Brief als Waffe – Kressmann Taylor „Adressat unbekannt“

Es ist ein kleiner leichter Band. Anthrazitfarbene Leinenoptik. Ein Briefumschlag ziert das Cover. Eine Gestaltung, die schlicht, aber wiederum markant erscheint. Gerade mal 67 Seiten umfasst „Adressat unbekannt“ von Kressmann Taylor. Doch der Roman ist ein Werk mit extremer Wirkung, das von einer besonderen Geschichte erzählt und selbst Geschichte geschrieben hat und viel länger wirkt als der Leser darin versunken ist. Die Neuausgabe des Verlags Hoffmann und Campe als Sammleredition des erstmals 1938 veröffentlichten Werkes könnte wohl zu keinem geeigneteren Zeitpunkt erscheinen.   Brief als Waffe – Kressmann Taylor „Adressat unbekannt“ weiterlesen

„Fünf.Zwei.Vier.Neun“ – Zeitschrift zur Literatur der Weimarer Republik geplant

Hans Fallada „Kleiner Mann – was nun?“, Jakob Wassermann „Faber oder Die verlorenen Jahre“, Georg Fink „Mich hungert“, Ernst Haffner „Blutsbrüder“. Die Literatur der Weimarer Republik, der 20er und 30er Jahre in Deutschland, wird zunehmend wiederentdeckt – von Verlagen und Lesern. Der Bonner Verleger und Buchhändler Jörg Mielczarek plant, mit „Fünf.Zwei.Vier.Neun“ eine Zeitschrift zur Literatur jener Zeit herauszugeben.

jmragal-360x640Wie ist die Idee für diese Zeitschrift entstanden?

Jörg Mielczarek: Bereits seit Jahren beschäftige ich mich mit der Literatur der Weimarer Republik, 2011 ist mein Buch „Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften“ erschienen, das auf 50 Autoren der damaligen Zeit und ihre Werke eingeht. Seit zwei Jahren betreibe ich eine Facebook-Seite zum Thema, die immer mehr Fans gewinnt. 2014 habe ich begonnen, Tageszeitungen und Zeitschriften der Weimarer Republik systematisch nach literarischen Texten sowie Rezensionen zu durchsuchen. Die gefundenen Dokumente wurden ausgedruckt, in Ordnern gesammelt sowie in einer Datenbank erfasst. Auf diese Art und Weise habe ich bereits über 20.000 Dokumente zusammengetragen.

Vor knapp einem Jahr stellte ich mir dann die Frage: Was machst du damit? Ich habe zunächst einzelne Buchprojekte erstellt und sie ausgewählten Verlagen angeboten. Auch wenn die Antworten sehr nett ausfielen, so waren es doch Absagen. Tenor: das „universitäre Umfeld“ fehle. Klar, ich habe keine akademische Ausbildung, nie studiert, sondern bin „nur“ gelernter Buchhändler. Die Absagen konnte ich akzeptieren,  aber sie haben mich auch angestachelt. Literatur und der Austausch darüber ist für mich nicht nur einem bestimmten elitären Kreis vorbehalten. So stand ich wieder an meiner Ausgangsfrage. Die Lösung, eine monatlich erscheinende Zeitschrift herauszugeben, die jeweils ein Schwerpunktthema hat, gefiel mir am besten. Bei der Nullnummer wird dieses Schwerpunktthema die Weltwirtschaftskrise sein, aus diesem Grund ist Hans Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ die Titelgeschichte dieser Ausgabe. Die Nullnummer ist bereits fertig gestellt, weitere Ausgaben bereits sehr weit fortgeschritten, wie beispielsweise Irmgard Keuns „Gilgi, eine von uns“, die sich mit der Stellung der Frau in der Weimarer Republik auseinandersetzt oder Erich Remarques „Im Westen nichts Neues“ über die (literarische) Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Mit dem originalgetreuen Abdruck von Zeitungsartikeln können diese Werke in einen historischen Kontext gebracht werden. Wenn ich mir die Nullnummer betrachte – gesetzt ist sie, sie muss nur noch in Druck gegeben werden –, so bin ich stolz auf das Ergebnis. Das kann sich sehen lassen.

Warum nutzt Du eine Crowd-Funding-Plattform?

Mielczarek: Crowdfunding ist eine hervorragende Möglichkeit, das Projekt auf Marktfähigkeit zu testen. Verläuft die Aktion erfolgreich, so sehe ich gute Chancen, die Zeitschrift auch langfristig zu etablieren. Schließlich muss „Fünf.Zwei.Vier.Neun.“ wirtschaftlich Sinn machen und schließlich sind nicht unerhebliche Kosten mit dem Projekt verbunden. Führt die Aktion nicht zum Erfolg, so muss ich das akzeptieren. Ich habe es dann aber auf jeden Fall versucht.

coverfallada-489x640Wann soll das Vorhaben starten und was ist konkret geplant?

Mielczarek: „Fünf.Zwei.Vier.Neun“ wird voraussichtlich am 26. September in die Finanzierungsphase gehen. Auf www.startnext.com/literaturweimar kann man dann bis zum 6. November das Projekt unterstützen. Mir ist es wichtig, dass jeder Unterstützer auch einen direkten Gegenwert für sein Geld erhält: Abhängig vom Förderbetrag reicht die Palette von einem Exemplar der Nullnummer bis hin zum Paket aus zwölf Ausgaben plus zwölf Begleitbüchern. Erscheinungstermin der Nullnummer ist der 9. November, ab Januar soll „Fünf.Zwei.Vier.Neun“ monatlich, jeweils zum 9., erscheinen.

Welche besonderen Lese-Erfahrungen verbindest Du mit der Literatur der Weimarer Republik?

Mielczarek: Mit Büchern fühlte ich mich schon immer verbunden. Sie waren meine Türen in Welten, die ich nicht kannte und auf diese Art und Weise kennenlernen durfte. Vor allem Bücher aus der Zeit der Weimarer Republik haben mich bereits in der Jugend fasziniert, denn erstmals trat die deutsche Literatur in einer ungeheuren Vielfalt hervor, große gesellschaftliche Veränderungen wurden literarisch verarbeitet. Und da die Vielfalt seinerzeit so groß war, so habe ich auch viele besondere Lese-Erfahrungen mit diesen Werken gemacht. Einige dieser Bücher sind mir ständige Begleiter, ja Freunde geworden; so habe ich meiner Freundin bei der Geburt unseres Sohnes im Kreißsaal aus Thomas Manns „Zauberberg“ vorgelesen (hätte sich die Geburt weiter verzögert, so hätte sie wohl das komplette Buch kennengelernt). Menschen, denen ich begegne und die ich auf Anhieb mag, halten spätestens beim dritten Treffen Leonhard Franks „Karl und Anna“ in den Händen. Es sind Begleiter, Freunde, aber auch Ratgeber in gewissen Lebenssituationen. Das näher auszuführen, ist mir aber zu persönlich. Auf jeden Fall haben viele Werke mein Weltbild, meine innere Landkarte gestalten geholfen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Gibt es vergessene Autoren, die Du besonders empfehlen kannst und die entdeckt werden sollten?

Mielczarek: Es gibt sehr, sehr viele Autoren, die entdeckt oder wiederentdeckt werden sollten. Nennen möchte ich Lessie Sachs, eine jüdische Schriftstellerin, die 1939 mit ihrem Mann in die Vereinigten Staaten emigrierte. Dort verstarb sie 1942. Zwei Jahre später veröffentlichte ihr Mann den Gedichtband „Tag und Nacht“, den man – dank eines Online-Projektes – problemlos im Internet findet. Ich bin in zahlreichen Zeitungen, vor allem in der „Vossischen Zeitung“, auf ihre Erzählungen gestoßen. Frisch, unbekümmert, von der Leber weg geschrieben, wie von einer Berliner Göre verfasst, so mein Eindruck, und doch mit einer ungeheuren Tiefe. Großartig. Oder die Novellen und Erzählungen von Mala Laaser, die ich in den Verbandsblättern des „Central Vereins für deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“ fand. Das sind nicht nur spannende, packende, dichterische Werke, sie haben mir auch sehr viel Wissen über die jüdische Religion und Kultur vermittelt.

Genau aus diesem Grund ist „Fünf.Zwei.Vier.Neun.“ auch kein reines Zeitschriften-Projekt. Zu jeder Ausgabe erscheint ein Taschenbuch mit weiteren Texten zum Schwerpunktthema des Monats. Der Fokus liegt dabei auf Erzählungen und Werken von Autoren, die heute leider kaum jemand mehr kennt. Eine echte Fundgrube für Literaturliebhaber, meine ich. Da gibt es viel Neues zu entdecken!

Woher erhältst Du Deine Lese-Empfehlungen?

Mielczarek: (schmunzelt) Aus den üblichen Quellen; wenn man möchte, wird man täglich davon überrollt. So folge ich ausgewählten Literaturblogs, bin einigen Facebook-Gruppen beigetreten, drehe das Radio lauter, wenn Bücher besprochen werden, verpasse nur ganz selten entsprechende Sendungen im Fernsehen, und wenn mich eine Buchbesprechung interessiert, so kaufe ich mir auch mal eine Tages-, Wochen- oder Sonntagszeitung. Nicht zu vergessen – das Stöbern in Buchhandlungen. Da verlasse ich mich ganz auf meine eigene Nase. Meine Lieblingsempfehlungen ziehe ich aus den Originalquellen der damaligen Zeit. So habe ich beispielsweise die Autorin Agnes Smedley kennengelernt. So schrieb schrieb die dänische Schriftstellerin Karin Michaelis im Februar 1930 über Smedleys Autobiographie im „Berliner Tageblatt: „Wenn ich etwas zu sagen hätte, so müßte Agnes Smedley für dieses Buch den Nobelpreis bekommen. Noch nie hat ihn eine Frau mit einem einzigen Werk mehr verdient als sie. Ich getraue mich zu behaupten, daß Smedleys Lebensroman sowohl in der gegenwärtigen wie in der vergangenen Frauenliteratur einzig dasteht.“ Mein Lieblingsratgeber ist Kurt Tucholsky. Was habe ich für wunderbare Autoren und Werke aufgrund seiner Empfehlungen in der „Weltbühne“ entdeckt! „Es ist immer wieder bewun­dernswert, wie diese Frau gese­hen, gelebt, studiert und ge­schaffen hat. Es ist ein Wunder. Wenn das ein Mann geschrie­ben hätte, müßte man ihn krö­nen – um wieviel mehr eine Frau!“ Aufgrund dieser Aussage habe ich mir über ein Antiquariat Larissa Reissners Buch „Oktober“ gekauft. Ganz, ganz große Klasse!

Einige der Autoren der Weimarer Republik haben oft besondere Schicksale erlebt. Welches berührt Dich besonders?

Mielczarek: Joseph Roth, Ernst Toller, Stefan Zweig und viele andere. Die Liste ist leider viel zu lang. Berührt hat mich vor allem eine Rede von Erich Kästner, in der er am 10. Mai 1958 – zum 25. Jahrestag der Bücherverbrennung – beschreibt, wie er als Augenzeuge ansehen musste, eingekeilt von Studenten in SA-Uniformen, wie seine Bücher in die Flammen geworfen wurden.

Was können uns die Werke dieser Zeit heute noch sagen?

Mielczarek: Als ich vor wenigen Wochen in den Ausdrucken von Joseph Roths „Spinnennetz“ blätterte (der Roman wurde 1923 vorab in der Wiener „Arbeiterzeitung“ abgedruckt – im Übrigen endete der Abdruck drei Tage, bevor Hitler und Ludendorff in München ihren Putschversuch unternahmen), flimmerte die erste Hochrechnung der Mecklenburg-Vorpommerschen Landtagswahl über den Bildschirm. Da wird einem schon schmerzlich bewusst, wie aktuell die Werke der damaligen Zeit noch sind und sein können. Oder nehmen wir die Resolution des Bundestags, der im Juni dieses Jahres die Verbrechen der Türkei an den Armeniern zum Völkermord erklärte; kurze Zeit später stuft die Regierung diese Resolution als für sich nicht rechtlich bindend ein. Da möchte man jedem Kabinettsmitglied umgehend Franz Werfels „Die 40 Tage des Musa Dagh“ schenken. Angst vor Veränderungen, Umgang mit Minderheiten, Rassismus, um nur einige Dinge zu nennen, gab es früher und gibt es auch noch heute. Werke der Weimarer Zeit können helfen, uns mit ihnen auseinanderzusetzen.

Not und Elend – Georg Fink „Mich hungert“

„Die Erde rollte schneller, als ich trippeln konnte. Und in meiner Hand hatte das Glück nicht Platz. Alles lief mir fort. Und was blieb?“

Würden Bücher körperlich und lebendig sein, könnte der Roman „Mich hungert“ mit wohl drastischen Formulierungen beschrieben werden. Er beißt, er schlägt, er wühlt sich einem Bandwurm gleich ins Gemüt. Mit schwerwiegenden Folgen. Das Werk des jüdischstämmigen Schriftstellers Kurt Münzer (1879 – 1944), unter dem Pseudonym Georg Fink 1929 im Verlag Bruno Cassirer erschienen, ist harte Kost, weil er nicht nur eine traurige Geschichte einer Familie erzählt. Das Buch widmet sich vielmehr einem der größten, bis heute nicht gelösten Probleme der Mensch: der Armut und der Not der untersten Schicht. Not und Elend – Georg Fink „Mich hungert“ weiterlesen

Irrenhaus Europa – Pierre Drieu La Rochelle „Die Komödie von Charleroi“

„Und ich war mittendrin, verloren, mich verlierend, trunken vor Verlorenheit. Meine bürgerliche Person – vergessen.“

Wenn die Zeitzeugen nach und nach von uns gehen, fallen authentischen Zeugnissen und der Literatur eine größere Bedeutung zu. Sie erinnern, wenn es die Mahner nicht mehr gibt. Dies trifft wohl besonders auf die Zeit der beiden Weltkriege zu. Gerade in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Publikationen zugenommen, so scheint es; wohl auch mit Blick auf die Jahrestage in 2014 und 2015. Der Band „Die Komödie von Charleroi“ mit sechs Erzählungen des Franzosen Pierre Drieu La Rochelle reiht sich ein und ist zugleich herausragend.

Irrenhaus Europa – Pierre Drieu La Rochelle „Die Komödie von Charleroi“ weiterlesen

Blätterrascheln – Blick in die Herbstvorschauen

Ich muss gestehen: Meine Leseliste, erstellt nach einem Blick in die Frühjahrsvorschauen, habe ich nur ankratzen können. Viele Titel warten noch auf ihre Lektüre, und schon geben die Verlage die Programme für den kommenden Herbst und Winter heraus. Ergo: Die Wunschliste wird immer länger. Hier sind einige Titel, die mich neugierig machen oder deren Verfasser ich kenne und sehr schätze.  Blätterrascheln – Blick in die Herbstvorschauen weiterlesen

Schuld – Siegfried Lenz „Der Überläufer“

„Wenn ein Böser zu schwach ist, sucht er sich andere Böse. Das beste Einverständnis der Welt herrscht unter Bösen, weil das Böse unmissverständlich ist.“

Romane erzählen Geschichten. „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz (1926 – 2014) ist selbst zu einer Story geworden und sorgte für eine der wohl interessantesten literarischen Begebenheiten der letzten Jahre. Große Schlagzeilen landauf landab inklusive. Das postum erschienene Werk ist nach „Es waren Habichte“ der zweite Roman von Lenz und war über Jahrzehnte im Nachlass „verschollen“, den der Autor dem Literaturarchiv Marbach vermacht hatte. Der Band war unter anderem nicht veröffentlicht worden, weil er das Thema Desertion aufgreift. Schuld – Siegfried Lenz „Der Überläufer“ weiterlesen

Unfassbar – David Garnett „Dame zu Fuchs“

„Wo eben noch seine Frau gewesen war, stand, mit leuchtend  rotem Fell, ein kleiner Fuchs.“

Wollen wir uns nicht ab und an in ein Tier verwandeln? Wenn uns Stress plagt in ein Faultier, wenn eine peinliche Situation droht in eine winzige Maus oder in der kalten Winterszeit in einen Delfin, der über die Wellen eines tropischen Meeres springt. Allerdings sollte es sicher sein, dass wir wieder zu einem Menschen werden. Denn das berührende Schicksal von Mr. und Mrs. Tebrick in dem Roman „Dame zu Fuchs“ von David Garnett zeigt uns die andere Seite der Verwandlung.  Unfassbar – David Garnett „Dame zu Fuchs“ weiterlesen

Lebenslügen – Richard Yates „Cold Spring Harbor“

„In der Realität konnte einen alles auf Schritt und Tritt daran erinnern, dass das eigene Leben verknäuelt und gefährlich unvollständig war.“

Was haben wir nicht alle für Lebenspläne. Eine Weltumsegelung, den Doktor-Titel, Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen. Wir machen Ideen für unser Dasein auf Erden, als ob sie wie auf einer Liste nur nach und nach abgehakt werden müssen. Wir ahnen nicht, dass wir auf Hindernisse stoßen könnten, zu denen das Leben selbst gehört. In seinem Roman „Cold Spring Harbor“ erzählt der Amerikaner Richard Yates von Menschen, die Großes wollen, aber schlichtweg im Alltag versumpfen. Lebenslügen – Richard Yates „Cold Spring Harbor“ weiterlesen

Verloren – Joan Sales „Flüchtiger Glanz“

„Wir brauchen die Phantasie und das Mysterium, um diese Welt zu verwandeln, in die es uns verschlagen hat, ohne das wir wüssten, warum und auf welche Weise!“

Die Welt taumelt in Richtung Abgrund. Es sind nur noch wenige Jahre bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. In Spanien wird für das kommende Gemetzel geprobt. Nicht Länder prallen aufeinander. Im Bürgerkrieg (1936 – 1939) stehen sich politische Systeme und Weltanschauungen gegenüber. Viele Bücher gibt es über jene Jahre. Mit dem Roman „Flüchtiger Glanz“ des Katalanen Joan Sales (1912 – 1983) ist nun ein Meisterwerk wiederentdeckt und erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Verloren – Joan Sales „Flüchtiger Glanz“ weiterlesen

Frühlingserwachen – Ein Blick in die Verlagsvorschauen

Das Leben besteht bekanntlich aus Entscheidungen. Manchmal muss eine von zwei Möglichkeiten gewählt werden. Schwieriger wird es, wenn mehrere bestehen. Ob in Lebensphasen oder konkreten Situationen. Bücherfans stehen immer wieder vor der Frage, welches Buch lese ich als nächstes, welche Bücher kaufe ich – angestachelt von Rezensionen in den Medien, Lesetipps von Freunden, Bücherbergen in den Buchhandlungen. Vor allem zweimal im Jahr scheint das Meer aus Möglichkeiten sich zu einem Ozean auszudehnen, in denen Bibliophile jedoch mit Begeisterung hineinspringen. Im Frühjahr und Herbst ist Hochkonjunktur  für Neuerscheinungen, die mit Verlagsvorschauen angekündigt werden. Frühlingserwachen – Ein Blick in die Verlagsvorschauen weiterlesen

Entdeckt – Irmgard Keun „Das kunstseidene Mädchen“

„Ich bin so oft doch mal unglücklich gewesen, aber es geht immer vorüber. Geht es denn bestimmt immer vorüber?“

Es gibt Autoren und Werke, die ähneln Sternschnuppen. Sie glänzen für eine kurze Zeit, lenken die Blicke vieler Menschen auf sich, um wenig später schnell zu verglühen und nahezu in Vergessenheit zu geraten. Einst galt Irmgard Keun (1905-1982) als großes literarisches Talent, war die meistgelesene Autorin der 30er Jahre, wurde zuvor von Alfred Döblin entdeckt, von Kurt Tucholsky gepuscht. Während des Dritten Reiches verschmäht, geriet sie nach dem Krieg jedoch in Vergessenheit.  Entdeckt – Irmgard Keun „Das kunstseidene Mädchen“ weiterlesen

Projekt „Fluß ohne Ufer“ – Annäherung an Hans Henny Jahnn Teil 1

„Und so werden wir gleich zu lesen beginnen, diese Sätze, Ausfahrt, Erster Akt, Erster Band, und so wird es sein. Und ich denke an den Maler William Turner. Und ich sehe die Bilder. Und das verwirrende Licht des Impressionismus, und denke an den Sturm des Expressionismus.“ Clemens Meyer

Lieber möchte ich ein Buch empfehlen, als vor ihm zu warnen. Doch in diesem Fall werde ich eine Ausnahme machen. Denn dieses Werk soll und muss gelesen werden, aber weder zur falschen Zeit noch am falschen Ort. „Fluß ohne Ufer“ ist keine leichte und unterhaltsame Lektüre für den Strand oder für eine kurze Fahrt mit der Bahn oder dem Bus. Um das Mammut-Werk von Hans Henny Jahnn (1894 – 1959) zu lesen, braucht es Zeit und einen Ort der Versenkung. Weil es mit mehr als 2 000 Seiten nicht nur die Maße herkömmlicher Lektüre sprengt und weil es mehr Herausforderung denn reines Vergnügen ist – durch seine Sprache und einen Stil der seinesgleichen sucht.   Projekt „Fluß ohne Ufer“ – Annäherung an Hans Henny Jahnn Teil 1 weiterlesen

Ganz unten – Ernst Haffner „Blutsbrüder“

„Geben, Schenken ist nicht des Reichen Sache. Die hetzen Hunde auf den Bettler oder schlagen die Tür zu. Geben mit der Selbstverständlichkeit des Wissens um Hunger und Elend wird nur der Arme. Der oberschlesische Kumpel, der italienische Tagelöhner oder der Berliner Arbeitslose.“

Ihr Zuhause sind die Straßen, die Wärmestuben, die Kneipen. Und Berlin ist voll davon. Wie auch von Männern und Frauen, die am Hungertuch nagen, die in der Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre nicht wissen, wie sie über die Runden kommen. Doch ganz unten sind vor allem die Kinder und Jugendlichen, die keine Familie mehr kennen. Wie Jonny und Fred, Willi und Ludwig. Ihre neue Familie ist die Clique der Blutsbrüder. Denn zusammen ist man stark – auf der Suche nach Geld für Essen oder auch gegen die Polizei.  Ganz unten – Ernst Haffner „Blutsbrüder“ weiterlesen