Sascha Reh „Aurora“

„Die möglichen Formen eines einzelnen Schneekristalls sind zahlreicher als die Atome im gesamten Universum.“ 

Bornholm – die dänische Ostsee-Insel, nur 80 Kilometer von Rügen entfernt. Rund 40.000 Menschen leben hier. Selbst für skandinavische Verhältnisse bedeutet das so etwas wie Provinz. Das bekommt Ole zu spüren, ein bis vor Kurzem noch angesehener Lokalreporter aus der Hauptstadt Kopenhagen – mit eigener Kolumne wohlgemerkt. Doch sein Ruhm ist verblasst, sein Stern am Sinken, er wird kurz vor Weihnachten für eine Recherche nach Bornholm entsendet. Denn dort braut sich etwas zusammen; genauer gesagt wird ein Schneesturm erwartet. Und haste nicht gesehen, findet sich der Journalist mit dem Soldaten Eric und der Hebamme Tamara an Bord eines Panzers des dänischen Heeres auf dem Weg zu einer schwangeren Frau. Vorhang auf für die ungewöhnliche Tragikomödie, die im neuen Roman „Aurora“ von Sascha Reh ihren Lauf nimmt. Sascha Reh „Aurora“ weiterlesen

Backlist #8 – György Dragomán „Der weiße König“

„(…) ich solle zur Kenntnis nehmen, daß es am Krieg nie etwas Ehrliches gebe.“ 

Der Blick vom Westen in die Länder hinter dem Eisernen Vorhang ging in eine andere Welt. Es gab den Sozialismus, bei dem die Sowjetunion von der Schaltzentrale Moskau die Fäden fest in der Hand hielt. Es gab eine Plan- und Mangelwirtschaft. Die nicht der Ideologie Hörigen flohen, wenn sie konnten, oder wurden geächtet oder kamen hinter Gittern. Der Vater von Dszátá wird eines Tages von zwei fremden Männern abgeholt. Der Elfjährige weiß noch nicht, dass es Mitarbeiter der Securitate, des rumänischen Geheimdienstes, sind, die seinen Vater in ein Straflager bringen werden. Der ungarische Schriftsteller György Dragomán stellt ein Kind als Held in den Mittelpunkt seines 2012 erschienenen Romans „Der weiße König“ und erzählt das Geschehen aus der Sicht des Jungen. Backlist #8 – György Dragomán „Der weiße König“ weiterlesen

Hanne Ørstavik „So wahr wie ich wirklich bin“

„Woher kommt es, woher kommen die Dinge, die man tut.“

Manche Autoren sind in ihren Heimatländern hochangesehen und werden mit bedeutenden Preisen gewürdigt. In anderen Ländern erscheinen ihre Werke – wenn überhaupt – nur sporadisch in der jeweiligen Übersetzung, es sei denn, sie sind auch dort Bestseller. Hanne Ørstavik, 1969 in der Finnmark geboren, gehört in Norwegen zu den bedeutenden Autorinnen. 2004 erhielt sie den renommierten Brageprisen, drei Jahre später den Preis des großen norwegischen Verlages Aschehoug. Nach ihrem Roman „Liebe“ veröffentlichte der Karl Rauch Verlag, der vor allem für die Herausgabe des Klassikers „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry bekannt ist, nun mit „So wahr wie ich wirklich bin“ einen zweiten Roman der Skandinavierin, die es auch hierzulande endlich zu entdecken gilt. Hanne Ørstavik „So wahr wie ich wirklich bin“ weiterlesen

Daan Heerma van Voss „Abels letzter Krieg“

„Die Welt war von einer nie dagewesenen Schwere.“

Manche meinen, die Atmosphäre in einigen Ländern Europas erinnert an die einst dunkle Zeit und die Vorboten dieses Unheils. Rassismus, Antisemitismus und Homophobie treten offen und vermehrt zutage. In seinem neuen Roman zieht der Niederländer Daan Heerma van Voss ebenfalls Parallelen zwischen der Gegenwart und der einstigen Geschichte und verkündet mit Hilfe des markanten wie sympathisch wirkenden Romanhelden zwei wichtige Botschaften. Daan Heerma van Voss „Abels letzter Krieg“ weiterlesen

Frühlingserwachen – Ein Blick in die Vorschauen 2019

Es ist der letzte Tag im Jahr 2018. Ein neues steht bevor. Statt eines Rückblicks gibt es an dieser Stelle von mir einen Ausblick – auf die kommenden Bücher in den ersten Monaten des Jahres 2019. In den vergangenen Wochen habe ich die Abende oft genutzt, um in den Frühjahrsvorschauen großer und kleiner Verlage zu blättern. Hier ein Überblick über interessante Titel. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird mit jeder weiteren Entdeckung auch ergänzt. Frühlingserwachen – Ein Blick in die Vorschauen 2019 weiterlesen

Von Leid und Hoffnung – Sebastian Barry „Tage ohne Ende“

„Schätze mal, letzten Endes ist das Land der Verheißung in Grautöne gehüllt.“

Der Wildwestroman hat es noch immer schwer, als anspruchsvolle Literatur wahrgenommen zu werden. Abgesehen von großen Namen wie James Fenimore Cooper und Jack London, und obwohl es in den vergangenen Jahren mit Antonin Varennes Roman „Äquator“ und die Wiederentdeckung von „Butchers Crossing“ von John Williams schon herausragende Titel gegeben hat, an die ich an dieser Stelle gern erinnern möchte. Denn allzu eng ist dieses Genre noch immer mit den dünnen Heftchen verknüpft, die in Bahnhofsbuchhandlungen, Supermärkten und am Kiosk verramscht werden. Der irische Schriftsteller und Dramatiker Sebastian Barry legt mit seinem neuen Werk „Tage ohne Ende“ Maßstäbe und beweist, dass eine große Geschichte im historischen Amerika und große Poesie durchaus zueinander finden können. Von Leid und Hoffnung – Sebastian Barry „Tage ohne Ende“ weiterlesen

Das Böse – Louise Penny „Hinter den drei Kiefern“

„Und er fragte sich, ob einem, so wie die Liebe, auch der Hass aus früheren Leben folgte.“

Malerisch gelegen, erscheint Three Pines wie ein Ort, in dem man die ruhigen Töne des Lebens anstimmen und hier alt werden könnte. In dem kleinen Dorf in der Region Quebec unweit von Montreal hat sich eine Schar leicht schrulliger, aber liebenswürdiger Männer und Frauen niedergelassen und eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet. Dieser gehören unter anderem die Ex-Psychologin und nunmehr als Buchhändlerin tätige Myrna, die in die Jahre gekommene Dichterin Ruth, die an ihrer Seite keinen Hund, aber eine Ente weiß, oder die Malerin Clara, die Bilder entstehen lässt, die irgendwie unfertig wirken, an. Das Böse – Louise Penny „Hinter den drei Kiefern“ weiterlesen

Ketil Bjørnstad „Die Welt die meine war“

„Das ist mein Platz. Der des Betrachters.“

Als ich dieses Buch las, hatte ich oft diesen fetzigen Song im Kopf, einen Ohrwurm, der einfach nicht verschwinden wollte. Kurioserweise oder wie der Zufall es so wollte, stammt der Hit – wie auch dieses Buch  –  von einem Pianisten. „We Didn’t Start The Fire“ heißt der Hit des Amerikaners Billy Joel, in dem „The Piano Man“ herausragende Personen und Ereignisse der Geschichte in den Strophen aufzählt und aneinanderreiht, einer Chronik gleich. Zu einem Rückblick in eine vergangene Zeit, genauer gesagt in die 1960er-Jahre, lädt der Jazz-Pianist Ketil Bjørnstad mit dem ersten Band seiner Autobiografie ein. Auf eine ganz ähnliche Weise wie sein Kollege Joel.  Ketil Bjørnstad „Die Welt die meine war“ weiterlesen

Welt der Waffen – Jennifer Clement „Gun Love“

„Irgendwer hatte immer den Finger am Abzug.“

Der Zustand eines Landes lässt sich oft in den Medien sowie in den Werken aus Kunst und Kultur ablesen. Das sind Zeitungen, Rundfunk und Blogs, das sind aber auch Romane, die die Atmosphäre und ein Stimmungsbild einfangen. Mit „Gun Love“ legt die amerikanische und mehrfach ausgezeichnete Autorin Jennifer Clement einen Roman vor, dessen Titel nicht nur das Geschehen trefflich in nur zwei Wörtern beschreibt. Er schildert in all seiner schier herzergreifenden Tragik und Melancholie von Waffenhysterie und Waffengewalt, die vor keiner Generation und keinem gesellschaftlichen Status Halt macht. Welt der Waffen – Jennifer Clement „Gun Love“ weiterlesen

Trauma – Juli Zeh „Neujahr“

„Da war etwas, aus dem es kalt heraufwehte.“

Lanzarote: Die trockene und karge Vulkaninsel im Atlantik mit ihren schwarzen Stränden und Bergmassiven ist Ziel vieler Touristen. Henning, seine Frau Theresa und die beiden gemeinsamen Kinder Jonas und Bibbi zieht es ebenfalls auf das spanische Eiland. Die Familie verbringt die Tage des Jahreswechsels auf der kanarischen Insel. Doch für den jungen Mann wird es alles andere als ein erholsamer Urlaub, weil diese Reise in die Ferne nicht nur die Disharmonie des Paares offenlegt. Er wird während einer Radtour hinauf in die Berge konfrontiert mit einer düsteren Episode aus seiner Kindheit, an die er sich bis zu jenem Tag nicht erinnert.  Trauma – Juli Zeh „Neujahr“ weiterlesen

Backlist #7 – John Wray „Die rechte Hand des Schlafes“

„Wie konnte das alles passieren?“

Obwohl ich allgemein sehr viel und sehr oft Literatur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder Bücher über jene Zeit lese, ist es Zufall, dass ich für diese Reihe „Backlist lesen“ nach Robert Seethealers Werk „Der Trafikant“ erneut zu einem Roman gegriffen habe, der sich mit dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich beschäftigt (ich werde in den kommenden Folgen wieder für etwas Abwechslung sorgen). Doch mit John Wray und seinem Debüt „Die rechte Hand des Schlafs“ verhält es sich dann doch etwas anders, als es auf den ersten Blick erscheint. Backlist #7 – John Wray „Die rechte Hand des Schlafes“ weiterlesen

Didier Decoin „Das Ministerium der Gärten und Teiche“

„Es hat immer einen Sinn, weiter so zu handeln, wie man handeln muss.“

Es sind die tragischen Ereignisse in ihrer Plötzlichkeit, die uns an Glück und Gerechtigkeit im Leben zweifeln lassen; vielleicht sogar am Leben selbst. Aus diesem scheidet Katsuro – allerdings unfreiwillig. Der Karpfenfischer ertrinkt, dabei war das Wasser doch sein Element. Aber es soll auch Seemänner gegeben haben, die nicht schwimmen können. Katsuros Aufgabe war es schon seit Jahren, die Karpfen für die Tempelteiche der japanischen Kaiserstadt zu fangen. Nun ist es an Miyuki, seiner Frau, die letzten von ihm gefangenen Karpfen, die Symbolträger des Glücks, an ihren Bestimmungsort nach Heian-Kyo zu bringen. Didier Decoin „Das Ministerium der Gärten und Teiche“ weiterlesen

Jan Brokken „Sibirische Sommer mit Dostojewski“

„Schreiben sei sein Schicksal.“

Sicherlich stehen in den meisten gut gefüllten und gut sortierten Bücherregalen  wenigstens eines seiner Werke. Vielleicht „Schuld und Sühne“, „Die Brüder Karamasow“ oder „Der Idiot“, vielleicht auch alle hübsch nebeneinander. Die russische Literaturgeschichte wäre wohl ohne seinen Namen und seine weltliterarischen Werke um einiges ärmer: Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821 – 1881) zählt zu den bedeutendsten Autoren seines Landes. Doch nur wenige wissen, dass seine schriftstellerische Karriere bereits an ihrem Beginn nahezu ein Ende hätte finden können und dass ein Mann und die gemeinsame Freundschaft ihn beflügelt haben. Jan Brokken „Sibirische Sommer mit Dostojewski“ weiterlesen

Eine bessere Welt – Cory Doctorow „Walkaway“

„Leck mich doch, die ganze Welt brennt.“

Utopien werden oft auf ihre spätere Gültigkeit abgeklopft. Was ist von den formulierten Zukunftsideen und -bildern wirklich eingetreten, was wurde vom Menschen technisch realisiert oder ist ohne sein Zutun entstanden. Das macht sie so spannend. Meist warnen sie, meist erzählen sie uns, wie wir auf Katastrophen reagieren. Für das Schreiben und Lesen von Utopien braucht es viel Fantasie, aber vor allem auch ein Verständnis für aktuelle Entwicklungen. Der kanadische Schriftsteller, Blogger und Journalist Cory Doctorow beschreibt in seinem Roman „Walkaway“ eine düstere Vision, allerdings nicht ohne uns Hoffnung auf eine bessere Welt zu geben.   Eine bessere Welt – Cory Doctorow „Walkaway“ weiterlesen

Blut für Blut – Jo Nesbø „Macbeth“

„Dies ist die ird’sche Welt, wo Böses tun oft löblich ist, und Gutes tun zuweilen schädliche Torheit heißt.“ (William Shakesspeare „Macbeth“)

Aus meiner Leseerinnerung heraus ist „Macbeth“ das wohl düsterste und blutigste Drama William Shakespeares. Eines, das von der Gier nach Macht und über Mord, aber auch von Loyalität erzählt. Um 1606 geschrieben, ist es neben „Hamlet“ die bekannteste Tragödie aus der Feder des berühmten Engländers, der die Weltliteratur bis heute und darüber hinaus bestimmt. Anlässlich seines 400. Todestages initiierte der Verlag The Hogarth Press ein besonderes internationales Projekt, mit dem eine Handvoll Werke Shakespeares in ein neues modernes literarisches Gewand gekleidet werden. Knaus verlegte die deutschen Übertragungen.

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Jonathan Drori „In 80 Bäumen um die Welt“

Für mich ist er ein Freund, oder soll ich eher Freundin sagen? Schließlich handelt es sich bei ihr um eine Platane. 1825 im Park in Schulpforte nahe Naumburg gepflanzt, ist sie gemessen an ihrem Kronen-Durchmesser der dritthöchste Baum in Deutschland, ein Naturdenkmal, ein Geschöpf, das staunen lässt. Um seinen Stamm steht eine Bank. Ein Platz, den ich gern aufsuche, weil er Kraft und Ruhe spendet. In seinem Stamm sehe ich ein Gesicht, wenn auch etwas verrunzelt, die riesigen Äste sind kräftige Arme, die mir bei meiner Ankunft im Park nahezu zuzuwinken scheinen. Jonathan Drori „In 80 Bäumen um die Welt“ weiterlesen

Vom Suchen und Finden – Reinhard Stöckel „Der Mongole“

„Wo Vergehen ist, ist auch Beginn.“

Irgendwann in naher Zukunft. Drohnen bringen die Post und liefern die bestellten Einkäufe aus dem Supermarkt bequem nach Hause. Künstliche Intelligenz hat Einzug gehalten in Verwaltungen. Die Wölfe stehen nicht mehr unter Schutz. Der Wissenschaftler Radik kommt in die Lausitz, um im Auftrag seines Vorgesetzten die Raubtiere zu beobachten. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit des Biologen auf ein ganz anderes Geschöpf: auf den stark gefährdeten Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze. Doch Radik ahnt nicht, dass seine Forschungsreise auch eine Reise in die Geschichte seiner Familie bedeutet.  Vom Suchen und Finden – Reinhard Stöckel „Der Mongole“ weiterlesen

Zurück in Neapel – Elena Ferrante „Die Geschichte des verlorenen Kindes“

„Bücher schreibt man, um gehört zu werden, nicht um den Mund zu halten.“

Es heißt nun, Abschied zu nehmen. Zwei Jahre hat sie mich begleitet – die Neapolitanische Saga von Elena Ferrante um die Freundschaft zwischen Lila und Elena, von der Kindheit bis ins reifere Alter. Sechs Jahrzehnte, von den Nachkriegsjahren in Neapel bis in die moderne Zeit des 21. Jahrhunderts. Im Herbst 2016 las ich den ersten Band mit dem Titel „Meine geniale Freundin“, in den vergangenen Tagen nun den vierten und letzten Band mit dem Titel „Das verlorene Kind“.  Zurück in Neapel – Elena Ferrante „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ weiterlesen