Treff mit Troll – Øyvind Torseter „Der siebente Bruder“

„Zeit für den Schlafanzug. Bis du nicht auch müde, mein lieber Troll?“

Als Benjamin der Familie hat man es wahrlich nicht leicht. Sind die Geschwister einmal erwachsen, verstreuen sie sich in Windeseile schwuppdiwupp in alle Himmelsrichtungen: nach Norden, Nordwesten, Nordosten, Süden, Südwesten, Südosten. Der Jüngste bleibt zurück. Beim Vater, der seine sechs Söhne nur schwer ziehen lässt. So ergeht es auch Hans, dem Helden in der Geschichte des Norwegers Øyvind Torseter. Was dieser Band von anderen  Märchenbüchern unterscheidet: Torseter hat nicht nur Farbe und Pinsel in die Hand genommen, um sein Werk recht eigenwillig zu illustrieren, er erzählt die Geschichte als Graphic Novel auf eine herzerfrischende Weise. 

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Apropos Herz: Da war doch noch was. Genau. Der Titel ist etwas länger als man es für ein Märchen erwartet. „Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas“ heißt die Geschichte, die von den Erlebnissen des jüngsten Bruders auf seiner langen und beschwerlichen Suche nach seinen Brüdern in Wort und Bild berichtet. Nicht nur das eigenwillige Pferd hat seinen ganz eigenen Kopf und Willen. Unterwegs lauern Gefahren, aber auch so manche besondere Begegnung, die später Hans von Nutzen sein soll. Denn der steht vor einer großen Herausforderung, die Mut und Grips braucht: Seine sechs Brüder, die ihm eigentlich eine adrette Frau von ihrer Reise in die Welt versprochen haben, sind von einem fürchterlichen Troll in Stein verwandelt worden. Doch Hans wäre nicht Hans, wenn er schließlich dieses Monsterwesen nicht ausfindig machen würde.

Wer Märchen kennt und sie selbst als Erwachsener noch immer gern liest, weiß, dass sie oft einen besonderen Stil  und eher einen belehrenden Ton angenommen haben. Nicht jene Geschichte, die herrlich komisch mit viel Wortwitz und in einer saloppen Umgangssprache erzählt wird, allerdings ohne das der Leser den Eindruck gewinnt, dass das Genre der Märchen allgemein auf die Schippe genommen wird. Da kommen dann auch schon einmal alltagstaugliche Worte oder Redewendungen wie „Krempel“, „Mach’s gut“ oder „in der Klemme stecken“ vor. Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte verringert sich der Text auf Sprechblasen-Größe. Und nicht auf jeder Seite gibt es etwas zu lesen: Manchmal füllt auch nur ein großformatiges Bild eine ganze Seite.

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Die Zeichnungen sind sehr eigenwillig, die mehrfarbigen Illustrationen erinnern in keinster Weise an die großäugigen und verniedlichten Charaktere à la Disney. Ähnelt Hans ein wenig den Figuren aus der beliebten Mumins-Welt der finnlandschwedischen Autorin Tove  Jansson (1914 – 2001), weicht Torseter auch bei der bekannten Darstellung der Trolle ab. Das Fabelwesen, das in seiner Heimat Norwegen Souvenir und Star zugleich ist, könnte kleinen Lesern – der Band ist nach Verlagsangaben für Kinder ab zehn Jahren geeignet – schon einen kleinen Schrecken einjagen. Obwohl: Manche Heranwachsende haben in jenem Alter wohl auf TV-Schirm und im Kino weit Schlimmeres gesehen.

„Der Aufzug steckt fest, ob das Pferd mir helfen kann?“

Der Band versprüht einen ganz eigenen Charme, und man kann das Buch immer und immer wieder in die Hand nehmen: Schmunzelnd verfolgt der Leser die Geschichte, aufmerksam betrachtet er die Bilder, die viele Details bieten und zu Entdeckungen einladen. Da rülpsen und lästern schon einmal Totenschädel, schmökert die vom Troll gefangene Prinzessin auf ihrem Bett die Bücher stapelweise. Besonders witzig: Die erste Seite, auf der Namen des Buches und des Autors zu lesen sind, zeigt ein Bild, in dem Hans seinen Rucksack packt, gefühlt hundert Dinge sorgsam vor ihm ausgebreitet sind.

Torseter, 1972 in der südnorwegischen Stadt Hamar geboren, hat in Kent und in seiner heutigen Heimatstadt Oslo studiert. Für sein Schaffen wurde der 44-Jährige bereits vielfach mit Preisen geehrt; zuletzt mit dem  LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis von der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ und Radio Bremen für seine Arbeit an dem Kinderbuch „Super-Bruno“ seines Landsmanns Håkon Øvreås (Hanser Verlag). Einmal mehr zeigt sich, wie wertvoll und eigen die Literatur aus dem hohen Norden ist. Und dass sie es wert ist, sowohl ins Deutsche übersetzt als auch gelesen und geschätzt zu werden.


Øyvind Torseter: „Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas“, erschienen im Gerstenberg Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Maike Dörries; 120 Seiten, 26 Euro

Foto: pixabay