Jocelyne Saucier „Niemals ohne sie“

„Wir haben eine ausgesprochene Begabung für den Schmerz.“ 

Sie sind der Inbegriff der Großfamilie. Die Zahl ihrer ist nahezu unvorstellbar, allerdings nicht unmöglich. 23 Köpfe stark ist die Familie der Cardinals, die Albert und seine Frau schufen. Eine Bande aus nahezu unbezähmbaren 21 Jungen und Mädchen mit einem ganz eigenen Willen. Aufgewachsen in der rauen Gegend rund um die Minenstadt Norcoville, kurz Norco genannt, die sich nach wenigen Jahren an Prosperität zu einer heruntergekommenen und verlassenen Geisterstadt verwandelt. Der Roman „Niemals ohne sie“ der kanadischen Schriftstellerin Jocelyne Saucier ist dabei mehr als nur ein Porträt dieser Familie, deren Mitglieder einzigartig, jedoch seelisch durch eine Tragödie verwundet sind. Jocelyne Saucier „Niemals ohne sie“ weiterlesen

John Lanchester „Die Mauer“

„Wer hat die Welt kaputt gemacht? Sie würden niemals zugeben, dass sie es waren. Und doch ist es direkt vor ihren Augen geschehen.“

Es gibt sie in China, eine solche hat Berlin geteilt, zwischen den USA und Mexico soll eine errichtet werden. Eine Mauer grenzt ab, ist Bollwerk und Verteidigungslinie. England hat eine Anlage mit einer Länge von rund 10.000 Kilometern gebaut. Sie umschließt die Insel und soll verhindern, dass die Anderen in Scharen ins Land kommen. Dieses Szenario bildet den Kerngedanken im neuen Roman des britischen Schriftstellers John Lanchester, der schon mit seinem Werk „Kapital“ auf aktuelle politische wie gesellschaftliche Entwicklungen reagiert hat.  John Lanchester „Die Mauer“ weiterlesen

Dörte Hansen „Mittagsstunde“

„Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch.“

Er hätte um die halbe Welt reisen, die chinesische Sprache erlernen können. Doch Ingwer Feddersen entscheidet sich, sein Nest, seine Wohlfühl-Dreier-WG in Kiel,  zu verlassen und sein  Sabbatjahr in seinem Heimatort Brinkebüll hoch oben im Norden zu verbringen; an der Seite seiner Großeltern, im vertrauten Gasthof, der schon bessere Zeiten erlebt hat. In ihrem neuen Roman „Mittagsstunde“ erzählt Dörte Hansen von einem kauzigen Heimkehrer und einem Geest-Dorf, in dem die Veränderungen der vergangenen Jahren vieles genommen haben.  Dörte Hansen „Mittagsstunde“ weiterlesen

Linde Hagerup „Ein Bruder zu viel“

„Aber manchmal muss man Dinge tun, von denen man nicht gewusst hat, dass sie möglich sind.“

Manchmal kann die Welt furchtbar gemein und doof sein. Nämlich dann, wenn sich alles und jeder sich gegen einen verschworen hat. Sara hat dieses Gefühl. Dabei war doch bis vor Kurzem alles prima, ja bestens. Mit ihren Eltern, ihrer älteren Schwester Emilie und in der Schule. Doch dann tritt der kleine Steinar in ihr Leben und das ihrer Familie und krempelt dieses von Grund auf komplett um. Die Norwegerin Linde Hagerup hat mit ihrem Kinderbuch „Ein Bruder zu viel“ ein warmherziges, mal heiteres, mal melancholisches Werk geschrieben – für sowohl jüngere als auch ältere Leser.

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Backlist #10 – Gila Lustiger „Die Schuld der anderen“

„Waren sie wirklich dabei, sich eine Gesellschaft ohne Gewissen heranzuziehen (…)?“

Es müssen 27 Jahre vergehen, bis der Mord an Emilie aufgeklärt wird. 27 Jahre, in denen unklar war, von wem die junge Frau auf brutalste Art und Weise vergewaltigt und getötet wurde. Doch der Pariser Journalist Marc Rappaport hegt Zweifel, als in einer kurzen Nachricht über die Klärung des Verbrechens, die nur mit Hilfe eines DNA-Tests möglich wurde, berichtet wird. Denn der Mörder der jungen Edel-Prostituierten ist ein unbescholtener Bürger. Rappoport macht sich auf die Spur und stößt bei seinen intensiven Recherchen auf ein enges Geflecht aus Korruption und kriminellen Machenschaften von Industrie und Politik, wobei Emilie nicht das einzige Opfer ist.  Gila Lustigers Roman „Die Schuld der anderen“ ist deshalb mehr als nur ein spannendes Buch über ein längst vergangenes Verbrechen und seine Aufklärung.  Backlist #10 – Gila Lustiger „Die Schuld der anderen“ weiterlesen

Juan Gómez Bárcena „Kanada“

„Alle schuldig. Alle würden sie alles tun, um zu überleben (…).“

Man möge mir verzeihen, dass dieser Band, der innen wie außen so voller Trauer und Schmerz ist, nach meiner Lektüre mit bunten Fähnchen übersät ist. Es gibt viele Passagen, die sich einprägen, die neben der Handlung und der Botschaft des Buches unvergesslich bleiben. Sicher: Es gibt viele Bücher über das Leiden und die Verbrechen, schlichtweg das Unfassbare, im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Doch der neue Roman des Spaniers Juan Gómez Bárcena mit dem eigenartigen Titel „Kanada“ ist wohl eines der anspruchsvollsten.

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Katrine Engberg „Blutmond“

„An manchen Tagen war die Menschheit ein Verein, in dem man nur ungern Mitglied war.“

Ein Toter macht noch keinen Mord. Das scheint die Kopenhagener Polizei zu denken, als im Ørstedpark die Leiche eines Mannes gefunden wird. Er wird zuerst als Obdachloser gehalten, der vermutlich die kalte Januarnacht nicht überlebt hat. Doch die Obduktion bringt Überraschendes ans Tageslicht: Bei dem Toten handelt es sich um keinen Geringeren als den berühmten und glamourösen Modezaren Alpha Bartholdy, der qualvoll an den Folgen einer Säure gestorben ist. Die beiden Ermittler Jeppe Kørner und Anette Werner nehmen ihre Ermittlungen auf. Und auch in ihrem zweiten Fall aus der Feder der dänischen Autorin Katrine Engberg müssen die beiden bei der Suche nach dem Mörder um mehrere Ecken denken.

Katrine Engberg „Blutmond“ weiterlesen

Jáchym Topol – „Ein empfindsamer Mensch“

„Überall wo es Menschen gibt, gibt es auch den Teufel“.

Wenn der stämmige französische Star-Schauspieler Gérard Depardieu in einer Nebenrolle, als Geisel und wohlgemerkt als kein Geringerer als sich selbst, auftaucht, kann es sich wohl nur um eine Satire handeln. In diesem Fall ist es keine Filmkomödie, sondern ein Roman. Der tschechische Schriftsteller Jáchym Topol erzählt in seinem neuesten wahnwitzigen Streich von einer Schausteller-Familie, die quer durch Europa reist, um am Ende in den heimischen Gefilden Tschechiens in die Taten einer umtriebigen Bande verwickelt zu werden. Jáchym Topol – „Ein empfindsamer Mensch“ weiterlesen

Susan Hill „Stummes Echo“

„Und so saßen sie da, versammelt um das kleine, schreckliche Ding (…).“

Oft wird ja die Ansicht belächelt und als naiv abgetan, dass Bücher eine gewisse Macht haben, Leben verändern können. Doch warum sollte es nicht so sein? In ihrem Roman „Stummes Echo“, der bereits 2008 im Original mit dem Titel „The Beacon“ erschienen ist und nun in deutscher Übersetzung vorliegt, erzählt die Engländerin Susan Hill über eine Familie, deren Leben durch ein Buch und fragwürdige Erinnerungen auf den Kopf gestellt wird und das für erhebliche Verwirrung sorgt; inklusive eines Gefühlschaos. Susan Hill „Stummes Echo“ weiterlesen

Carsten Jensen „Der erste Stein“

„(…) Afghanistan ist eine Erdbebenzone, eine Herausforderung für die menschliche Vernunft.“

Wer über ein Land schreiben will, muss es bereisen. Carsten Jensen besuchte in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mehrfach Afghanistan. Ein Aufenthalt führte den dänischen Autor 2009 in das Militärcamp Price in Helmand, im Süden des Landes an der Grenze zu Pakistan gelegen, wenig später verfolgte er ein Training dänischer Soldaten, die später in das von Krieg und Krisen geschüttelte Land entsendet werden sollten. Seine umfangreichen Recherchen, seine Informationen und Beobachtungen, mündeten schließlich in den Roman „Der erste Stein“, der über einen Zug dänischer Soldaten und ihre schrecklichen Erlebnisse erzählt.

Carsten Jensen „Der erste Stein“ weiterlesen

„Det er den draumen me ber på“ – Norwegens Weg zum Ehrengast

Nach der Leipziger Buchmesse mit Tschechien als Ehrengast geht es nun in den Norden. Norwegen ist das Gastland in Frankfurt. Ein Blick in den Veranstaltungskalender der Frühjahrsmesse erweckte den Eindruck, dass die Skandinavier bereits volle Fahrt aufgenommen haben für ihren großen Auftritt im Oktober. Allein 18 norwegische Autoren waren zu 40 Veranstaltungen in der sächsischen Messestadt zu erleben. Das schon traditionelle Nordische Forum in Halle 4 war größer, da Norwegen auf der Buchmesse mit einem eigenen Stand präsent war. „Det er den draumen me ber på“ – Norwegens Weg zum Ehrengast weiterlesen

Matias Faldbakken „The Hills“

„Gewohnheit ist eine Decke, die sich über das Wesen der Dinge legt (…).“

Hier lässt man sich für eine gewisse Zeit nieder – um zu speisen, zu trinken, zu verhandeln, vielleicht auch zu flirten. Ein Restaurant ist ein Ort des Genusses, der Geschäfte, der Anbahnung und Festigung von Beziehungen. All das sieht der erfahrene Kellner in dem wunderbaren Roman „The Hills“ aus der Feder des Norwegers Matias Faldbakken ganz genau. Er ist Protagonist und Erzähler zugleich, der über die alltäglichen Geschehnisse in dem Restaurant und die plötzlich auftretenden Ereignisse auf seine ganz eigene Art berichtet.  

Matias Faldbakken „The Hills“ weiterlesen

Backlist #9 – Einar Már Gudmundsson „Engel des Universums“

„Selbstverständlich verstehe ich die Wirklichkeit ebensowenig wie sie mich.“

Auf der Seite vor dem Beginn des Romans steht eine Widmung, ein Name, zwei Lebensdaten: Pálmi Orn Gudmundsson – geb. 22. April 1949 – gest. 27. Mai 1992. Er war der Bruder von Einar Már Gudmundsson. Seinen Roman „Engel des Universums“ hat der isländische Autor Pálmi gewidmet, der an Schizophrenie gelitten und sich im Alter von 43 Jahren das Leben genommen hat. Wie sich die psychische Erkrankung äußert, wie die Außenwelt darauf reagiert, beschreibt Gudmundsson auf unnachahmliche Art und Weise in seinem Buch „Engel des Universums“, für das er 1995 mit dem renommierten Literaturpreis des Nordischen Rates, der wichtigsten literarischen Auszeichnung in Skandinavien, gewürdigt wurde. Backlist #9 – Einar Már Gudmundsson „Engel des Universums“ weiterlesen

Inger-Maria Mahlke „Archipel“

„Seltsam, wie einen das Leben die Bedeutung von Zeit lehrt.“

Inger-Maria Mahlke hat mit ihrem Roman „Archipel“ im vergangenen Jahr den Deutschen Buchpreis gewonnen. Mehr und mehr scheinen die Schauplätze der ausgezeichneten Werke das „Weite zu suchen“. Bodo Kirchhoffs Novelle „Widerfahrnis“ führt nach Sizilien, Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“ nach Brüssel. „Archipel“ setzt den Leser wieder auf eine Insel aus, wie der Titel bereits verrät. Die Autorin erzählt in ihrem Roman eine auf Teneriffa angesiedelte Familiengeschichte. Und das auf besondere und beeindruckende Art und Weise. Inger-Maria Mahlke „Archipel“ weiterlesen

Jeroen Olyslaegers „Weil der Mensch erbärmlich ist“

„In jedem Mitläufer steckt ein Dreckskerl.“

Die Zeit teilt sich, in die des Schuldigseins und jene der Schuldbekenntnisse. Wobei nicht alle Menschen diesen Weg, diese Entwicklung vollziehen. Der Held in dem eindrucksvollen Roman des flämischen Autors Jeroen Olyslaegers mit dem markanten Titel „Weil der Mensch erbärmlich ist“ blickt zurück auf die Zeit der deutschen Besatzung, als er als Hilfspolizist auf beidenSeiten gestanden hat. Jahrzehnte nachdem er eine unwiderrufliche Schuld auf sich geladen hat, schreibt er seine Erlebnisse nieder. Jeroen Olyslaegers „Weil der Mensch erbärmlich ist“ weiterlesen

Gabriel Tallent „Mein Ein und Alles“

„Du vergisst, wer du bist, und du denkst, du könntest jemand anderes sein.“

Wenn Literatur auch immer ein Spiegel ist, in dem gesellschaftliche wie politische Diskurse und Probleme erkennbar werden, dann scheinen das Thema Waffen und Gewalt sowie das Leben der „Abgehängten“ noch immer brisant in den USA zu sein. Denn gleich zwei aktuelle wie auch viel besprochene Romane beschäftigen sich damit – vor allem mit Blick auf die Jugend und die Auswirkungen auf die jüngere Generation. Das sind Jennifer Clements Werk „Gun Love“ sowie das Debüt „Mein Ein und Alles“ des Amerikaners Gabriel Tallent, der dafür sehr viel Anerkennung sowohl in seinem Heimatland als auch hierzulande erhalten hat; für mein Befinden zu viel. Gabriel Tallent „Mein Ein und Alles“ weiterlesen

Judith Schalansky „Verzeichnis einiger Verluste“

„Am Leben zu sein bedeutet, Verluste zu erfahren.“

Alles hat seine Zeit. Was entsteht, wird auch vergehen. In der Vergänglichkeit der Dinge liegt Tragik, zugleich aber auch Trost. Es ist unter uns Menschen vielleicht die einzige Gerechtigkeit, dass keiner dem Tod entrinnen kann, dass das Vergehen das wohl beständigste Prinzip ist. Alles Lebendige und Bestehende findet auf kurz oder lang ein Ende. In ihrem Band „Verzeichnis einiger Verluste“ erzählt Judith Schalansky auf unnachahmlicher Art von verschiedenen Dingen und Wesen, die es nicht mehr gibt, die einst verloren gegangen oder verfallen sind, die zerstört oder vernichtet worden sind. Judith Schalansky „Verzeichnis einiger Verluste“ weiterlesen

Alice Zeniter „Die Kunst zu verlieren“

„(…), dass ein Land nie nur einziges ist.“

1962 – Algerien erlangt die Unabhängigkeit von Frankreich. Nach acht Jahren Krieg, der Menschen das Leben nahm, Familien zerriss. Weil die einen in den Untergrund gingen und sich der Befreiungsarmee angeschlossen haben, weil die anderen auf der Seite der Besatzer standen, oder weil einige zwischen den Fronten zerrieben wurden. 1962 flieht Ali, der einst an der Seite der Franzosen im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat und als „Harki“, als Kolloraboteur, gilt,  mit seinem ältesten Sohn Hamid über das Mittelmeer nach Frankreich, seine Frau Yema und die weiteren Kinder kommen später nach. Diese Zerrissenheit zwischen den Kulturen und der Verlust der Heimat spiegelt sich in der Familie wider. Sie führt zu Ängsten und Traumata, zu Konflikten zwischen den Generationen. Die Französin Alice Zeniter hat darüber mit „Die Kunst zu verlieren“ einen herausragenden Roman geschrieben.

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