Der Namenswandler – Michael Köhlmeier "Die Abenteuer des Joel Spazierer"

„Weiß nun, dachte ich, dass der Mensch nur allein sein kann, wenn er geht. Will er allein sein, darf er nicht verweilen.“ 

 András Fülöp bleibt ein Mensch ohne Biografie, auch wenn seine eigenen Erinnerungen plastisch sind und zurückgehen bis in seine früheste Kindheit, als er vier Jahre alt war und mit seiner Familie in Budapest wohnte. Doch dann ist auch schon Schluss mit dem ruhigen Leben, dem Leben als András. Gemeinsam mit Mutter, Vater und den Großeltern flieht der Junge aus Ungarn ins Nachbarland Österreich kurz nach Stalins Tod, um vor den Schergen des Staatssicherheitsdienstes zu entwischen, noch vor der großen Fluchtwelle, die wenig später in Richtung Westen einsetzen soll. Aber der Neuanfang in Wien hat seine Tücken, die Hoffnungen, mit der schillernden Identität und dem Namen von Großmutter Helena, Professorin und Expertin der Ägyptologie, Anschluss zu finden, scheitern. András Eltern entscheiden sich für eine zweite Flucht (für die es noch einmal nach Ungarn und wieder zurück in die neue, deutschsprachige Heimat geht) und für eine neue Identität. Aus András wird Andres.  Doch es wird nicht der letzte Namenswechsel sein.

In seinem Roman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ entwirft Autor Michael Köhlmeier einen Helden, für den der Sprung zwischen den Identitäten schlichtweg das Lebenselixier ist, der die Wahrheit und Realität als ein sehr dehnbares Gefüge erachtet und die Lüge als Belastungsprobe und Überlebensstrategie, der allerdings auch ums sein unmoralisches Handeln weiß. Alles kann aus uns werden, heißt es an mehreren Stellen im Roman. Denn jene Flucht in den gelobten, sicheren Westen ist nicht das einzige Abenteuer. Andrés, der sich zuvor als Jugendlicher gemeinsam mit zwei Freunden als Stricher verdingte und die Freier auch gleich der Geldgier wegen gleich noch erpresst hatte, wird von einem ehemaligen Schergen des ungarischen Staatssicherheitsdienstes gekidnappt, der von Ostende nach Amerika gelangen will. Zurück in Wien macht er die Bekanntschaft mit der reichen Familie Lundin. Sein Talent, dank seines angenehmen Äußeres und schneller Anpassung einen Vertrauensbonus zu bekommen, leistet ihm auch hier gute Dienste. Doch die Geldgier bringt ihn schließlich in das Gefängnis, als er die Mutter seines Mitschülers erschießt, während er in das Haus einbrechen will. Nach mehreren Jahren Knast wird er wieder ein anderer: Joel Spazierer. Als Student gerät er in kommunistische Kreise, um Jahre später als Enkel des Kommunisten und DDR-Idols Ernst Thälmann eine Karriere in der Deutschen Demokratischen Republik mit der Rückendeckung höchster Kreise anzutreten.

András-Andrés-Joel reist also nicht nur von Land zu Land – er wird auch in die USA und nach Mexico kommen -, von einem politischen System in das andere – er ist zugleich ein Kind der Geschichte Europas nach 1945, das politische  und gesellschaftliche Entwicklungen erlebt, vielleicht sogar sinnbildlich in sich vereint. Der kalte Krieg und die entsetzlichen Klauen des Stalinismus finden sich in diesem Roman ebenso wie der kapitalistische Geldadel und die Lebensfremdheit der Hippie-Kultur, die sich mit Drogen das Leben zerstört. Und nicht nur deshalb ist Köhlmeiers neuestes Werk nach seinem vielbeachteten Roman „Abendland“ ein Geniestreich. Wie er die Person seines sicherlich umstrittenen Helden, der seine Erlebnisse auch als Ich-Erzähler schildert, zum Leben erweckt, ihm eine ganze Reihe besonderer Figuren zur Seite stellt – das ist Literatur auf höchstem Niveau. Immer wieder lässt er Joel Spazierer über das Leben und seine eigenen Erinnerungen reflektieren. Immer wieder spricht der Held, ein Sprachengenie, den Leser an, zitiert Aussprüche des mittelalterlichen Theologen und Philosophen Meister Eckhart.

Wie es schwer ist, den zwiespältigen und für viele vielleicht auch fragwürdigen Charakter des Joel Spazierer zu beschreiben und  zu fassen, so schwer ist es auch, den Roman in eine einzige Schublade zu legen. Er ist Entwicklungs- und Schelmenroman sowie ein Buch über einen Betrüger und Mörder zugleich und umfasst ein zeitgeschichtliches Panorama sondergleichen. Sicher ist jedoch, es ist ein Lebensbuch, eines der wenigen Werke, die im Laufe des Lebens immer wieder zur Hand genommen werden, um darin Neues zu entdecken und in diesem Fall womöglich seine Meinung zu Joel Spazierer immer wieder zu korrigieren.

„Die Abenteuer des Joel Spazierer“  von Michael Köhlmeier erschien im Carl Hanser Verlag.
656 Seiten, 24,90 Euro

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