„Das erste Lied, das ich jemals hörte, war Mutters Weinen an meiner Wiege.“
Sie ruft an, schreibt Briefe. Doch die Adressatin bleibt stumm. Die Mutter hat die Tochter, Ruth die Schwester aus dem Leben verbannt, die einst enge Verbindung schlichtweg gekappt. Johanna bleibt nur, die Nähe ihrer Mutter zu suchen. Sie beobachtet sie, konfrontiert sie. Es kommt zum Fiasko. Die norwegische Schriftstellerin Vigdis Hjorth hat mit „Die Wahrheiten meiner Mutter“ ein spannungsgeladenes und tiefgründiges psychologisches Drama geschrieben, das mehr erzählt als nur von einer zerrütteten Mutter-Tochter-Beziehung.
Folgenreicher Ausbruch
Johanna ist zurückgekehrt. Als junge Frau hat sie alles hinter sich gelassen: die Familie, den Mann, das Jura-Studium, ihre Heimat. Sie brach aus der beengten bürgerlichen Welt mit ihren schematischen Rollenbildern und Ansprüchen aus und siedelte mit ihrem amerikanischen Zeichenlehrer und späteren Mann Mark in die USA über. Hier kann sie Künstlerin sein und werden und darin auch Erfolge feiern. Der gemeinsame Sohn John kam auf die Welt. Mehr als 30 Jahre später schließlich die Rückkehr. Johanna ist mittlerweile 60, Mark gestorben, John erwachsen und selbst Vater. Die Heldin und Ich-Erzählerin sucht den Kontakt zur Mutter, will wissen, weshalb dieser mit der Zeit immer brüchiger wurde, schließlich gänzlich abbrach. Was war der Grund für diese Entfremdung? War es das Fernbleiben Johannas bei der Beerdigung des Vaters, das ihr stets und ständig vorgeworfen wurde? Sind es Johannas Bilder, in denen sich die Familie wiederfindet?

Johanna mietet eine Hütte auf dem Land, die sie als Atelier nutzt, und eine Wohnung in der Stadt. Zwischen beiden Orten pendelt sie. Sie stellt sich den Alltag ihrer Mutter vor, beginnt im Netz ihrer Mutter und Bekannten nachzuspüren. Sie beobachtet ihr Haus von ihrem Auto aus – fast wie ein Privatdetektiv oder Stalker. Sie nimmt den Duft der Mutter in der Kirche auf, schwelgt mit Hilfe von Gegenständen, wie die Zigarrendose mit ihren Bildern, in Kindheitserinnerungen. Sie nähert sich beharrlich ihrer Mutter an, fast besessen. Mutter und Schwester, zwei Generationen eng verbunden, reagieren mit Entsetzen, Angst und Zorn auf die Annäherung. Gewalt mischt sich in das Wiedersehen.
selbstbildnis und Familienporträt
„Die Wahrheiten meiner Mutter“ entwickelt einen Sog, den man sich nur schwerlich entziehen kann. Johannas Bericht, der mal längere Passagen, mal nur wenige Sätze allein auf einer weißen Seite stehend umfasst, kann sowohl als Schilderung an den Leser als auch als Selbstgespräch verstanden werden. Er ist sowohl Selbstbildnis als auch ein Porträt der Familie und der Mutter, die unter der Hartherzigkeit ihres Mannes gelitten hatte, in den Rollen als Frau und Mutter gefangen war. Nie gelang ihr selbst der Ausbruch, wie es Johanna trotz ihrer Opfer geglückt ist. Die Heldin reflektiert zudem ihr eigenes Muttersein und das stetige Älterwerden, setzt sich mit Kunst, ihrer Wirkung und ihrer Freiheit auseinander. Ihr Zeichentalent wurde in der Schule entdeckt, eine Begabung, die indes von ihren Eltern nicht gern gesehen wurde, sogar unterdrückt wurde. Sie verweist auf große Namen aus Literatur und Philosophie wie Ibsen, Jung, Kierkegaard.
„Ich dachte, ich zeichnete Mutter, aber ich zeichnete mich selbst, ich dachte, ich untersuchte Mutter, aber ich untersuchte mich selbst, ich näherte mich nicht Mutter oder Mutters Welt mit meinen Buntstiften, sondern nur meiner eigenen?“
Die Ich-Erzählerin legt Schicht für Schicht, zeitliche wie seelische, frei, um in die Tiefe ihres eigenen Selbst zu gelangen. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen. Neben den großartigen Naturschilderungen ragt eine Szene dabei heraus: Ein Elch wirft sein Geweih ab, ein blutiger Vorgang, der alljährlich zu Beginn des Winters geschieht, damit das Tier Gewicht verliert und in der kalten Jahreszeit Energie sparen kann. Ein Akt, der zugleich an das Häuten einer Schlange erinnert.
Debüt mit einem Kinderbuch – preisgekrönt
Vigdis Hjorth – ein großer Name in der norwegischen Gegenwartsliteratur, wer sich damit beschäftigt, wird an ihr nicht vorbeikommen. 1959 in Oslo geboren und aufgewachsen, studierte sie Ideengeschichte, Politikwissenschaften und Literaturwissenschaft. Ihr erstes Buch erschien 1983: das Kinderbuch „Pelle-Ragnar i den gule gården“, für das sie mit dem Debütantenpreis des norwegischen Kulturdepartements geehrt wurde. Ihr Roman „Drama med Hilde“ (1987) war ihr erstes Buch für Erwachsene.
Für weitere Preise, aber auch Schlagzeilen sorgte ihr Roman „Arv og miljø“ (2016, deutsch: „Bergljots Familie“, Osburg Verlag), in dem sie über den sexuellen Missbrauch eines Mädchens durch den Vater schildert. Obwohl er von fiktiven Figuren erzählt, wurde der Roman als autofiktional angesehen und mit Erlebnissen der Autorin in Verbindung gebracht. Hjorths Schwester Helga, eine Juristin, schrieb mit „Fri vilje“ ihre eigene Sicht auf die Familiengeschehnisse. „Arv og miljø“ war mehrfach preisgekrönt, zudem für den National Book Award nominiert. Hjorths Bücher sind mittlerweile in 27 Sprachen übersetzt worden.
Mit „Die Wahrheiten meiner Mutter“ stand Hjorth auf der Longlist des International Booker Prize. Ein Roman, der durch seine Vielschichtigkeit und psychologische Raffinesse beeindruckt, der erschüttert trotz oder vielleicht auch aufgrund einiger unbeantworteter Fragen sowie eigenen Familienbanden nachspüren lässt. Dass Hjorth-Fans nicht lange auf „Nachschub“ warten müssen, ist eine große Freude. Im März erscheint eben jenes „Skandal“-Buch „Arv og miljø“ mit dem deutschen Titel „Ein falsches Wort“ neu in der Übersetzung von Gabriele Haefs. In Norwegen ist im vergangenen Jahr ihr neuester Roman mit dem Titel „Gjentakelsen“, der für den Brageprisen nominiert war, veröffentlicht worden.
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Vigdis Hjorth: „Die Wahrheiten meiner Mutter“, erschienen im S. Fischer Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs; 400 Seiten, 24 Euro
Foto von Matt Hoffman auf Unsplash


Ein Kommentar zu „Vigdis Hjorth – „Die Wahrheiten meiner Mutter““