On the road – Don DeLillo „Americana“

„So groß ist das Prestige der Kamera, ihre beinahe religiöse Autorität, ihre hypnotische Macht (…).“ 

Blättert man in den aktuellen  Programmen verschiedener Verlage, erhält man angesichts neuer Titel nahezu den Eindruck, die amerikanische Literatur, ohne jetzt einen markigen Spruch eines aktuellen, nicht unumstrittenen Staatsoberhauptes zu nennen, sei obenauf. Sicherlich in gewisser Hinsicht nicht ganz zu unrecht, obwohl dadurch, wie mir scheint, Bücher anderer Länder etwas ins Hintertreffen geraten. Doch ich muss gestehen: Ich lese die Literatur aus Übersee sehr gern und will mit diesem Beitrag allerdings Mut machen, auch ältere Titel zu lesen. So hat ein kurzer Beitrag in einer der vergangenen Wochenend-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung über die Neuausgabe des Romans „Americana“ mein Interesse geweckt. 

Warum gerade dieser Titel? Es ist das 1971 erschienene Debüt des damals 35-jährigen Don DeLillo, der ohne Frage zu den großen amerikanischen Schriftstellern der Gegenwart zählt und hoffentlich bald den Literatur-Nobelpreis erhalten wird. Kurios: Der Verlag Kiepenheuer & Witsch gab den Erstling im selben Jahr wie den jüngsten Roman des Amerikaners mit dem Titel „Null K“ heraus. Den aktuellen im Hardcover, den neuen als preisgünstigere Taschenbuch- Ausgabe.

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Held und zugleich Erzähler ist David Bell. 28 Jahre alt, geschieden und Mitarbeiter eines New Yorker Fernsehsenders. Sein Aufstieg erfolgte nahezu im Eiltempo, doch der Ruhm hat den Sohn eines erfolgreichen Werbe-Experten verändert. Aus dem unbedarften College-Studenten ist ein Karrierist geworden, der sich über seinen beruflichen Erfolg und seine sexuelle Eroberungen definiert und auch vor Lug und Betrug nicht zurückschreckt. Kein Wunder. Spielen doch Mitmenschlichkeit und Fairness nur Nebenrollen, wenn sie denn überhaupt im Drehbuch auftauchen. Schließlich ist das Fernsehen ein hartes Geschäft, in dem vielmehr die Oberflächlichkeit und Verlogenheit einer von Macht und Einfluss besessenen Ellbogen-Kultur zählen. Was kein Geld  oder halbwegs anständige Zuschauerzahlen bringt, fliegt aus dem Programm, die verantwortlichen, oft langjährigen und einst erfolgreichen Mitarbeiter gleich mit. Und auch Bells Stuhl beginnt leicht zu wackeln, als seine Sendung mit dem Titel „Selbstgespräch“ abgesetzt wird.

Eines Tages erhält David den Auftrag, einen Beitrag über Indianer im Mittleren Westen zu drehen. Gemeinsam mit dem alternden Kriegsveteranen Pike, der Künstlerin Sullivan und dem Möchtegern-Autor Brand begibt er sich mit einem Camper auf die lange Reise gen Westen. Doch irgendwo in der Provinz bleibt die Gruppe stecken: Bell will ein eigenes Filmprojekt verfolgen und sucht Menschen, die mitwirken können. Er trifft unter anderem auf einen Wanderer, der vom Atlantik bis zum Pazifik Amerika durchquert und auf zwei Schauspiel-Studenten. Es ist für den TV-Mitarbeiter nicht schwer, Teilnehmer für sein Projekt zu gewinnen. Seine Kamera, die das Land und seine aktuelle Lage, die Sorgen und Nöte der Bevölkerung einfängt, weckt die Neugierde der Einwohner. „Americana“ erzählt deshalb nicht nur die Geschichte Bells, über dessen Kindheit, Jugend sowie College-Zeit, über seine schon frühe Begeisterung für die Möglichkeiten der Kamera sowie seinen Aufstieg und die spätere gescheiterte Ehe mit Meredith, sondern auch viele kleine Geschichten der Nebenfiguren. Je weiter Bell nach Westen fährt, desto unwirklicher erscheint seine Tätigkeit im Sender. Die Zahl der regelmäßigen Telefonate mit seiner Helfershelferin Binky nehmen ab, während Bell Erinnerungen an die eigene Vergangenheit und gemeinsame Erlebnisse mit ehemaligen Weggefährten, die er wie aus heiterem Himmel anruft, heraufbeschwört.

„Der Geist zieht sich zusammen, wenn eine Leidenschaft zu Ende geht, gleich ob es eine Zeit des Schmerzes oder der Liebe gewesen ist, und während ich die letzten Seiten vorbereite, habe ich das Gefühl, in ein Koma zu sinken, in einen Schlaf, der keine besonderen Schrecken birgt und doch ganz eng und bodenlos ist.“

Der Roman bereitet keine leichte Lektüre. Ist das Ensemble der Charaktere und die Handlung recht überschaubar, erweisen sich die Doppelbödigkeit mancher Kapitel und absurd erscheinende Szenen als Herausforderung. Nichtsdestotrotz hat mich bei der Lektüre ein Sog ergriffen. Obwohl der Held nicht unbedingt ein sympathischer Kerl ist, es leider auch nur wenige Landschaftsschilderungen gibt. Auch das damals aktuelle wie brisante Thema Vietnam-Krieg wird eher am Rande, in einigen Anspielungen erwähnt. Vielmehr wird mehrfach auf die Kämpfe der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg verwiesen. Bells Vater Clinton war im Pazifik im Einsatz, ohne indes von seinen Erlebnissen sprechen zu wollen.

„Americana“ ist vor allem ein Buch der Dialoge, die manchmal als Kontrast zum prosahaften Stil des Romans an ein Drama erinnern lassen, sowie eine Reverenz an die Bedeutung und die Macht von Bildern. Schon in seinem Debüt wird DeLillos literarische Kraft spürbar, vor allem die komplexe Themenvielfalt, die es ermöglicht, dass man seine Romane immer und immer wieder neu lesen kann, um immer und immer wieder Neues darin zu entdecken und zu verstehen. Am Ende macht Bell die Bekanntschaft einer Gemeinschaft, die gemeinsam mit den Ureinwohnern in bescheidenen Verhältnissen und als Gegenentwurf zum modernen Dasein in einer amerikanischen Metropole wie New York lebt. Auch das ist das große und weite Amerika, ein Land der Extreme.


Don DeLillo: „Americana“, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Matthias Müller, 496 Seiten, 12,90 Euro

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