„Was war das alles für ein Elend.“
Die kleine Mia wird vermisst, wenig später entdeckt man ihre Leiche. Mia wurde nur drei Jahre alt. Es ist ein Maitag im Jahr 1990. Die Menschen sind geschockt. Schnell gerät ein anderes Kind in Verdacht: Lucy. Das zehnjährige Mädchen stammt aus einer irischen Einwandererfamilie, die als Außenseiter gilt. Und Lucy ist bekannt für ihr auffälliges Verhalten. Mit „Kleine Schwächen“ legt die irische Schriftstellerin Megan Nolan ein beeindruckendes Werk vor.
Außenseiter-Familie aus Irland
Der Roman ist allerdings kein gewöhnlicher Krimi, wenngleich er eine untergründige Spannung erzeugt und nach dem bekannten „Whodunit“-Muster gestrickt ist. Vielmehr schaut Nolan auf sowohl den sozialen Background als auch gewisse gesellschaftliche Prozesse. Da sind zum Einen die Greens, die in einer schwierigen Zeit aus dem südirischen Waterford nach London gekommen waren. Carmel war da mit Mia ungewollt schwanger. Sie versuchte alles, um ihr Kind, Ergebnis einer letztlich unglücklichen Teenager-Liebe, nicht auf die Welt bringen zu müssen. Von Selbstverletzung bis zu Alkoholexzessen.

Einzig Mutter Rose nimmt sich schließlich Carmel und Lucy an, die indes keine normale Mutter-Tochter-Beziehung aufbauen. Das Kind scheint das Ungewolltsein förmlich innerlich zu spüren. Ihre Mutter gerät in Verdacht der Kindeswohlgefährdung. Vater und Bruder haben ihre ganz eigenen Probleme. Beide trinken, der Vater ist nach einem Arbeitsunfall arbeitslos, der Bruder hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bekommt aber sein Leben nicht in die Griff. Nolan bringt Schicht für Schicht die kleinen wie großen Schattenseiten der Familie ans Licht und zeigt ein erschütterndes Bild einer in prekären Zuständen lebenden und zerbrochenen Familie, die in Scham versinkt und in der jeder einzelne unter seiner eigenen Einsamkeit leidet.
Skrupelloser Reporter
Doch letztlich erschüttert ebenso, wie schnell ein erster Verdacht das Klima in der Nachbarschaft vergiftet, wie schnell sich die Ausgrenzung der Greens verhärtet. Alle zeigen schon mit dem anklagenden Finger auf sie, bevor die Ermittlungen der Polizei abgeschlossen sind. Öl ins Feuer gießt zudem der skrupellose Reporter Tom Hargreaves, der sich den Familienmitgliedern anbiedert und den einfühlenden Journalisten mimt, aber nur die große Story wittert, um ein paar läppische Stufen die Karriereleiter hinaufzufallen.
„Lucy war ein winziger, tollwütiger Dämon. Nein, falsch, sie war bloß ein armes, kleines Mädchen.“
Nolan, 1990 in eben jenem irischen Waterford geboren, schreibt Essays, Kritiken und fiktionale Texte für große Zeitungen, wie die New York Times und den Guardian. Sie studierte Filmwissenschaft und Französisch in Dublin. 2021 erschien mit „Acts of Desperation“ ihr Debüt, das auf der Longlist des Dylon Thomas Prize stand. Karl Ove Knausgård nannte sie ein „literarisches Ausnahmetalent“.
„Inzwischen wusste sie, dass es so einfach nicht war, dass alles, was man getan und versäumt hatte, nicht einfach überschrieben werden konnte, nicht einmal durch Liebe.“
Was ihren zweiten Roman, der durch mehrere Zeitebenen einen Bogen von 1978 bis 1996 spannt und auch in die Großelterngeneration reicht, so speziell macht, ist nicht nur der tiefe psychologische Blick in eine von Tragödien gebeutelte Familie, die nie das Gefühl kannte, auf einen grünen Zweig zu kommen. Die einzelnen Porträts sind authentisch, vorverurteilen nicht, erzeugen vielmehr fast ein gewisses Verständnis. Man kann ahnen, weshalb Lucy so geworden ist, wie sie ist.
Trotz aller Düsternis gelingt es der Irin, ihre Story Stück für Stück lichter werden zu lassen, ohne dass diese dadurch an Glaubhaftigkeit verliert. „Kleine Schwächen“ beginnt dunkel und kalt, strahlt am Ende leichte Wärme aus und gibt Grund zur Hoffnung. Und wie Nolan diese faszinierende Wende gelingt, erstaunt ebenso.
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Buch-Haltung“ und „Lust auf Literatur“.
Megan Nolan: „Kleine Schwächen“, erschienen im Kjona Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Stefanie Ochel; 256 Seiten, 24 Euro

