„Die Leute wissen, dass es so nicht weitergehen kann, aber sie ändern trotzdem nichts.“
Was für ein verrückter Vogel! Auf einem Steilhang steht ein Mann, der kein Wort sagt, nur Laute eines Eichelhähers von sich gibt und sich merkwürdig verhält. Es ist ein Oktobertag, als der Bergsteiger und Hüttenbetreiber Aurelio Campanna oberhalb des Comer Sees diese bizarre Begegnung macht. Er ruft kurzerhand die Bergrettung. Wenig später stürzt der Hang in die Tiefe. Und dies ist erst der Auftakt einer Reihe weiterer Katastrophen in den Alpen. Nicht jede läuft so glimpflich ab wie diese. Später gibt es Tote an anderen Orten und nahezu in allen Alpenländern. Und immer haben Vögel vor dem Unheil gewarnt.
Dramatische Folgen der Erderwärmung
Wenngleich Fiktion verarbeitet das Autoren-Duo Burkhard Spinnen und Charles Wolkenstein in seinem gemeinsamen Roman „Erdrutsch“ ein hochaktuelles Thema und wissenschaftliche Erkenntnisse. Zuletzt haben im Mai dieses Jahres Geröllmassen einen Gletschersturz im Schweizer Kanton Wallis verursacht, Teile des Dorfes Blatten wurden dabei durch Eis und Schutt größtenteils zerstört. Durch die Erderwärmung schmelzen Schnee und Eis in den Bergen schneller und vor allem früher. Ein solches Szenario, wenngleich in einem viel drastischeren Ausmaß erzählen Spinnen und Wolkenstein in ihrem Buch – und mehr noch.
Jede Figur des Romans steht für ein Thema, ist quasi ein Vertreter eines Bereiches. Der Vogelmann, der sich später als Tierarzt Giorgio Colombo herausstellt, und die ebenfalls hinzugerufene Krähenforscherin Emilia Brunner, Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut, stehen für die Wissenschaft, speziell für die Verhaltensforschung an Vögeln. Neuste Erkenntnisse beweisen, dass Anekdoten aus früheren Zeiten, demnach Vögel und andere Tiere vor Katastrophen wie Erdbeben und Vulkanausbrüche warnen, einen wahren Kern haben. Zudem gelten Raben und Krähen trotz ihres in der Geschichte gewachsenen schlechten Images als hochintelligent, sie können nicht nur Gesichter von Menschen erkennen, sondern auch Werkzeuge herstellen und nutzen. Ein faszinierendes Thema!
Kampf gegen Luxus-Resort
Zu der Runde der markanten Protagonisten gesellen sich des Weiteren: Carlotta Widmer, Nachhaltigkeitsexpertin und Partnerin einer Unternehmensberatung, der Glaziologe Lucio, der Staatssekretär für Tourismus in der Region Lombardei, Maldoni, die Schwester Oberin eines ansässigen Franziskanerordens sowie eine Gruppe Klimaaktivisten, die sich „Burnt Generation“ nennen. Sie alle haben ihre Ziele, keiner ragt wirklich aus der Menge hervor. Der Politiker will den Fremdenverkehr in der Region stärken, die bereits vom Über-Tourismus strapaziert wird. Kein am Comer See malerisch gelegener Ort, der nicht überlaufen ist. Das i-Tüpfelchen neuster Ambitionen soll ein Luxus-Resort namens „Little Tibet“ werden, gegen das die Aktivisten und später auch Aurelio und seine Unterstützer ankämpfen wollen. Und im leicht überstrapazierten Reigen der Charaktere darf eine Prepper-Gruppe nicht fehlen, die am Schluss für Aufregung sorgt und ebenfalls das Fass zum Überlaufen bringt.
„Der wahre Luxus ist Einsamkeit. Mit jedem Jahr der Überbevölkerung wird dieser Satz wahrer. Und mit jedem Jahr des anschwellenden Tourismus erst recht.“
Trotz dieser „bunten Truppe“ und einer leicht überdrehten Handlung – es wird auch noch eine schlagzeilenträchtige archäologische Entdeckung gemacht, erhält auch die aktuelle italienische Ministerpräsidentin einen Auftritt – liest man den Roman durchaus mit Gewinn. Wegen seiner Spannung, wegen des aktuellen Themas und auch dank einer besonderen tierischen Protagonistin: Emilia Brunner hält eine Krähe namens Rama, die der Leser auf ihren Rundflügen begleiten darf. Zudem schildert der Roman verschiedene Möglichkeiten des Klimaschutzes, sei es die umstrittene Abdeckung von Gletschern oder auch die Wiederaufforstung mittels Trüffelwälder, so dass die Handlung nicht unbedingt in einer Weltuntergangsstimmung versinkt, sondern durchaus auch hoffnungsvolle Ansätze aufzeigt. Ebenfalls hochspannend wie Krähen mittels KI trainiert werden. Traurig hingegen, wie Tauben aus den Touristen-Hochburgen mittels haarsträubender Methoden vergrämt werden.
„Der Mensch muss mit sich selbst zufrieden sein“, sagt die Mutter. „Der nächste Atemzug und der nächste Herzschlag sind Abwechslung genug.“
Spinnen, 1956 in Mönchengladbach geboren, veröffentlichte neben Romanen auch Kinderbücher, Essays und Erzählungen. 1991 erhielt er den Aspekte Literaturpreis, ein Jahr später den Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen. Charles Wolkenstein, der im richtigen Leben den Namen Rainer Zimmermann trägt, ist Unternehmer und Kommunikationswissenschaftler und lebt zeitweise am Comer See. Beide waren Schulfreunde. „Erdrutsch“ ist der Auftakt einer Romanreihe, der zweite Teil „Himmelssturz“ soll sich der katholischen Kirche widmen.
Wer nun das erste Buch des Autoren-Duos liest, wird unterhalten, erfährt so manche Lektion und kommt womöglich auch ins Grübeln. Für die Gestaltung bekommt der Kanon Verlag ein Extra-Lob, wenngleich es den Umschlag angesichts des wunderbaren Leinen-Einbandes nicht wirklich gebraucht hätte.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Petras-Bücherapotheke“.
Burkhard Spinnen und Charles Wolkenstein: „Erdrutsch“, erschienen im Kanon Verlag; 352 Seiten, 25 Euro
Bild von Sergio Cerrato – Italia auf Pixabay



von dem Buch, obwohl ich Burkhard Spinnen kenne, habe ich noch nicht gehört. Klingt durchaus interessant. Danke fürs aufmerksam machen!
liebe Grüße , Elvira
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