Von Liebe & Verrat – Katja Kettu „Feuerherz“

„Das Leben war ein Spiel. Ein Zufall, ein Würfelwurf, das Ziehen von Steinen auf dem Spielbrett.“

Das Land ist unermeßlich, spannt sich über zwei Kontinente.  Russland vereint in seiner schieren Weite Kontraste wie wohl kein anderes Land der Welt. In ihrem neuen Roman „Feuerherz“ macht die finnische Autorin Katja Kettu das Riesenreich zum Schauplatz ihrer Geschichte. Im Mittelpunkt steht ein bekanntes und zugleich trauriges Thema: der Gulag, das riesige Netz aus Arbeitslagern, das sich über das gesamte Land ausgedehnt hat. Besonders interessant an dem Werk:  Kettu lässt mit ihrer Heldin Irga eine Frau aus Finnland über die entsetzlichen und unmenschlichen Zustände berichten.    

Irga, die Tochter des Weißen Generals, flieht 1937 im tiefsten Winter und tiefsten Schnee mit Skiern über die finnisch-russische Grenze. Mit gerademal 15 Jahren und ihrem noch ungeborenen Kind im Leib, dessen Vater ein russischer Kommunist ist. Doch der verrät seine junge Geliebte. Irga wird zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt und auf die lange Reise in den Nordosten geschickt. Ihr Ziel: das Arbeitslager Workuta, unweit des Eismeers gelegen. Im Zug lernt sie mit Elna eine Russin kennen, die fortan zu einer treuen Begleiterin, ja Schwester wird. Gemeinsam versuchen sie zu überleben. Das Lager ist fest in den Händen krimineller Banden. Kälte, Hunger, Krankheiten und rohe und erbittliche Gewalt setzen den Gefangenen zu. Mit der morphiumsüchtigen und Frauen zugeneigten Ärztin Olga weiß Irga eine weitere Beschützerin an ihrer Seite, die allerdings ihre Hilfe mit Liebesdiensten bezahlen lässt.

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Zeitsprung: Im Jahr 2015 sucht Verna in Russland ihren vermissten Vater Henrik, der Geheimnissen seiner Familiengeschichte auf der Spur ist. Doch die junge Journalistin aus Finnland trifft ihren Vater in dem kleinen Ort Lawra nur noch tot an und weiß nicht, wie er ums Leben gekommen ist. Sie lernt dort die schrullige Alte Jelena kennen, die gemeinsam mit einem verrückten Alten in einem Haus lebt, sowie Kostja, in den sie sich verliebt.

Obwohl zeitlich von mehr als einem halben Jahrhundert getrennt, sind beide Geschichten eng miteinander verwoben. Wie, das soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden.  Nur so viel:  Es hat mit Verrat, Mord, Geheimnissen und einem Identitätswechsel zu tun. Klug konstruierend und die Spannung aufbauend und haltend führt Kettu den Leser abwechselnd nach Workuta und nach Lawra. Verna, Elna und Irga berichten dabei als Ich-Erzählerinnen von den Geschehnissen. Wer beispielsweise das erfolgreiche wie bereits verfilmte Debüt „Wildauge“ der finnischen Autorin kennt, wird sowohl mit ihrer kraftvollen, aber auch rohen und dank eigenen Wortschöpfungen recht eigenwilligen Sprache sowie ihrer Auseinandersetzung mit historischen Hintergründen und deren literarische Verarbeitung schon vertraut sein. War es in dem preisgekrönten Erstling die Verbindung zwischen einer finnischen Hebamme und eines SS-Offiziers während des Zweiten Weltkriegs, schreibt Kettu nun über das Lager Workuta, in dem einst auch Finnen inhaftiert waren und das von 1938 bis 1960 bestanden hat. Über eine Million Menschen verschiedener Nationalitäten sowie schuldig und unschuldig wurden hier unter unmenschlichen Bedingungen und wegen verschiedener Gründe festgehalten. Rund ein Viertel überlebte die Strapazen und die unmenschlichen Bedingungen im Zwangslager nicht. An einer Stelle heißt es: „Das Lager macht den Menschen zum Tier.“ Zu den bekanntesten Gefangenen zählten unter anderem die finnische Kommunistin und Agentin Aino Kuusinen (1886 – 1970) und der deutsche Autor Horst Bienek (1930 – 1990), der seine Erlebnisse in einem gleichnamigen Buch niedergeschrieben hat (Wallenstein Verlag). Als Leser begleitet man Irga und Elna von 1937 bis 1954. Eine Zeit, in der nicht nur nach Stalins Tod ein blutiger Aufstand ausbricht. Irga bringt in jenen Jahren zwei Söhne zur Welt, die noch als Babys aus dem Lager gebracht werden können und denen im weiteren Roman zwei nicht unwesentliche Rollen zufallen, wobei einer ebenfalls zum Erzähler und am Ende des Buches für einen gewaltigen Showdown sorgen wird.

„Wir erfuhren dies und das voneinander, empfanden die uralte Geistesverwandtschaft der Sklaven und Bedeutungslosen, denn wie Tiite zu sagen pflegte: Finne zu sein ist hier keine Sünde, aber es ist eine große Schande.“

Kettu, die gemeinsam mit ihrer Schriftstellerkollegin Sofi Oksanen zu den großen literarischen Stimmen ihres Landes zählt, verarbeitet indes nicht nur die Geschichte des berüchtigsten Arbeitslagers. Eine wichtige Rolle in ihrem Werk spielen Naturreligion, Rituale und Mythen sowie verschiedene, in Russland beheimatete fnnisch-ugrische und uralische Völker und Minderheiten wie die Mari, Komi und Udmurten, die im stalinistischen System unterdrückt wurden. Eine besondere Gestalt ist Petje, der Schamane aus dem Stamm der Komi und Geliebte Elnas. In Kettus Roman finden sich zahlreiche Naturschilderungen, viele Pflanzenarten und Tiere werden genannt. Bereichert dieser besondere Hintergrund den Roman auf ganz eigene Weise, erscheinen die Liebesbeziehungen und erotischen Szenen indes etwas befremdlich und nahezu abstoßend. Dabei ist die Finnin bekannt dafür, das rein Körperliche von Mann und Frau sowie das  Mechanische des Aktes dem Sinnlichen vorzuziehen und es detailreich auszugestalten. Auch scheinen die Frauen trotz ihrer mentalen Stärke den Männern in einer nicht ganz nachvollziehbaren Weise nahezu ausgeliefert zu sein.

„Feuerherz“ lässt sich schwer in eine Kategorie einordnen. Kettu kennt keine Genre-Grenzen. Ihr Werk ist sowohl ein Frauenroman über Liebe, Verrat und Geheimnisse als auch Thriller mit historischen Bezügen, der zudem eine Anspielung auf die aktuelle politische Situation Russlands und dessen Oberhaupt enthält. Nicht umsonst taucht in der Literaturliste am Ende des Buches ein Titel zur Person des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf, von dem im Übrigen in „Feuerherz“ ein literarisches Ebenbild erschaffen wurde.


Katja Kettu: „Feuerherz“, erschienen im Ullstein Verlag, in der Übersetzung aus dem Finnischen von Angela Plöger; 432 Seiten, 20 Euro

Foto: pixabay

6 Comments

  1. Liebe Constanze,
    ehrlich gesagt hätte ich ein Buch mit diesem Titel nicht in die Hand genommen, da ich eine kitschige Liebesgeschichte erwartet hätte. Niemals ein Buch mit diesem Inhalt. Danke für den Tipp. Ich werde mal nach Lesungsterminen von Katja Kettu Ausschau halten. Für Oksanen habe ich schon eine Karte.
    Viele Grüße
    SIlvia

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    1. Ja, angesichts des Titels könnte man das sicherlich vermuten. Die Liebe spielt zwar eine entscheidende Rolle, aber der historische Hintergrund und die Verweise auf die Naturreligion finde ich dann doch spannender und bereichern den Roman ungemein. Viele Grüße

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    1. Du hast aber auch immer schöne Tipps parat! Die „Baugrube“ wird Dich begeistern, denke ich. „Feuerherz“ sehe ich eher als Frauenroman an, auch wenn die traurige wie brutale Geschichte eines Straflagers erzählt wird. Da bin ich gespannt auf Deine Meinung. Viele Grüße und bis bald

      Gefällt 1 Person

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