Ørjan N. Karlsson – „Kalt wie die Luft“

Der Norden Europas ist reich gesegnet mit Krimi-Autorinnen und -Autoren. Und die Liste derer bekommt regelmäßig Zuwachs. Neu im Team für hiesige Krimi-Fans ist nunmehr der Nord-Norweger Ørjan N. Karlsson, dessen spannender Thriller „Kalt wie die Luft“ den Auftakt einer neuen, in der Stadt Bodø angesiedelten Reihe um den Ermittler Jakob Weber bildet.

Zwei junge Frauen verschwinden

Die 19-jährige Iselin kehrt von ihrer Joggingrunde auf einem malerischen Naturpfad nicht zurück. Sie hatte Beziehungen zu einer der angesehensten Industriellen-Familien Bodøs. Wenig später verschwindet auch die als Nature-Lady bekannte Influencerin Marte Moi, deren Aufenthalt in der Stadt am Polarkreis für Schlagzeilen und einen gewissen Medienrummel sorgte. Weber nimmt die Ermittlungen auf – mit einer neuen Kollegin an seiner Seite. Die junge Polizistin Noora Yun Sande kommt aus Oslo in den hohen Norden und soll fortan das Team verstärken. Denn auch der Fall einer in einem Bunker entdeckten Frauenleiche sorgt für Anspannung und viele Fragen.

Wie in vielen Krimis mittlerweile Usus haben die Hauptfiguren ihre ganz eigene persönliche Vorgeschichte. Beide haben ihr „Päckchen“ aus der Vergangenheit zu tragen. Weber trauert um seine an Krebs verstorbene Frau. Sein Vater war ein Schläger. Gemeinsam mit seinem Hund zieht es ihn auf lange Spaziergänge. Zudem haben die früheren Nachtschichten seinen Biorhythmus aus dem Takt gebracht. In der Nacht ist er zu einer gewissen Zeit hellwach wie eine Eule. Und eines Tages steht auch noch ein ihm unbekanntes Familienmitglied vor der Haustür. Noora, eine taffe Ermittlerin mit einer klugen Auffassungsgabe, hat ebenfalls Gewalterfahrungen durchlitten. Ihre plötzliche Versetzung von der Hauptstadt in die Provinz sorgt in der Polizeistation für einige Verwirrung.

„Eine Ermittlung bestand aus Hunderten von beweglichen Teilen. Ein kompliziertes Uhrwerk, das nicht immer die richtige Zeit anzeigte.“

Karlsson verteilt den Plot gezielt auf verschiedene Personen und an verschiedene Orte, um Spannung zu erzeugen. Über jedem Kapitel steht der Name einer handelnden Figur. Mit einem fesselnden wie schockierenden Showdown am Ende, der zeigt, dass nicht alles so ist, wie es scheint, fügen sich nahezu alle Handlungsfäden zusammen. Fast alle. Eine Tat bleibt indes ungelöst, um wohl in Band zwei zu führen, der im Herbst in deutscher Übersetzung erscheinen soll. In Norwegen sind bereits vier Titel der auf zehn Bände angelegten Reihe erschienen. Neben der Arbeit der Polizei beschreibt der Norweger auch die Sicht eines Täters, der es auf junge Frauen abgesehen hat, ihnen in einem Campingwagen unermessliches Leid zufügt. Von Männern an Frauen verübte Gewalt in all ihren Formen ob physisch oder psychisch durchzieht thematisch als roter Faden das ganze Buch.

Faszinierender Schauplatz

Karlsson, 1970 geboren und bereits seit 2004 Autor von Kinderbüchern, Science Fiction und Krimis, kennt Bodø wie seine Westentasche, wo der Soziologe und heutige Abteilungsleiter in der Direktion für Katastrophenschutz geboren und aufgewachsen ist. Bildhafte und atmosphärische Landschaftsbeschreibungen zeichnen diesen fesselnden Roman besonders aus, der einen faszinierenden Schauplatz in das Zentrum stellt. Die Arktis – das gesamte Gebiet nördlich des Polarkreises gelegen – findet mehr und mehr Eingang in die Krimiliteratur. Mittlerweile sind dort zahlreiche Romane angesiedelt. Man denke nur an Island, Grönland oder Spitzbergen.

Bodø selbst hat 2024 als Europäische Kulturhauptstadt auch hierzulande Bekanntheit erlangt – und aktuell auch durch die Erfolge der norwegischen Fußballmannschaft Bodø/Glimt in der Champions League. Die Stadt ist während des Zweiten Weltkriegs durch die deutsche Wehrmacht stark zerstört worden. Sie war im Mai 1940 eines der Hauptziele während der Besetzung Norwegens. Heute ist Bodø Wirtschafts- und Verwaltungszentrum sowie ein touristisches Ziel im Norden.

Mit dem Startband seiner Weber-Reihe gelingt Karlsson ein gelungener Auftakt. „Kalt wie die Luft“ verbindet zwei charismatische Ermittler mit einem komplexen Fall sowie einem beeindruckenden Schauplatz und spielt geschickt mit den Erwartungen der Lesenden. Man kann auf Teil zwei somit sehr gespannt sein.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Leseschatz“.


Ørjan N. Karlsson: „Kalt wie die Luft“, erschienen im Pendragon Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Maike Dörries; 368 Seiten, 24 Euro

Foto von Metin Celep auf Unsplash

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