„Man kann nicht aufdecken, was wahr ist, wenn man danach geht, wie viele Leute es für wahr halten.“
In den Gesammelten Werken des berühmten Mathematikers und Astronomen Johannes Kepler (1571-1630) findet sich ein besonderes Dokument: ein auf den 2. Januar 1616 datierter Brief an den Senat zu Leonberg. Mit diesem Schreiben beginnt die Verteidigung von Keplers Mutter Katharina, die wenige Jahre später in einem Hexenprozess angeklagt wurde. Die kanadisch-amerikanische Schriftstellerin Rivka Galchen nimmt dieses historische Ereignis zum Anlass für ihren aktuellen Roman „Jeder weiß, dass deine Mutter eine Hexe ist“.
Hetzkampagne sondersgleichen
Wir sind mittendrin in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Eines Tages lässt der herzogliche Vogt Lukas Einhorn Katharina Kepler zu sich rufen. Der Anlass: Die Frau des Glasers, Ursula Reinbold, bezichtigt sie, eine Hexe zu sein, die Hexenwerk ausübt. Katharina Kepler soll ihr einen Trank gereicht haben, an dem sie erkrankt ist. Es ist der Auftakt einer Hetzkampagne und Verfolgungsjagd. Weitere Einwohner Leonbergs, wo die über 70-jährige Katharina Kepler als Witwe eines Söldners lebt, erinnern sich plötzlich an ähnliche mysteriöse Ereignisse: wie die Bäckersfrau, der Schulmeister oder der Fleischbeschauer. Mensch wie Tier sollen plötzlich erkrankt oder gar gestorben sein, nachdem sie von der „Hexe“ etwas erhalten haben oder diese nur in der Nähe war.

Es gibt nur wenige, die zu Katharina halten und ihr in dieser schweren Zeit zur Seite stehen, wie ihre drei erwachsenen Kinder Christoph, Margarete und Johannes sowie der rührige Nachbar Simon, seines Standes Sattelmacher, der sich in Katharinas Abwesenheit um ihre geliebte Kuh kümmert. Mehrfach verlässt sie Leonberg, um dem widersinnigen Spuk zu entgehen. Sie findet Unterschlupf bei Johannes, der mit seiner Familie in Linz lebt und dort als Mathematiker wirkt. Doch letztlich wird seine Mutter verhaftet und in den Kerker nach Güglingen gebracht. Sie muss ihr Haus verkaufen, um die Haft- und Gerichtskosten begleichen. Die vermeintlichen Opfer fordern darüber hinaus Entschädigung.
Gier, Neid, Bösartigkeit
Sowohl Katharina als auch Simon erzählen aus ihrer Sicht über die Geschehnisse – unterbrochen von fiktiven Zeugenvernehmungen, die alle mit dem Glaubensbekenntnis: „Seid Ihr gewahr, dass jedes falsche Zeugnis, so Ihr es denn wissentlich ablegt, Gottes großen Zorn über Euer Erdenleben bringen wird und ihr Eure Seele im Tod dem Teufel überlasst?“ beginnen. Ein faszinierendes vielstimmiges Werk entsteht, das nicht nur Einblicke in die damalige Zeit und einen der am besten dokumentierten Fälle dieser Hexenprozesse gibt. Man denkt so manches Mal auch an das Hier und Jetzt: an das Zerstörerische von Lügen und Verschwörungstheorien und den Glauben daran, das Misstrauen von Teilen der Bevölkerung in die Wissenschaft sowie an die Folgen fehlender Bildung. Und auch die Herrschenden kommen nicht allzu gut weg. Der Vogt wird als unkompetent und eitel beschrieben, Katharina bezeichnet ihn als ein „falsches Einhorn“. Der Roman schildert die dunklen Seiten des Menschen: Es sind Gier, Neid, eine unfassbare Bösartigkeit und Frauenfeindlichkeit, die Katharinas Leben zur Hölle machen und sie in Lebensgefahr bringen. Ihr Hang zur Selbstständigkeit und Freiheit, und das als Frau, sind für viele ein Dorn im Auge.
„Ich fand die Zeiten nicht schwierig genug, weil die Leute noch immer die Muße hatten, Lügen zu verbreiten.“
Dabei war sie es einst, die ihren Sohn, obwohl selbst Analphabetin und eine einfache aber durchaus selbstbewusste Frau, die Faszination für den Blick zu den Sternen vermittelt hat. Sie nahm ihn mit, als sich 1577 am Himmel der Große Komet, auch bekannt als C/1577 V1, zeigt, den ein anderer damals genau beobachtet hat: der dänische Astronom Tycho Brahe (1546-1601), der später Kepler für gemeinsame Studien nach Prag holen wird. Brahes Beobachtungen, vor allem des Mars, legten den Grundstein für die späteren keplerschen Gesetze, die schließlich das heliozentrische Weltbild des Nikolaus Kopernikus (1473-1543) bestätigten und mittlerweile Schulstoff geworden sind. In Galchens Roman wird der große Wissenschaftler auch als Privatperson gezeigt: als Vater, Mann und eben Sohn, der mehrere Schicksalsschläge erfahren muss.
Erfolg mit Romandebüt
Rivka Galchen, 1976 in Toronto geboren, zog als Kind mit ihren Eltern in die USA und wuchs in Norman, Oklahoma, auf. Sie studierte Literatur und Medizin in Princeton und an der Mount Sinai Medical School. Ihr Romandebüt „Atmosphärische Störungen“, 2008 erschienen, wurde ein großer Erfolg in den USA. 2014 erschien ihr Erzählband „American Innovations“ („Amerikanische Erfindungen“). Der „New Yorker“ listete sie 2010 unter die 20 Besten ihrer Generation unter 40 Jahren. Galchen lebt in Manhattan und schreibt für mehrere Magazine.
„Es war die sorgfältig abgefasste Geschichte einer Stadt voller Lügner und Narren, strotzend vor Selbstsucht und Dummheit.“
Mit „Jeder weiß, dass deine Mutter eine Hexe“ hat die kanadisch-amerikanische Autorin einen lehrreichen wie fesselnden Roman geschrieben. Um ihre Sprache authentisch wirken zu lassen, orientierte sie sich an dem Roman „Der abenteuerliche Simplicissismus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, wie sie in ihrem Nachwort schreibt. Für die Übersetzung nutzte Übersetzerin Grete Osterwald verschiedene historische Quellen.
Dunkles Kapitel der frühen Neuzeit
Und obwohl in Galchens Roman der Humor nicht fehlen darf, vor allem in den Schilderungen der Heldin, wird das ganze schreckliche Ausmaß der damaligen Ereignisse allzu deutlich. Die Hexenverfolgung zählt – noch immer in einigen Teilen der Welt nicht verschwunden – zu den dunkelsten Kapiteln der frühen Neuzeit. Mit der sogenannten „Hexenbulle“ von Papst Innocenz VIII. aus dem Jahr 1484 legalisierte die katholische Kirche zum ersten Mal das Treiben der Inquisitoren. Historiker gehen von etwa 40.000 bis 60.000 Todesopfer aus, von denen schätzungsweise bis zu 80 Prozent Frauen waren. Der Leonberger Vogt Lukas Einhorn erhob während seiner Amtszeit (1613–1629) gegen fünfzehn Frauen Anklage wegen Hexereiverdachts und ließ gegen acht von ihnen Todesurteile vollstrecken.
Katharina Kepler überlebte die mehrjährige Haftzeit und den späteren Freispruch um nur wenige Monate. Heute erinnern neben der Figur an einem Leonberger Brunnen mehrere musikalische Werke sowie Romane an ihr Leben und ihre Geschichte.
Rivka Galchen: „Jeder weiß, dass deine Mutter eine Hexe ist“, erschienen im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Grete Osterwald; 320 Seiten, 24 Euro
Foto von Joanna Kosinska auf Unsplash

