Karin Smirnoff – „Mein Bruder“

„Ich bin zunehmend dankbar für die wenigen Sachen an die ich mich nicht erinnere.“

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Diese Worte Franz Kafkas sind vielen bekannt und werden oft, manchmal allzu oft in Verbindung mit der besonderen Wirkung eines Buches zitiert. Mir ging die Passage immer wieder durch den Kopf, als ich das meisterhafte Debüt der Schwedin Karin Smirnoff mit dem Titel „Mein Bruder“ las. Ein erschütternder, wie zutiefst menschlicher Roman, der die Abgründe der menschlichen Seele, Schmerz und Leid schildert.

In der Kindheit traumatisiert

Jana, die Ich-Erzählerin, kehrt nach Jahren in der Fremde zu Ostern in ihr Heimatdorf Smålanger zurück. Der Winter hat das Land noch fest im Griff, das von Schnee und eisiger Kälte überzogen wird. An den vertrauten Orten stellt sich die Mittdreißigerin ihrer furchtbaren Vergangenheit, den inneren Wunden, die sie und ihr Zwillingsbruder während der Kindheit voller Gewalt und Kälte auf dem elterlichen Hof erleiden mussten. Ausgesetzt der Brutalität des Vaters sowie der Hilflosigkeit der Mutter, die in religiösen Floskeln und in ihr Schweigen flüchtete anstatt Sohn und Tochter vor dem Missbrauch, den Schlägen sowie der psychischen Gewalt, wenn beispielsweise der Vater die geliebten Tiere ohne mit der Wipper zu zucken im Beisein der Kinder tötete, zu schützen. Und auch die Einwohner des Dorfes, die von den schrecklichen Ereignissen auf dem Kippo-Hof wussten, schauten weg, anstatt einzugreifen. Beide sind für ihr Leben gezeichnet und traumatisiert – auch aufgrund ihrer eigenen Schuld, als sie schließlich begannen, sich gegen ihren eiskalten und brutalen Peiniger zu wehren.

Während Jana einen neuen Job in der Altenpflege beginnt und bei ihren Besuchen bekannte Menschen antrifft, wird sie sowohl von ihren Erinnerungen als auch den Meinungen der Leute eingeholt. Vergangenheit trifft auf Gegenwart. Ihr Bruder, den sie gestern wie heute beschützen will, ist dem Alkohol verfallen. Die traumatischen Erlebnisse als Kind sowie der Verlust seiner großen Liebe, die indes die Liebe vieler war, holen ihn immer wieder ein. Über Maria spricht das ganze Dorf. Sie hat jeden für sich eingenommen, vielen Männern den Kopf verdreht. John, mit dem Jana eine intime, wenngleich wechselvolle Beziehung beginnt, war einst mit ihr verheiratet. Er hat ebenfalls schreckliche Erfahrungen in der Kindheit erleben müssen, ist körperlich wie seelisch gezeichnet und sucht wie Jana sein Heil in der Kunst und wie ihr Bruder Trost im Rausch. Marias Tod ist ein streng gehütetes Geheimnis, wie es viele in der Dorfgemeinschaft gibt, die Jana nach und nach erfährt, während sie sich zunehmend in der alten Heimat zu integrieren versucht. Auch ihre beste Freundin, die sterbenskranke Briefträgerin Katharina, die die Ich-Erzählerin pflegt, hat etwas zu verbergen.

„Gewann Kraft aus der Wut um etwas hinter mich zu bringen. Um Sachen auszusprechen anstatt aus Feigheit zurückzuweichen.“

„Mein Bruder“ ist ein Anti-Wohlfühl-Buch, das von Missbrauch, Inzest, Totschlag und Selbstmord erzählt. Ein Buch, das womöglich die Diskussion anfacht, ob Literatur diesen dunklen Auswüchsen der menschlichen Seele in dieser komplexen Ansammlung Raum geben sollte. Doch warum sollte Literatur verschweigen, was es in der Realität gibt? Mich hat der Erstling der Schwedin oft an den ebenfalls dunklen, tiefmelancholischen Roman „Was man sät“ der jungen niederländischen Autorin Marieke Lucas Rijneveld erinnert. Auch sie beschreibt darin Trauer, Schmerz und Schuld, die Kehrseiten der Religion sowie menschliche Kälte und Gewalt, die Eltern auf ihre Kinder ausüben.

FÜR AUGUST-PREIS NOMINIERT

Mit ihrem späten Debüt, das für den August-Preis, den renommiertesten Literatur-Preis Schwedens, nominiert war, stand Smirnoff, Jahrgang 1964, lange auf der Bestseller-Liste ihres Heimatlandes. Dabei ist „Mein Bruder“ Teil einer Trilogie, deren folgende Bände bereits in Schweden erschienen sind. Ihrem Roman ist ihre Lebenserfahrung, aber auch die berufliche Expertise als Altenpflegerin – sie war zudem als Journalistin tätig – deutlich anzumerken. Ihr Erstling, den sie mit 54 Jahren schrieb, lebt von den vielen Schicksalen und tragischen Lebensgeschichten. Die Sprache des Buches ist direkt und konkret, vermag es, Äußeres wie Inneres präzise zu schildern und erinnert wegen kurzer knapper Sätze, in denen Kommas fehlen sowie Vor- und Familiennamen zusammengeschrieben werden, an ein hastiges wie dringliches Erzählen.

„Mein Bruder“ ist ein dramatischer Roman, für dessen Lektüre der Leser sehr viel Dunkelheit und Schmerz aushalten muss, aber dafür durchaus auch beschenkt wird. So mit einer überaus charakterstarken Protagonistin und einem versöhnlichen Ende, das als Kontrast zu den vorherigen Geschehnissen dann doch überrascht. Mit dem Weihnachtsfest zum Abschluss setzt die Autorin eine zeitliche wie symbolische Klammer. Im Gegensatz zum Oster-Fest, mit dem der Roman beginnt, wird bekanntlich zum Fest der Feste ein neues Leben, in dem Fall ein Neuanfang an einem vertrauten Ort, in der Gemeinschaft gefeiert.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog literaturleuchtet.

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Karin Smirnoff: „Mein Bruder“, erschienen im Verlag Hanser Berlin, in der Übersetzung aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein, 336 Seiten, 24 Euro

Foto von Emma Waleij auf Unsplash

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