkes könnte wohl zu keinem geeigneteren Zeitpunkt erscheinen.   Brief als Waffe – Kressmann Taylor „Adressat unbekannt“ weiterlesen

Schein und Sein – Richard Russo „Diese gottverdammten Träume“

„Die Menschen waren nun mal, wie sie waren, mochten sie sich auch noch so bemühen, anders zu sein.“

In einer Kleinstadt lebt bekanntlich eine überschaubare Anzahl an Menschen. Man kennt sich und das Leben der anderen, ihre Familien, ihr Glück und ihr Leid. Ob gute oder schlechte Nachrichten, sie machen schnell die Runde. Und meist liegt das Wohl und das Wehe der Stadt in den Händen nur weniger. Empire Falls, im amerikanischen Bundesstaat Maine gelegen, macht da sicher keine Ausnahme. Nur sollte an dieser Stelle schon einmal erwähnt werden, dass die Stadt und ihre Einwohner fiktiv und Schöpfung des amerikanischen Schriftstellers Richard Russo sind, der für sein literarisches Porträt von Empire Falls 2002 den renommierten Pulitzerpreis erhalten hat.  Schein und Sein – Richard Russo „Diese gottverdammten Träume“ weiterlesen

Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe“

„Vermutlich schlingern die meisten so durch ihr Leben, halb wissend und halb blind, bedrängt von Erinnerungen, die unmöglich wahr sein können.“

Rückblicke haben oft einen ambivalenten Charakter. Und immer bleibt dabei die Frage, welchen Ereignissen der Vergangenheit stellt man sich in seinen eigenen Erinnerungen, welche werden eher unterdrückt, gemieden, ausgeblendet. Meist sind es vor allem überraschende, teils auch tragische Geschehnisse, die Erinnerungen hervorholen. Wegen einer Infektion nach einer Blinddarm-OP liegt Lucy Barton für mehrere Wochen im Krankenhaus. Eines Tages sitzt ihre Mutter am Bett, völlig überraschend. Denn Mutter und Tochter haben sich gemieden und einige Jahre lang nicht gesehen, aber nun vieles zu berichten. Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe“ weiterlesen