Getrennt – Gert Loschütz „Ein schönes Paar“

„Auch an wirklich hellen Tagen gibt es Stellen, die im Halbdunkel liegen.“

Die deutsche Teilung hat Familien entzweit, seelische Wunden gerissen, von denen Narben weiter existieren. Selbst nahezu 29 Jahre nach der friedlichen Revolution sind die Auswirkungen zu sehen und zu spüren. Gerade in diesen Tagen wird der Fall der Mauer in den Medien und in den sozialen Netzwerken wieder thematisiert, ist sie doch nun nach der Wende mittlerweile länger Geschichte, als dass sie existiert hat. Schon immer begleitet hat dieses Kapitel deutscher Geschichte die Literatur. Die Reihe der Titel ist mit der Zeit angewachsen und lang. Mit seinem aktuell erschienenen Werk „Ein schönes Paar“ kann sich nun auch Gert Loschütz  einreihen. Doch sein Roman erscheint anders als die vielen anderen Bücher über dieses Thema. 

Unglück im Westen

Im Mittelpunkt stehen Herta und Georg Karst, die sich in der Kleinstadt Plothow vor Beginn des Zweiten Weltkriegs kennenlernen. Er ist Berufssoldat, Offiziersanwärter, sie arbeitet in einem Bekleidungshaus. Weder die weite Entfernung zwischen der Kaserne in Magdeburg und der Stadt noch der spätere Krieg kann sie trennen. Erst mit der Flucht Georgs in den Westen, um einer Verhaftung zu entgehen, beginnt die Beziehung Risse zu bekommen. Nach dem Krieg war Georg in einem Stahlwerk tätig, ein Freund vermittelte ihn ein Gespräch im Bundesverteidigungsministerium, wodurch er ins Visier der Staatssicherheit gerät. Er muss handeln, lässt die DDR und seine Frau mit dem gemeinsamen Sohn Philipp zurück. Doch wenig später wird die Familie wieder vereint – in Tautenburg, der Schieferstadt. Die gemeinsame und sorgenlose Zeit ist indes nur von kurzer Dauer. Georg wird verdächtigt, Geld aus dem Unternehmen, einer Tuchfabrik, in der er eine Arbeit gefunden hat, entwendet zu haben. Herta setzte sich auf ungewöhnliche wie erniedrigende Art für ihren Mann ein. Allerdings mit fatalen Konsequenzen. Es kommt zur Trennung, die Familie zerbricht.

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Erzählt wird das Geschehen aus der Sicht des Sohnes, der nach dem Tod der Eltern – beide sterben im Übrigen kurz nacheinander – in der Wohnung seines Vaters nicht nur auf Zeugnisse der Familiengeschichte, sondern auch auf einen Gegenstand stößt, der für Herta und Georg von spezieller Bedeutung war und der mehrmals in der Handlung auftaucht. Philipp arbeitet als Fotograf. Und diese besondere Profession zeigt sich stilistisch auch in der meisterhaften Sprache des Romans. Ob Orte oder Personen – der Blick des Lesers wird auf viele kleine Details gelenkt. Eindrucksvolle markante Bilder entstehen, gleich Momentaufnahmen oder Stillleben, die einen Sog, der den Leser in dieses Familienschicksal hineinzieht, entstehen lassen. Und dass trotz langer und oftmals verschlungener Sätze.

„Dieses Festhalten, Loslassen, Heranziehen, Abstoßen war wie ein Totentanz, und der Weg zwischen Wohnung und Friedhof war die Bühne, auf der er aufgeführt wurde. Sie lebten noch, sie waren zusammen, sie hielten sich am Arm, aber zwischen ihnen ging ein Dritter: der Abschied.“

Diese besondere Liebe, die letztlich an sich selbst scheitert und zerstört, wie es an einer Stelle geschrieben steht, ist von einer berührenden Präsenz. Die Idee, beide in besonderer Weise weiterhin in Verbindung bleiben zu lassen – sie nach den Jahren der Trennung sowie nach einem mehrjährigen Verschwindens mittlerweile im Pflegeheim lebend, er in der einsamen Wohnung zurückgeblieben – ist verblüffend wie ergreifend. An dem gemeinsamen Sohn hat die Trennung tiefe Spuren hinterlassen. Unstetig und bindungslos zieht es Philipp von Ort zu Ort, auf einer Familienfeier hält er es nicht lange aus. Viel lieber fotografiert er verlassene und einsame Orte, lost places. Vor allem das Verstummen und die Hilflosigkeit des Vaters sowie das Verschwinden der Mutter scheinen ihn über die Maßen verletzt zu haben. Karten waren über lange Zeit ihr einziges Lebenszeichen, die sie, an einem unbekannten Ort lebend, mit dem kurzen Text „Mir geht es gut. Wie geht es Dir?“ an ihren Sohn geschrieben hat. Die letzte Szene des Buches ist bezeichnend für die schwierige Bindung zwischen Philipp und seinen Eltern.

Fragen bleiben unbeantwortet

Überzeugt und beeindruckt der Roman mit seiner Sprache und der Gestaltung der Beziehungen innerhalb der Familie, gewinnt man den Eindruck, der Geschichte scheint indes etwas zu fehlen: Unbeantwortete Fragen entstehen; Weißraum oder – um in der Sprache eines Fotografen zu bleiben – Szenen der Unschärfe. Vor allem, wenn es um die Motive geht, die das Verhalten der Protagonisten lenken. Warum verschwindet die Mutter plötzlich? Gab es nie Versuche, die Ehe zu retten? Die geschichtlichen Ereignissen und Zustände beeinflussen zwar das Leben der Protagonisten, bleiben eher im Hintergrund und tauchen eher punktuell auf.  Auch die intensive, aber letztlich unmögliche Bindung Philipps zu Mila, Freundin, Geliebte, Kollegin, lässt so manche Fragen offen. Die Erzählperspektive verändert sich und irritiert. Geht es um die Zeit, als der Sohn noch recht klein ist, wird mehrfach unpersönlich von „dem Jungen“ gesprochen, später verweist der Ich-Erzähler auf sich selbst, wenn er mit dem Schilderungen seiner Erinnerungen zurückblickt.

Vielleicht ist das jedoch alles einkalkuliert, schlichtweg der Willen des Autors, der in der Vergangenheit sich in den verschiedensten literarischen Genres, vom Theaterstück bis zum Hörspiel, bewegt hat, und das durchaus sehr erfolgreich. Denn ohne Frage: „Ein schönes Paar“ bleibt vor allem deshalb im Kopf wie Herz, weil man sich auch nach dem Ende der Lektüre weiterhin mit dem eher stillen Roman im Vergleich zu den bereits bekannten, meist kraftvollen Werken zu diesem Thema beschäftigt. Und solch eine  Wirkung hat nicht jeder Roman, obwohl er während der Lektüre begeistern kann.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „leseschatz“.


Gert Loschütz: „Ein schönes Paar“, erschienen im Verlag Schöffling & Co.; 240 Seiten, 22 Euro

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