„Das Träumen half.“
Im äußersten Nordwesten der USA nah an der Grenze zu Kanada zwischen den Weiten des Pazifik und den hohen Bergen der Rocky Mountains liegt Kaskadien. Ein Name wie aus einem Märchen oder einem Fantasy-Roman. Wie bei ihrem viel beachteten Debüt „Das Verschwinden der Erde“, das in Kamtschatka angesiedelt ist und auf der Shortlist des National Book Award stand, führt sie in ihrem neuesten Werk „Cascadia“ wieder in eine ganz besondere Region mit einer atemberaubenden Natur.
„Wildes Ding“ steht vor der Tür
Auf der Insel San Juan leben die beiden Schwestern Sam und Elena gemeinsam mit ihrer kranken Mutter. Zwischen den unzähligen Touristen, die die Gegend besuchen, und einer grandiosen Landschaft, in der Wale und Weißkopfseeadler heimisch sind, haben die Endzwanziger indes mit ganz realen Problemen und Herausforderungen zu kämpfen. Sam jobbt im Bistro auf einer Fähre, Elena kellnert in einem Golfclub. Finanziell kommen sie kaum über die Runden. Sie haben horrende Arzt- und Medikamentenrechnungen zu bezahlen und bereits hohe Schulden. Ihre Mutter leidet infolge ihrer langjährigen Arbeit in einem Nagelstudio unter einer schweren Lungenkrankheit. Doch trotz aller Widrigkeiten halten die beiden Schwestern und ihre Mutter zusammen – bis ein „wildes Ding“ in ihr Leben tritt, besser gesagt: Direkt vor ihrer Tür steht.

Es ist ein großer brauner Bär, der in der Gegend herumstreift und nach einigen Sichtungen für Schlagzeilen sorgt. Während Sam auf sicheren Abstand geht und am liebsten sehen würde, wie Meister Petz wieder von dannen zieht, ist Elena ganz verzückt von dem mächtigen wie pelzigen Tier und sucht dessen Nähe, das zu einer Art Trostbringer wird und Abwechslung in ihr Leben bringt. Doch der Bär stellt die innige Beziehung zwischen Sam und Elena auf den Prüfstand, es kommt über kurz oder lang zu Spannungen und zum Streit der Schwestern, die nicht unterschiedlicher sein könnten.
Gefangen im prekären Dasein
Elena, die ältere der beiden, kümmert sich um alles. Sam hingegen hängt an ihrer Schwester, andere intensive Bindungen bis auf die rein sexuelle zu ihrem Kollegen Ben pflegt sie nicht. Ihr Traum ist es, wegzuziehen, an einem anderen Ort ein anderes Leben zu führen. Sie fühlt sich gefangen in diesem prekären Dasein, das sich vor allem darum dreht, sich finanziell über Wasser zu halten und die kranke Mutter zu versorgen, deren Gesundheitszustand sich merklich verschlechtert. Daraus entsteht eine psychologische Spannung, die neben der wechselvollen wie tragischen Familiengeschichte, die in Sams Erinnerungen geschildert wird, dem Roman letztlich seine Tiefe gibt. Die beiden erwachsenen Schwestern kennen ihren jeweiligen Vater nicht. Ein einstiger Lebensgefährte der Mutter war gewalttätig geworden.
„Er war eine Majestät im Pelzgewand. Ohne ihn wüsste Elena nicht, was sie machen sollten. Der Bär war das einzig Gute, das sie hatten: ein Spuk, ein Gespenst, ein außergewöhnliches wildes Tier. Ein Besucher aus einem verzauberten Reich, eine Vision aus einer geheimnisvollen Welt.“
Mit Blick auf all diese unterschiedlichen Beziehungen und Themen – auch die Pandemie und ihre Folgen sowie die unterschiedlichen soziale Schichten verarbeitet die Autorin in ihrem komplexen Roman – sei die Frage gestattet, weshalb es nun diesen Bären unbedingt braucht. Phillips stellt ihrem Roman einen kurzen Auszug aus dem bekannten grimmschen Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“ voran, in dem ebenfalls eine besonders enge Schwesternbeziehung und ein Bär im Mittelpunkt stehen. Und an mehreren Stellen ihres Romans gibt es auch Verweise auf das ebenfalls bekannte Märchen „Schneewittchen“.
Während für Elena, die eigentlich die lebensklügere der Schwestern ist, das große Tier als ein Wunder darstellt, sieht die argwöhnische wie unsicher wirkende Sam schlichtweg darin eine Bedrohung. Und obwohl der Grizzly tatsächlich im Nordwesten der USA beheimatet ist, wirkt er in dem Roman eher wie ein Fremdkörper. Animalisch, archaisch, aber eben auch märchenhaft.
von Verrat und geheimnissen
Bekanntlich führen die Märchen der Brüder Grimm meist zu einem guten Ende. Nicht so das Geschehen auf San Juan Island. Die Spannungen zwischen den Schwestern spitzen sich zu, als Sam hinter dem Rücken ihrer Schwester im Fall des Bären bei einer Mitarbeiterin der staatlichen Jagd- und Fischereibehörde um Rat fragt. Es ist Verrat, doch auch Elena trägt ein Geheimnis mit sich, fordert Sam darüber hinaus auf, endlich ein selbstständiges Leben zu führen. Letztlich ist es wohl nicht nur der Bär, der einen Keil zwischen die beiden Schwestern treibt, sondern vor allem verschiedene Ansichten und Lebenspläne, die für ein Auseinanderleben sorgen.
Die Vorstellung Sams, ein gutes und langes Leben an der Seite ihrer Mutter und ihrer Schwester zu führen, bleibt ein Traum. Das Ende ist Dramatik und Tragödie pur und erinnert an ein anderes Märchen: „Der Fischer und seine Frau“, in dem das übermäßige und unverfrorene Wünschen schließlich alles auf den Kopf stellt. Nichts bleibt, wie es war.
Julia Phillips: „Cascadia“, erschienen bei hanserblau, in der Übersetzung aus dem Englischen von Pociao und Roberto de Hollanda; 272 Seiten, 23 Euro
Foto: Jean Beaufort/Wikipedia

