„Wörter waren die Geschenke, die mir mein Vater in meiner Kindheit in seinem Lkw mitbrachte.“
Seinen Vater sieht er in seiner Kindheit selten. José „Didi“ Bortoluci ist Fernfahrer, auf den Straßen Brasiliens unterwegs; meist mehrere Wochen am Stück. Der Truck ist beladen mit den unterschiedlichsten Gütern: Waren wie Kastanien und Wein, Werkzeug, Maschinenteile und Baumaterial, das zu großen Bauprojekten gebracht werden muss. Didi ist einer von vielen, die im vergangenen Jahrhundert für den Aufbau des südamerikanischen Landes arbeiteten, der zugleich einen gigantischen Raubbau bedeutete und kostbare Naturschätze unwiderruflich zerstört hat. Der Soziologe José Henrique Bortoluci erzählt in „Was von meinem Vater bleibt“ die Geschichte seines Vaters und verknüpft sie mit der jüngsten Historie Brasiliens.
Erinnerungen konserviert
Kurz nachdem Bortoluci junior mit der Recherche zu seinem Werk beginnt, erreicht die Familie eine schreckliche Botschaft. Didi, der bereits herzkrank ist, leidet an Krebs. Über ihm schwebt die bange Frage angesichts unzähliger Untersuchungen und Therapien: Wie viel Zeit bleibt noch? Gesammelte Gesprächsfetzen und lange Interviews bilden die Basis für das biografisches Essay des Sohnes. Die Erinnerungen des Vaters sind in Worte konserviert, andere Dokumente wie Fotos oder Videos existieren nicht. Nur zwei Postkarten hat Didi in der Zeit seiner Abwesenheit nach Hause geschickt.

Didi stammt aus einfachen Verhältnissen. Er wird als fünftes von neun Kindern einer Arbeiterfamilie in einer Kleinstadt nahe São Paulo geboren. Schon als Kind muss er auf dem Feld rackern, er verlässt die Schule schon nach wenigen Jahren. Sein Sohn nimmt einen ganz anderen Lebensweg. Er studiert Soziologie, promoviert gar in den USA und unterrichtet derzeit an der Hochschule „Fundação Getulio Vargas“ in São Paulo. Zwischen den Generationen besteht eine nicht unerhebliche Bildungskluft, die sich vor allem in verschiedenen politischen Ansichten niederschlägt. Der Soziologe, 1984 geboren, hat die zwei Jahrzehnte währende Militärdiktatur nicht miterleben müssen, wohl aber den Aufstieg und die Amtszeit des rechtsextremistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, die er als „plötzliches kollektives Übel“ bezeichnet.
Raubbau am Regenwald
Fünf Jahrzehnte arbeitet Didi als Fernfahrer. Ein Berufsstand, der maßgeblich zur Entwicklung Brasiliens beigetragen hat, allerdings in dieser Rolle fast vergessen ist. Flughäfen oder Kraftwerke wurden errichtet. Unbefestigte Straßen mussten neuen Pisten weichen. Mit drastischen Folgen. Regenwald wurde vernichtet, indigene Völker wurden vertrieben. Den Bau der Transamazônica, einer mehr als 3.000 Kilometer langen Trasse durch den Dschungel des südlichen Amazonien, wurde begleitet von einer gigantischen Inkulturnahme von Flächen für die spätere Besiedlung und Landwirtschaft. Bis heute wird in dem südamerikanischen Land täglich eine Regenwald-Fläche von mehreren Tausend Fußballfeldern vernichtet. Bortoluci rechnet ab mit den Folgen des staatlich verordneten Fortschritts.
„Unsere eigene Sprache können wir erst dann sprechen, wenn wir mit der Sprache unserer Eltern Frieden geschlossen haben.“
Der Job des Fernfahrers ist hart, viele überstehen ihn nur mit Alkohol und Drogen, viele werden in diesem Beruf nicht alt. Ein sozialer Aufstieg oder eine gewisse Anerkennung bleiben ihnen verwehrt. Didi ist jedoch mit Leib und Seele Trucker. Er ist stolz auf seine oft auch abenteuerliche Arbeit, von der er seinem Sohn nach der Rückkehr erzählt. Quasi Souvenirs aus Wörtern. Didi kommt mehrfach selbst zu Wort, um über seine Erlebnisse oder auch die Erinnerungen an Kollegen zu berichten. Wie Nestor, der ihm zeigt, wie man auf dem Lkw-Auspuff grillt. Oder Fernfahrer Manelao, der auf einer seiner Fahrten einen wilden Affen am Straßenrand kauft.
Bortolucis Werk, das in Brasilien ein Bestseller wurde, entfaltet eine erstaunliche Komplexität. Sein Essay ist Familiengeschichte sowie politisches wie gesellschaftliches Porträt seines Landes. Zugleich setzt er sich intensiv mit Fragen der Herkunft auseinander. An mehreren Stellen geht er auf die Rolle von Sprache und Erinnerungen ein. Bortoluci nennt und zitiert mehrere Autorinnen und Autoren wie Ditlevsen und Sontag, Brecht und Hemingway, verweist auf Filme.
„Die Geschichte von Eltern und Kindern mit radikal unterschiedlichen Bildungswegen ist immer mit Schweigen und Ausweichmanövern verbunden (…).“
„Was von meinem Vater bleibt“ ist eine bemerkenswerte Mischung aus Lebensfreude und Melancholie und stellenweise sehr ergreifend. Manche Passagen ob ihres wissenschaftlichen Sprachstils, der etwas nüchtern wirkt, fordern indes heraus. Bortolucis Essay ist allerdings vor allem auch eins: ein große Lehrstunde sowie eine Hommage an den Vater und eine besondere Vater-Sohn-Bindung, die womöglich gerade durch die Arbeit an diesem Werk, das wohl auch eine Art Vermächtnis darstellt, verstärkt wurde.
José Henrique Bortoluci: „Was von meinem Vater bleibt“, erschienen im Aufbau Verlag, in der Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch von Maria Hummitzsch; 175 Seiten, 20 Euro
Foto von Marcelo Quinan auf Unsplash


Ich lese mich gerade durch deine letzten Beiträge :).
Ich hatte bereits ein tolles Interview mit ihm gelesen. Die Geschichte ist schon sehr berührend. Na mal sehen, ob es noch auf die Liste wandert.
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