Nina Bußmann – „Drei Wochen im August“

Ein großes Haus am Meer, für drei Wochen im Sommer – und ohne einen einzigen Cent zu bezahlen. Wer würde da wohl Nein sagen. Wer jedoch zuvor den neuen Roman von Nina Bußmann „Drei Wochen im August“ liest, könnte indes schnell ins Zweifeln kommen. Denn mit der anfänglichen Idylle ist es darin schnell vorbei. Alles kommt anders, als zuvor gedacht und erhofft. Statt einer Unbeschwertheit machen sich ein gewisses Unbehagen und Spannungen breit. Dann brennt noch der Wald, verschwindet ein 13-jähriges Mädchen spurlos …

Gemischtes Quartett

Dabei wollte Elena mit ihren beiden Kindern Rinus und Linn nur eine schöne Zeit haben. Ihr Mann Kolja ist vorerst zu Hause geblieben, um Geschäftliches zu erledigen. Stattdessen begleiten Babysitterin Eve und Linns Freundin Noemie die Mutter mit ihren beiden Kindern nach Frankreich, wo Nana, die Frau von Elenas Freundin Ali, ein Haus besitzt. Elena arbeitet als freie Kuratorin, unter anderem auch für Ali, deren Partnerin, eine Künstlerin, todkrank ist. Geldsorgen hat die zweifache Elena nicht, sie lebt vom Einkommen ihres Mannes, der als Unternehmensberater tätig ist und gut zu tun hat, und dem Geld ihrer Mutter. Alles könnte so schön sein.

An der französischen Atlantikküste angekommen, geht jeder schnell seiner Wege. Die Freundschaft zwischen Linn und Noemie zeigt sich weniger eng, als ursprünglich vermutet. Beide haben ihre Ängste und Sorgen, ohne darüber miteinander zu reden, wie es eben Freundinnen tun. Auch zwischen Elena und ihrem Kindermädchen herrscht eine gewisse Kühle, wohl auch dem Angestellten-Verhältnis geschuldet und den unterschiedlichen sozialen Schichten, aus denen sie kommen.

Und auch Ilyas trägt ein wenig zur unharmonischen Grundstimmung bei. Der Hausmeister wohnt auf dem Grundstück in einem Wohnwagen und kümmert sich um das Anwesen, Haus und Garten, ohne die Gäste aus dem Blick zu verlieren. Zwei Frauen und ein Mann – das kann allein schon für sich eine spannende Konstellation sein. Und wenn das nicht schon alles ist, schneit Franz, ein Bekannter Alis, mit Marla, einer Jugendlichen, ins Haus; ein Lebenskünstler, der sich unverfroren an Elenas Geld und den Vorräten bedient.

Kleine Erschütterungen

Jetzt sollte aber Schluss sein mit all den Überraschungen, könnte man meinen. Doch ein entlaufener Hund – es wird nicht das einzige Tier in diesem Roman bleiben -, Waldbrände, vor denen Kolja aus der Ferne warnt, die Elena indes kaltlassen, und das Verschwinden von Linn bündeln sich zu einer Reihe an überraschenden und teils bedrohlichen Ereignissen. All diese kleinen Erschütterungen stellen zwar den Urlaub von Elena, Eve und den Kindern auf den Kopf. Doch was die hintergründige Spannung des Romans ausmacht, ist vor allem ein raffinierter wie durchdringender Blick auf die verschiedenen Beziehungen zwischen den Beteiligten in einem Kammerspiel, in dem es wie beim Theater Auf- und Abgänge gibt. Einer kommt, der andere geht, manch einer kehrt zurück.

„Ich habe nichts außer diesen Kindern, durchfährt es mich, nichts, was ich außer ihnen vorweisen könnte, wenn jemand kommt und fragt, was hast du eigentlich mit deinem Leben gemacht.“

Erzählt wird das Geschehen aus den beiden Perspektiven von Elena und Eve, der gut situierten Frau und ihrer Angestellten, dessen Ex Spielschulden angehäuft und im Gefängnis einsaß. Eine von vielen kleinen Geschichten, die in diesem Roman fast beiläufig geschildert werden, jedoch zusammen ein komplexes Gesamtbild ergeben. Nichts ist zuviel, nichts ist zufällig. Alles fügt sich zusammen zu einem klaren Blick hinter die Fassade einer scheinbar glücklichen Familie, die allerdings mit den psychischen Problemen der Tochter und den Sprachschwierigkeiten des Sohnes zu kämpfen hat, in der Mann und Frau aneinander zweifeln, zueinander auf Abstand gehen. Konflikte brechen sich Bahn. Geld und Status sind keine Garanten für Glück.

„Wer tagelang durch die Wüste oder durch das ewige Eis wandert, muss aufpassen. Wenn das Gehirn kein anderes Material bekommt, produziert es Visionen. Man fängt an, mit der Sonne zu sprechen, mit den Gezeiten, dem Sand, den Mond. Wer mir entgegenkommt, würde eine Irre erkennen.“

Bußmann, 1980 in Frankfurt/Main geboren, studierte Komparatistik und Philosophie in Berlin und Warschau. Während des Ingeborg-Bachmann-Preises 2011 zählte sie zu den Nominierten und erhielt den 3sat-Preis für einen Auszug aus dem Roman „Große Ferien“, der ein Jahr später erschien. 2019 bekam sie für den unveröffentlichten Roman „Dickicht“ den Robert-Gernhardt-Preis verliehen. Mit ihrem neuen Werk „Drei Wochen im August“ ist ihr der Sprung auf Platz eins der SWR-Bestenliste im Monat April gelungen. 

Bußmanns Roman entwickelt dank psychologischer Raffinesse und einer präzisen und subtilen Sprache einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. „Drei Wochen im August“ erzählt von unerfüllten Erwartungen, von Eifersucht und Enttäuschungen, von Misstrauen und sicher geglaubten Verbindungen, die Risse oder eine andere Form erhalten. In der Art, wie die Autorin fokussiert und detailreich Ereignisse, Erscheinungen und Stimmungen beschreibt, liegt eine große Meisterschaft.


Nina Bußmann: „Drei Wochen im August“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 317 Seiten, 25 Euro

Foto von Artin Mirzay auf Unsplash

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