Marieke Lucas Rijneveld – „Was man sät“

„Taff sein beginnt mit dem Unterdrücken der Tränen.“

Ihr kindlicher Wunsch erfüllt sich. Eine Tragödie bricht über die Familie herein, nach der nichts mehr ist, wie es einst war. Statt des kuschligen Kaninchens Dieuwertje, das vom Vater gemästet wird, stirbt der große Bruder. Kurz vor dem Weihnachtsfest. Das Eis, auf dem er unbekümmert Schlittschuh läuft, trägt Matthies nicht. Aus sechs werden fünf, bleiben fortan ein Stuhl am Esstisch und ein Kinderzimmer für immer leer. Wie die junge niederländische Autorin Marieke Lucas Rijneveld über Trauer, Schmerz und Schuld, über die Kehrseiten der Religion sowie über menschliche Kälte und Gewalt in ihrem Roman „Was man sät“ schreibt, ist imponierend, wenn nicht sogar unvergesslich.

Auf Tragödie folgt Trauer

Vorab indes eine Warnung: Dieser Roman ist kein Buch für zartbesaitete Seelen. Nicht nur weil dieser tragische Unfall des Jungen und das Leid der Familie, vor allem das der drei verbliebenen Geschwister, tief berührt. Rijneveld findet Worte und Beschreibungen für das Unsagbare, für unangenehme Situationen und tiefste Gefühle. Die Autorin lässt Jas, Matthies Schwester, als Ich-Erzählerin und damit aus der Perspektive eines Kindes von den Geschehnissen sehr detailliert berichten.  Sie ist gerade mal zehn, als die Tragödie geschieht, zwölf als sich die Trauer in der Familie verfestigt hat – mit all ihren drastischen Erscheinungen und Auswüchsen. Der Vater kümmert sich nur noch um seine Rinder, die Mutter hört auf zu essen. Bruder Obbe lässt seine Wut und seinen Schmerz an hilflosen Tieren und seinen beiden Schwestern aus. Jas zieht nicht mehr ihre Jacke aus, deren Taschen sie mit den verschiedensten Dingen füllt. Gemeinsam mit Hanna möchte sie am besten weit weg – den heimischen Hof verlassen.

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Die Religiosität der Familie, die einer Gemeinde der orthodox-calvinistischen Kirche angehört, ist kein Rettungsanker. Ganz im Gegenteil. Statt Trost und Zuneigung traktieren die Eltern ihre drei Kinder mit Bibelzitaten und Geboten – der Romantitel verweist auf eine Passage aus dem Buch der Bücher, speziell aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther, den Jas Großmutter dem Mädchen vorgelesen hat: „Du Narr: was du säst, wird nicht lebendig, es sterbe denn. Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn.“ Es ist eine kühle Welt, in der eine kaum zu überwindende Fremdheit zwischen den Generationen besteht und in der physische wie psychische Gewalt still und grausam herrschen und die zu Angst bei den Kindern führt. Jas, die zudem von Schuldgefühlen beherrscht wird, nässt ein, sie leidet unter Verstopfung, verletzt sich selbst mit einer Heftzecke, die sie sich in den Nabel drückt.

„Es gibt zwei Sorten von Menschen, solche, die festhalten, und solche, die loslassen. Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Nur mit den Sachen, die ich sammle und sicher in meiner Jackentaschen verwahre, kann ich eine Erinnerung oder einen Menschen festhalten.“

Die Schonungslosigkeit des Romans liegt indes nicht nur in den Beschreibungen, wie  nach und nach die Familie in ihrem Leid und der Trauer zerfällt. „Was man sät“ ist vor allem ein Buch, das sehr auf die Körperlichkeit seiner Protagonisten fokussiert ist. Rijneveld, 1991 in der Provinz Nordbrabant geboren,  sträubt sich nicht, über Körperöffnungen und -flüssigkeiten sowie die erwachende Sexualität der Ich-Erzählerin zu schreiben. Ihre Sprache hat teils etwas Derbes und Drastisches. Zudem ist Verfall und Sterblichkeit über den Tod des Bruders hinaus ein wichtiges Thema des Romans, den man ob seiner wenigen Protagonisten als düsteres und beklemmendes Kammerspiel bezeichnen kann.  Die letzte Szene raubt einem dem Atem und zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Jas findet ihren Weg – zu flüchten.

Bildgewalt der Szenen

Doch Rijnevelds beklemmendes Romandebüt hat auch eine eindrückliche Schönheit, die in der Sprache, in originellen Vergleichen und in der Tiefe der oft ungewöhnlichen Gedanken über Tod und Schmerz, Leben und Liebe zu finden ist. Dem Werk ist das lyrische Schreiben der Autorin, die 2015 einen Gedichtband herausgab und selbst in einem religiösen Umfeld aufwuchs, deutlich anzumerken. Man spürt die Suche nach der Präsenz und der Kraft jedes Wortes sowie nach der Bildgewalt der Szenen. Persönlich bin ich stets fasziniert von der besonderen Wirkung eines kindlichen Ich-Erzählers und von den überaus menschlichen Geschichten, die in der niederländischen Literatur zu finden sind. Doch „Was man sät“ ist unvergleichbar und eine besondere Entdeckung.


Marieke Lucas Rijneveld: „Was man sät“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen; 317 Seiten, 22 Euro

Bild von Damira68 auf Pixabay

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