Der kleine Prinz und ein Haus in Markleeberg – 100 Jahre Karl Rauch Verlag

„Geradeaus kann man nicht sehr weit gehen…”

Sonnabendvormittag in Markleeberg-Ost. Der Herbsthimmel über der Stadt südlich von Leipzig ist blau-weiß, die Bäume haben ihr buntes Laubgewand angelegt. In der Bornaischen Straße rauscht der Verkehr vorbei. Autofahrer und Radler huschen an dem Haus mit der Nummer 35 vorbei, ohne vielleicht zu ahnen, welche Geschichte es zu erzählen weiß. Achtsame Fußgänger nehmen womöglich nicht nur die markante Fassade des Gebäudes in Augenschein, sondern entdecken auch ein kleines Schild an dem hohen Metallzaun mit der Überschrift „Hier wurde Geschichte geschrieben“. Darauf das Cover der deutschen Originalausgabe „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944).

Geburtsstunde in Dessau

In diesem Haus war der französische Schriftsteller im März 1939, wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, zu Gast, um die Herausgabe der deutschen Ausgabe seines Buches „Wind, Sand und Sterne“ vorzubereiten, heißt es auf dem Schild. Es ist das Geburtshaus und zugleich späterer Wirkungsort des Verlegers Karl Rauch (1897-1986), der hier als Sohn eines Gärtners am 17. April 1897 zur Welt kam. Ab 1921 betrieb er in Dessau eine Kunst- und Bücherstube, an die er zwei Jahre später einen Verlag anschloss. „Keimzelle“ und „Geburtsstunde“ des Karl-Rauch Verlags, der nunmehr sein 100-jährigens Bestehen begeht. Die Buchhandlung sollte die Weltwirtschaftskrise nicht überstehen, der Verlag zog von der Bauhaus-Stadt nach Markleeberg.

20231104_114130
Das Geburtshaus von Karl Rauch in der Bornaischen Straße 35 in Markleeberg. Nach dem Umzug von Dessau war es auch einige Jahre lang Domizil des Rauch-Verlags.

20231104_114106Ein Schild am Zaun erinnert an ein besonderes Kapitel in der Geschichte des Gebäudes.

Die Werke von Antoine de Saint-Exupéry, allen voran sein 1950 erstmals auf Deutsch erschienenes Kultbuch, bilden bis heute die DNA des Unternehmens. Die Edition der Werke von de Saint-Exupéry ist der Freundschaft zwischen Rauch und Gaston Gallimard (1881-1975), der Gründer des Verlages Éditions Gallimard und ursprüngliche Verleger der Werke, zu verdanken. „Der kleine Prinz“ erschien zuerst im April 1943 in New York, etwas mehr als ein Jahr später kam der Autor am 31. Juli 1944 im Alter von 44 Jahren bei einem Aufklärungsflug über dem Mittelmeer ums Leben. Sein Buch zählt heute mit mehr als 200 Millionen verkauften Exemplaren zu den meistverkauften Büchern der Welt.

Das Sortiment des Verlags ist indes schon immer vielfältig. „Europäische zeitgenössische Literatur herauszubringen, war schon Karl Rauch ein besonderes Anliegen. Wir sehen uns in dieser Tradition und bringen literarische Texte heraus, die sich unserer Zeit und ihren Fragen widmen. Das sorgt schon für Aufmerksamkeit. Hinzu kommt aber auch, dass wir großen Wert auf die Gestaltung und Ausstattung unserer Bücher legen, um auch damit zu signalisieren, dass sie etwas Besonderes sind“, so Verlagsleiter Dr. Hans-Gerd Koch. Ziel sei es dabei, mit Texten in einem europäischen Rahmen eine große Diversität von Themen und Inhalten widerzuspiegeln. Ein spezielles Motto gebe es nicht, ausschlaggebend sei nur die literarische Qualität, betont der Verlagschef.

Seit 2016 illustrierte Familienbücher im Sortiment

Erschienen zu Beginn und in den ersten Jahren unter anderem das Gesamtwerk des deutschen Lyrikers, Erzählers und Essayisten Eugen Gottlob Winkler, Werke des Journalisten und Schriftstellers Gustav René Hocke sowie die Zeitschrift „Der Bücherwurm“, listet der Verlag auf seiner Homepage heute mehr als 80 Autorinnen und Autoren aus zahlreichen Ländern auf. Seit 2016 ergänzen illustrierte Familienbücher, viele mit Preisen bedacht, das Angebot. Der Karl-Rauch-Verlag ist ein unabhängiger Verlag mit Tradition. „Auf Messen und bei anderen Veranstaltungen geschieht es immer wieder, dass jemand kommt und sagt, wie schön es sei, das es uns noch gibt. Und sich an unsere Erstveröffentlichungen von Camus, Vian oder Thomas Pynchon erinnert. Das bestärkt uns im dem, was wir heute tun“, betont Koch.

„Europäische zeitgenössische Literatur herauszubringen, war schon Karl Rauch ein besonderes Anliegen.“

HK_Porträt_2023_©PicturePeople (1)
Dr. Hans-Gerd Koch, Verlagsleiter Karl Rauch Verlag (Foto: Picture People)

1995 übernahm die Patmos Verlagsgruppe in Düsseldorf die verlegerische und vertriebliche Leitung. Zwölf Jahre später löste sich der Karl Rauch Verlag wieder heraus und agierte daraufhin in Zusammenarbeit mit Vertriebspartnern wieder selbständig auf dem Buchmarkt. 2021 beendete der Verlag schließlich seine jahrelangen Vertriebspartnerschaften. Koch dazu: „Die Zusammenarbeit mit einem größeren Partner hat durchaus Vorteile, aber man ist doch immer der kleinere, ein Anhängsel. Für die eigene Sichtbarkeit hat es sich als richtig erwiesen, auch was den Vertrieb der Bücher angeht, selbstständig zu sein.“

Buchmarkt mit großen Herausforderungen

Doch die kleineren unabhängigen Verlage stehen derzeit vor großen Herausforderungen. Die Ursachen sind mannigfaltig, reichen von hohen Produktionskosten bis hin zur oftmals fehlenden Präsenz. „Das Interesse der Leserinnen und Leser an den kleineren und unabhängigen Verlagen ist da. Leider zeigt sich aber sowohl bei Literaturpreisen als auch beim Medieninteresse, dass dort das Augenmerk auf die großen Konzernverlage gerichtet ist. Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises ist kein Titel eines unabhängigen Verlags vertreten – was mit Sicherheit nicht an mangelnder Qualität liegt“, unterstreicht der Verlagschef. Hinzu komme, dass in den letzten Jahren die Zeitungsfeuilletons stark zusammengestrichen wurden. „Entsprechend spielen Buchbesprechungen für den Verkaufserfolg eine immer geringere Rolle. Und der Besuch von Lesungen hat – auch infolge der Covid-Pandemie – stark abgenommen. Für Buchhändlerinnen und Buchhändler zahlt es sich zur Zeit nicht aus, Veranstaltungen mit weniger bekannten Autorinnen und Autoren zu machen. Lohnend ist es nur, wenn es sich um bekannte Namen handelt, deren Bücher möglichst auf der Bestsellerliste stehen“, so Koch weiter.

Trotzdem: Das große runde Jubiläum des Verlags gab Anlass für Veranstaltungen und Feiern. Sophie Rois und Martin Wuttke lasen im Frühjahr zum Auftakt der Leipziger Buchmesse in der Schaubühne Lindenfels vor ausverkauftem Haus aus dem im Frühjahr erschienenen Briefwechsel Antoine de Saint-Exupérys mit seiner Frau Consuelo. „Uns war es wichtig, das Jubiläum in der Nähe unseres Gründungsorts zu begehen, und auch unser ,Hausautor‘ sollte dabei eine Rolle spielen“, so Koch. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde mit Autorinnen und Autoren angestoßen.  Wenige Tage zuvor in Dessau sprach der Markleeberger Journalist und Autor Bernd Mühling über Karl Rauch und die Geburtsstunde des Verlags während eines Vortrags.

Treffen mit Nichten und Neffen des Verlagsgründers

1953 zog sich Karl Rauch aus dem Verlagsgeschäft zurück, um sich fortan dem Schreiben und Übersetzen zu widmen. Durch seine Verleger- und Übersetzertätigkeit gilt er heute als „Wegbereiter des deutsch-französischen Gedankenaustausches“. Bereits 1948 war der Verlag wegen „wachsender Schwierigkeiten mit den Behörden“ aus der sowjetischen Besatzungszone ins Rheinland nach Boppard gezogen. Zuvor war auch Jena als neuer Standort ins Auge gefasst worden. Heute hat der Verlag seinen Sitz in Düsseldorf. Eine Rückkehr schließt Dr. Hans-Gerd Koch aus: „75 der 100 Jahre, auf die der Verlag zurückblickt, ist er ja bereits im Rheinland angesiedelt. Aber die Verbindung zu Markkleeberg und Leipzig pflegen wir, auch den Kontakt zur Familie Rauch. Zum Beispiel war es für mich ein berührendes Erlebnis, im Rahmen einer Veranstaltung im Frühjahr Nichten und Neffen unseres Verlagsgründers zu treffen, die sich noch sehr gut an ihren Onkel erinnern können.“

Im Geburtshaus Rauchs in der Bornaischen Straße ist heute das Heizungs- und Sanitärtechnikunternehmen Höffl ansässig, das im Übrigen jenes Schild, das auf Initiative der Bürgerinitiative Markleeberg-Ost entstanden war, gesponsert hat. Anlass war zuvor der Beitrag „Wo Hitler König ist, ist für mich kein Platz. Ein Deutschlandbesuch Antoine de Saint-Exupérys im Jahre 1939“ der Leipziger Autorin und Gästeführerin Sabine Knopf, der in der Ausgabe 60 der Leipziger Blätter 2012 erschienen war.

2 Kommentare zu „Der kleine Prinz und ein Haus in Markleeberg – 100 Jahre Karl Rauch Verlag

  1. das ist ein interessanter Hintergrundbericht zu dem Verlag. Beinahe hätte ich ihn nicht gelesen, da ich eine der wenigen bin, die „Der kleine Prinz“ gar nicht leiden mag. Ich halte es für ein sehr überschätztes kitschiges und banales Buch – das ist alles was ich mit dem Rauch Verlag verbunden habe. Bis jetzt!

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu Anonymous Antwort abbrechen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..