„Jeder weiß, dass alle, die in diese Welt geboren werden, von Anfang an gezeichnet sind – Gewinner wie Verlierer.“
Monat für Monat habe ich ihn mir aufgehoben, um die Vorfreude auszukosten. Ich wollte den Roman noch etwas ruhen lassen, den richtigen Moment abwarten. An mir zogen die Besprechungen vorbei, Kollegen und Freunde lasen das Buch, erzählten mir von ihrer Lektüre. Doch manches braucht seine Zeit, den passenden Moment – auch Bücher, Bücher wie „Demon Copperhead“, für den die US-amerikanische Schriftstellerin Barbara Kingsolver große Preise abräumte. Doch dann war schließlich der Moment gekommen – und die Story zog mich mit.
Hochkonzentrierte Dosis aus Armut und Leid
Viele, die den dicken Wälzer gelesen haben, berichten von einem Rausch, dass die mehr als 800 Seiten in einem schier beängstigenden Tempo, einem wahren Pageturner gleich, durcheilt worden sind. Trotz der dramatischen Geschichte, vielleicht auch deswegen. Wer Kingsolvers Meisterwerk zur Hand nimmt, sollte sich auf einiges gefasst machen. Auf Armut und Sucht, Gewalt und Ausbeutung, toxische Beziehungen. Was man wohl keinem in seinem ganzen Leben wünscht, erleidet Demon Copperhead, der Held und Ich-Erzähler des Romans, allein in den wenigen Jahren seiner Kindheit und Jugend. Eine hochkonzentrierte Dosis aus Schmerz und Leid.

Sein richtiger Name ist Damon Fields, doch der roten Haaren wegen erhält er den mehrdeutigen Spitznamen Demon Copperhead. Er wächst auf in einem elendigen Kaff in Lee County, Virginia, einem Winkel der USA, der abfällig belächelt, gar beschimpft wird. Hier leben die armen Hinterwäldler, die Hillbillies, die Rednecks. Nach dem Ende des Bergbaus herrscht hohe Arbeitslosigkeit, die Elend mit sich zieht. Verzweiflung und Sorgen verdrängen die Menschen mit Drogen. Demon wird diesen Stempel nie wirklich loswerden.
Bereits seine Geburt steht unter keinem guten Stern: Der Vater verstarb bereits zuvor infolge eines Unfalls. Die 18-jährige Mutter gerade auf Entzug bringt ihren Sohn im heruntergekommenen Trailer zur Welt, wo er auch die erste Zeit aufwächst. Die Peggots, Nachbarn und Besitzer des Geländes, werden ihn die nächsten Jahre seines Lebens begleiten, seine Mutter nicht: Sie stirbt an einer Überdosis am elften Geburtstag ihres Sohnes. Demon, nunmehr Waise, wird von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht, wo er auf einer Tabakfarm ausgebeutet oder wie ein Tier „gehalten“ wird. Eine Odyssee sondersgleichen.
Gute Zeit findet schnelles Ende
Mit etwas Geld in der Tasche zieht er schließlich von dannen, er trampt und gelangt zu seiner Großmutter Betsy, der Mutter seines Vaters, die ihn ein neues Zuhause verschafft: Demon wird von Coach Winfield, Football-Trainer an der High School Jonesville, aufgenommen. Er wird zum Star der Schule, zu einer Art Bruder von Winfields Tochter Agnes „Angus“. Eine gute und hoffnungsvolle Zeit für ihn, die jedoch ebenfalls ein tragisches Ende findet. Nach einem Unfall gleitet er in eine Schmerzmittel-Abhängigkeit, eine Sucht, in der er, im Dunstkreis seines vermeintlichen Freundes Fast Forward, zu anderen Drogen greift. Ein tiefer Sumpf, aus dem er sich nur schwerlich befreien kann, was seiner Freundin Dori indes nicht gelingt.
„Wenn man sich darauf verlässt, dass Jesus einen retten wird, kann man eigentlich genauso gut das Batman-Signal senden.“
Kingsolvers Roman spielt in den 1990er-Jahren. Ihre prominente Vorlage ist ein Klassiker: „David Copperfield“ von Charles Dickens (1812-1870). In der Mitte des 19. Jahrhunderts, erst als Fortsetzungsgeschichte, später auch als Roman erschienen, erzählt er die Geschichte eines Waisenjungen und teils aus der nicht minder traurigen Kindheit des berühmten britischen Schriftstellers, dessen Werke wohl in vielen Buchregalen stehen, vielfach auf die Bühne gebracht oder verfilmt worden sind. Es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis Kingsolvers großer Roman, für den sie mit dem Pulitzer-Preis sowie mit dem Women’s Prize for Fiction geehrt wurde, als „Dreistünder“ auf die große Leinwand gebracht oder Netflix-tauglich in kleine Häppchen per Stream serviert wird.
„Wir waren Amerikas Hund. Für jede Art von Mensch gibts inzwischen eine korrekte Bezeichnung, nur für uns nicht, warum auch immer. Wir sind die Hinterwäldler, die Rednecks.“
Barbara Kingsolver, 1955 in Annapolis, Maryland, geboren und im Osten Kentuckys aufgewachsen, kennt sehr genau die Gegend, von der sie schreibt, erfuhr selbst, wie es heißt, als hinterwäldlerisch zu gelten, seine Herkunft verstecken zu müssen. “ (…) und mit ‚Demon Copperhead‘ konnte ich meine Heimat so nahe kommen wie nie zuvor. Es klingt vielleicht lächerlich, aber ich wollte den großen Roman von Appalachia schreiben. Alles sollte in diesem Buch enthalten sein, der ganze Hintergrund (…)“, so Kingsolver in einem Gespräch mit dem Journalisten Ezra Klein in dessen Podcast „The Ezra Klein Show“ der New York Times.
Grosses Sozialdrama
Die Odyssee durch Pflegefamilien, Ergebnis überlasteter Behörden, die Opioidkrise in den USA, die seit Jahrzehnten grassiert und jährlich rund 100.000 Tote fordert, die institutionalisierte Armut, die Verächtlichmachung von ganzen Regionen – „Demon Copperhead“ ist vor allem ein großes ergreifendes Sozialdrama, das recht humorvoll, gar flapsig beginnt, allerdings nach und nach düsterer wird, wenn der Held in seiner unnachahmlich rotzigen Art von seinen erschütternden Erlebnissen und Begegnungen erzählt. Wie ein roter Faden durchzieht die Sucht als Thema den Roman. Viele der Figuren sind davon betroffen, selbst der von allen verehrte Football-Coach, der für Demon zu einer Vaterfigur wird, hat ein Alkoholproblem. Kingsolver erzählt nicht nur von einer verlorenen Generation, sondern von einem generationsübergreifenden Schmerz.
Die hellen, hoffnungsvollen Szenen, die Menschen, die ihm zur Seite stehen, gibt es dennoch. Und meist sind sie ebenfalls Leidende. Tommy lebte mit Demon auf der Tabakfarm des alten Crickson, verschafft später seinem Freund in dessen tiefster Krise einen Job: Demon zeichnet Cartoons für eine Zeitung, schon als Kind hat er seine Notizbücher mit den Bildern von Superhelden gefüllt. Sein großer Traum wird ihn erst am Ende des Romans erfüllt. Dass Kingsolver ein Happy End wählt, nimmt ihrem Roman nichts von seiner dramatischen Wucht und weckt zudem den Wunsch nach einer Fortsetzung. Man möchte Demon und Agnes noch ein Stück begleiten. Aber wohl auch große unvergessliche Geschichten finden letztlich immer ihr Ende.
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Barbara Kingsolver: „Demon Copperhead“, erschienen in der dtv Verlagsgesellschaft, in der Übersetzung aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren; 864 Seiten, 26 Euro
Foto von Markus Spiske auf Unsplash


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