„Wie kann man durch etwas völlig leer gemacht und ebenso überfüllt werden?“
Irgendwo stehen ein paar Wohnwagen, eine Schießbude, ein Zuckerwattestand. Irgendwo steigt Adrian in einen Ring, um andere zu vermöbeln oder sich selbst vermöbeln zu lassen. Schausteller sind Nomaden, die ihre Zelte im Rhythmus ihres ruhelosen Lebens mal hier mal dort aufschlagen. Paul Garbulski führt in seinem Debüt in diese besondere Welt, ohne jemals einen Ort zu benennen. Ihm geht es vielmehr um die Menschen – mit ihren Geschichten.
Geld in der Kaffeedose
Da ist eben Adrian, der wie eine Handvoll seiner Kollegen in Faustkämpfen gegen Besucher antritt. Wer einen Rummelboxer schlägt und zu Boden bringt, bekommt einen Tausender. Die Schwestern Lena und Nele stehen am Zuckerwattestand ihrer Eltern, die auch eine Schießbude und Kinderkarussells betreiben. Kati und Volker sind gezeichnet von ihrer schweren Arbeit, können sich aber ein anderes Leben nicht vorstellen. Sie war einst Pflegekraft, bis sie die Liebe zu Volker führte – und zum Rummel, der eher ein bescheidenes Dasein verspricht. Volker schleust Einnahmen mittels einer Kaffeedose am Finanzamt vorbei, um für das Alter vorzusorgen. Steuerhinterziehung statt Riester-Rente.
Autoscooter-Klausi hat vor Jahren seinen Neffen Markus, alias Bilbo, zu sich geholt, nachdem seine Schwester den Drogen verfiel. Fast wie bei einem Karussell ziehen so die Menschen an einem vorbei. Runde um Runde sieht man mehr von ihnen, kommen sie einem näher. Ob die Elterngeneration oder ihr Nachwuchs, die schon Teil des Rummels geworden sind, damit aufgewachsen sind. Auch die Besucher, die von den Fahrgeschäften und Attraktionen angezogen werden, stehen im Rampenlicht. Wie Dima, der sich durch seine Flucht dem Armeedienst in der Ukraine entzogen hat, von einer Boxer-Karriere träumt und Adrian fast auf die Bretter schickt, und Monja, die in der „Platte“ zusammen mit einem schlagwütigen Vater leben muss.
Tiefe durch verschiedene Themen
Garbulski blickt in seinem Debüt nicht nur in das Schausteller-Milieu, das eine ganz eigene Welt für sich darstellt; schillernd zwar, aber auch von Existenznot, Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst geprägt. Er widmet sich zudem aktuellen wie immerwährenden Themen, was dem lebendigen Roman seine Tiefe gibt. Erzählt wird anhand von sowohl Familien als auch Einzelgängern von der Bedeutung von Lebensentscheidungen, der Suche nach dem Glück, von Armut, Schuldgefühlen und von Vergänglichkeit, von Drogensucht und Gewalt.
„Ja, was wäre, wenn auf der Kindheit und ihrer Leichtigkeit des Unmittelbaren wirklich ein Fluch läge, weil sie, einmal erlebt, nie wieder erreicht wird?“
Dabei hat der Autor, 1983 im polnischen Bromberg geboren, selbst ein recht wechselvolles Leben vorzuweisen. Er studierte Philosophie und Soziologie in Tübingen, war als freier Journalist für diverse Medien und schließlich als fester Autor des Berliner Online-Magazins „Vice“ tätig, er arbeitete als Wirbelstrommesser in Elektrizitätswerken, Schwerteil-Kommissionierer in Fabriken oder Passmann auf Lkw. Nach Jahren in der Züricher Gastronomie-Szene kehrte Garbulski zurück nach Berlin, um seinen Erstling fertigzustellen. Mit „Punch“ steht er auf der Kandidatenliste der Hotlist – Die Bücher des Jahres aus unabhängigen Verlagen.
„Der Mensch ist jedem Mensch ein Abgrund – in den meisten Fällen wissen wir nicht mal, was wir von uns selbst halten sollen.“
Das Debüt lebt von den unterschiedlichen Schicksalen und Stimmen. Mal erscheint der Roman philosophisch und gedankenschwer, mal legt er einen rotzigen Ton an den Tag. Er ist melancholisch und zugleich lakonisch.
Wenn man dem Autor etwas kritisch vorwerfen kann, dann ist es eine ewig lange Passage, in dem vom Spieler Maik erzählt wird, der, von Drogen vollgedröhnt, von Lokal zu Lokal zieht, um zu spielen und zu verlieren, Prostituierte zu drangsalieren und seinen Frust mit den Fäusten an anderen auszulassen. Garbulski zieht den Leser, die Leserin damit weg vom Rummel und seinen Hauptfiguren, die vielmehr die Aufmerksamkeit verdient haben. Und für diese vom Leben gebeutelten, aber auch durchaus starken Persönlichkeiten beweist der Autor sehr viel Herz.
Paul Garbulski: „Punch“, erschienen im Osburg Verlag; 240 Seiten, 24 Euro
Foto von Sylwester Walczak auf Unsplash


