Joachim B. Schmidt – „Ósmann“

„Im Skagafjord gibt es Geistergeschichten wie Muscheln am Strand.“

Er ist ein Hüne, der nach Gammelhai stinkt und Robbenblut trinkt. Tag ein, Tag aus setzt er mit seiner Seilfähre Mensch und Tier über die Tiefen des Skagafjords. Bei Sturm und bei Sonnenschein. Im äußersten Norden Islands, dort wo die Grönlandsee das herbe Land ablöst, ist Ósmann eine Institution. Nach seinem Helden Kalmann hat Joachim B. Schmidt eine weitere besondere Gestalt zum Leben erweckt – oder sollte man vielmehr sagen: wiedererweckt.

Ein gedichte schreibender Fährmann

Denn Ósmann hat es wirklich gegeben. Heute erinnert eine Skulptur an den Fährmann, der 1862 mit dem Namen Jon Magnússon zur Welt kam. Schon als Kind hilft er seinem Vater. Aus dem Jungen wird ein stattlicher Mann mit gewissen Eigenheiten. Jon übernimmt die Fährgeschäfte. Botna heißt die nach norwegischem Vorbild erbaute Seilfähre, „Emanuel“ seine Hütte am Fabelstrand an der Mündung des Flusses West-Os, wo er auf die Passagiere wartet, in ruhigen Zeiten, wenn er mal nicht auf Robbenjagd geht oder mit anderen Männern über den Durst trinkt, Gedichte schreibt.

Seinen Eltern und dem elterlichen Hof in Nes bleibt er ein Leben lang tief verbunden. Er ist ein Rückzugsort, wenn ein Schicksalsschlag Ósmann – den seine Mutter liebevoll Nonni nennt – wieder einmal ereilt. Und es sind im Laufe der Zeit nicht wenige, die sich tief in seine Seele eingraben, ihn zeichnen werden – bis zum bitteren Ende. Er muss mehrere Kinder zu Grabe tragen, er verliert enge Freunde, die in den Fluten ertrinken oder nach Amerika auswandern, um dort ein neues Leben zu beginnen. Ein Verlust reiht sich an den anderen, die glücklichen Momente und Phasen sind kurz.

Hartes, entbehrungsreiches Leben

Schmidt, 1981 im schweizerischen Thusis geboren, lebt auf Island. 2007 war er mit seiner Familie in den hohen Norden ausgewandert. Die Zuneigung zu seiner Wahlheimat, deren Menschen und Geschichten spiegelt sich in seinem Schaffen wider. Das Gros seiner Romane ist auf Island angesiedelt. „Ósmann“ nun führt in das Ende des 19. und die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts und erzählt von einem Land in Armut. Unzählige Menschen kehren der Vulkaninsel im Nordatlantik den Rücken, die Höfe und das Land leeren sich.

Die Kindersterblichkeit ist hoch, Kinder werden oft auf andere Höfe gegeben, wenn das Auskommen nicht reicht. Auch Ósmann muss eine Tochter in die Ferne schicken. Island ist zwar reich beschenkt von einer eindrucksvollen landschaftlichen Kulisse, die Schmidt auch bildhaft und eindrücklich beschreibt, doch das Leben hat seinen Preis. Die Winter sind hart und lang, die Sommer eher kurz. Vor jedem Kapitel wird beschrieben, wie das Wetter war, was Kälte und Eis von den Menschen gefordert haben. Die Ernte ist oft schlecht, Lämmer sterben.

„Weiß er denn nicht, dass nichts von Dauer ist, bloß die Vergänglichkeit und der Tod? Hat er denn vergessen, dass jede Lebensstunde einen Schmerz verursacht, jede Begegnung, jeder Atemzug? Und doch hat er es selbst ins Notizbuch geschrieben.“

Schmidts neuester Streich, für den der Autor intensiv recherchiert und mit den Nachkommen des legendären Fährmanns gesprochen hat, ist deshalb auch ein von tiefer Melancholie durchdrungener Roman, der allerdings auch heitere Seiten zeigt. Mit etwas Augenzwinkern werden die Dänen – Island bekam erst 1918 seine Unabhängigkeit von Dänemark zuerkannt – beschrieben, und so manche kuriose Gestalt hat ihren Auftritt. Nicht minder besonders ist die Figur des Erzählers, der als Vagabund geisterhaft durch die Lande zieht und Ósmann das erste Mal an einem Maitag sieht und ihn nie wirklich aus den Augen verliert.

„(…) und darum schlich er sich hinaus, eilte mit langen Schritten den Weg entlang Richtung Fabelstrand, einen immensen Sternenhimmel über sich, der ihn auf seltsame Weise tröstete, möglicherweise, weil ihn der Sternenhimmel daran erinnerte, dass es etwas gab und immer geben würde, größer als er, unveränderlich, ganz egal, was er tat, da unten auf Erden.“

„Ósmann“ hat mich tief berührt. Da gibt es beispielsweise die Szene, in der Ósmann die Hebamme tröstet, nachdem sie sowohl Kind als auch Mutter verliert, oder als der Fährmann selbst Mini-Särge mit seinen Liebsten beerdigen muss, seine letzte Entscheidung trifft, in dem Wasser, dessen Namen er trägt, zu verschwinden. Schmidts Roman – im Übrigen auch eine Ode an das Erzählen, an die Sprache, an das Wort – hat mich manches Mal an Robert Seethalers Buch „Ein ganzes Leben“ erinnert. Dort sind es die Berge, hier ist es das Meer. Beide verbindet eine tiefe Menschlichkeit, beide lehren in ihrem Beschreiben eines einfachen, entbehrungsreichen Lebens sowie von Leben und Tod eine gewisse Demut – und beide sind Herzensbücher für ein Leben.


Joachim B. Schmidt: „Ósmann“, erschienen im Diogenes Verlag; 288 Seiten, 25 Euro

Foto von Bryan Brittos auf Unsplash

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