„Es gibt so viele Definitionen von Heimat.“
Sie heißen unter anderem Vagar, Streymoy und Mykines. 18 Eilande vulkanischen Ursprungs bilden die Inselgruppe der Färöer. Sie liegen verstreut im Nordatlantik. Etwas mehr als 50.000 Menschen leben hier. Als Traumziel von Naturliebhabern sind die Färöer mit ihrer herben Schönheit längst kein Geheimtipp mehr. Als Schauplatz kommen sie allerdings in der Literatur eher selten vor. Einen stillen, wenngleich eindrücklichen wie vielschichtigen Roman, der auf die Inselgruppe führt, hat die dänische Autorin Siri Ranva Hjelm Jacobsen verfasst.
Zwei Reisen von Großmutter und Enkelin
Ihr Roman trägt den schlichten Titel „Insel“, über der dänischen Originalfassung, bereits 2016 erschienen, steht nur ein einziger Buchstaben: „Ø“, was so viel wie Insel bedeutet. 1980 geboren, hat Jacobsen familiäre Wurzeln auf den Färöer. Ihre Familie stammt von der Inselgruppe südöstlich von Island gelegen, auf der kein Punkt mehr als fünf Kilometer vom Meer entfernt liegt und die als autonomer Teil zur dänischen Reichsgemeinschaft gehört.

Zwei Reisen bilden den Auftakt der Handlung. Die Ich-Erzählerin, eine Geologie-Studentin, fliegt nach dem Tod der Großmutter mit ihrer Mutter und ihrem Vater, kurioserweise, wenngleich auch liebevoll Tarantel genannt, von Dänemark auf die Färöer. Fast ein Menschenleben zuvor ging ihre Großmutter Marita an Bord eines Schiffes, um ihre Heimat zu verlassen und auszuwandern. Sie will die ländliche Enge hinter sich lassen und folgt ihrem Verlobten Fritz, der bereits in Dänemark lebt und auf sie wartet. Es sind die 1930er-Jahre. Europa und die Welt stehen vor einem schrecklichen Weltkrieg. Während Dänemark von der deutschen Wehrmacht besetzt wird, kommen die Briten auf die Inseln. 1945 wird die gemeinsame Tochter geboren, die Mutter der Ich-Erzählerin.
Beeindruckend vielschichtig
Die Handlung springt zwischen diesen verschiedenen Zeitebenen hin und her, rollt die ganze Familiengeschichte auf, die nicht nur von einem Abschied, sondern auch von dramatischen Schicksalsschlägen im Laufe mehrerer Jahrzehnte berichtet. Der Leser reist indes nicht nur in die Vergangenheit der Familie, sondern eben auch auf die Färöer. Sehnsuchtsziel auch späterer Generationen. Herkunft und Identität, die Frage, was ist die Heimat, wenn die Familie eben diese vor Jahren verlassen hat, das sind die großen Themen des Romans. Immer wieder erinnert sich die Ich-Erzählerin an frühere Aufenthalte in den Sommerferien auf den Inseln.
„Ich wünschte mir, ein Keim von mir entspringe dort, gehöre dorthin, sei Teil des Gesteins, der grünen Luft.“
Mit bildhaften und eindrücklichen Landschaftsbeschreibungen bringt Jacobsen die Inselgruppe den Lesern nahe – und mit der einen oder anderen Geschichte aus der Historie. Wir lernen die Malerin Ruth Smith, über die der färöische Schriftsteller William Heinesen ein Gedicht geschrieben hat, sowie den Bauern, Dichter und Nationalhelden Nolsoyar Pall kennen sowie den sagenhaften Huldrastein, der sich nicht verrücken lässt. Wir erfahren, welche strategische Rolle die Inselgruppe hat, setzen uns zugleich mit der Europafrage auseinander. Letztlich bleibt der Roman indes ein Buch über persönliche Lebenswege und Erinnerungen, über die Schönheiten und Besonderheiten der Färöer.
„Die Berge lauschen mit den Füßen. Tief unter dem Meer treffen sich alle Landmassen. Dort erklingt der gemurmelte Dialog der tektonischen Platten.“
Mit „Insel“ debütierte die dänische Schriftstellerin vor gut zehn Jahren. Es ist das erste Buch Jacobsens, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Eine ganz wunderbare literarische Perle, die hoffentlich kein Geheimtipp bleibt. Wie die Dänin auf 180 Seiten die Themen und Geschichten in einer poetischen Sprache zusammenführt, beeindruckt ungemein. Im Frühjahr plant der März Verlag, den Band „Meeresbriefe“, eine literarische sowie illustrierte Korrespondenz zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer, herauszugeben. Dafür erhielt Jacobsen den Schadeprisen, einen Literaturpreis ihres Landes.
Wer die Literatur der Färöer entdecken möchte, dem sei an dieser Stelle auch ein Blick in das Programm des Guggolz Verlag sehr ans Herz gelegt, der unter anderem Werke von Heinesen wie „Hier wird getanzt!“ und zuletzt „Noatun“ herausgegeben hat.
Siri Ranva Hjelm Jacobsen: „Insel“, erschienen im März Verlag, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Franziska Hüther; 181 Seiten, 25 Euro

