Berit Glanz – „Unter weitem Himmel“

„Gott hat die Welt erschaffen, aber der Teufel schuf Island.“ 

Mit seinem mächtigen und tonnenschweren Leib zieht er durch das Eismeer und verbindet Zeiten. Bis zu 500 Jahre alt kann ein Grönlandhai, der Methusalem des Meeres, werden. In dem neuen Roman „Unter weitem Himmel“ von Berit Glanz verknüpft er als tierischer Protagonist zwei Zeiten – und zwei Liebespaare.

Fischer trifft PFlegerin

Man schreibt das Jahr 1906: Mit dem Schoner „Étoile du Marin“ verlässt Olier Dünkirchen. Auf einem weiteren Schiff arbeitet sein Vater. Das Ziel beider: die reichen Fanggründe vor Island. Für die Besatzung bedeutet die Fahrt und der Fang von Kabeljau harte und gefährliche Arbeit. Oliers Vater verunglückt, eine Tragödie, die viele Fischer damals ereilte. Er geht über Bord und wird nicht mehr gefunden. Doch in Island trifft der junge Mann eine junge Frau: Sólrún, die von einem isländischen Hof in den Ostfjorden stammend in einem französischen Krankenhaus arbeitet, wo verletzte Fischer medizinisch versorgt werden; so auch Oliers Cousin Henri.

Zeitsprung mehr als 110 Jahre voraus: Die Biologin Maris stammt aus Deutschland, lebt aber schon seit einiger Zeit in Island. Ihre Mutter ist tot, ihren Vater, einen rucksackreisenden US-Amerikaner, der seine ihm unbekannte Tochter bei einem One-Night-Stand gezeugt hatte, kennt sie nicht. Eine Leerstelle, die sie hofft, mit Hilfe von Gendatenbanken zu füllen. Maris arbeitet bei einem wissenschaftlichen Projekt, das sich mit Vererbungsmuster und Mutationen bei Nutztieren beschäftigt. Während eines Besuchs eines Hofes lernt sie Adam, einem Arbeiter aus Polen kennen. Beide kommen sich mit der Zeit näher.

Zwei Paare, unterschiedliche Wurzeln

Geschickt verbindet die Autorin beide Zeiten und die verschiedenen Protagonisten. Olier und Sólrún sowie Maris und Adam sind sich ähnlich mit Blick auf ihre Erfahrungen. Olier und Maris haben jeweils ihre Heimat verlassen. Den jungen Fischer hält in Frankreich nichts mehr, als seine Mutter und die Schwester an der Grippe sterben. Ohne Familie sucht er ein Schiff, das ihn wieder nach Island bringt. Beide späteren Paare haben eine unterschiedliche Herkunft. Olier und Sólrún lernen die Sprache des jeweils anderen, sie tauschen sich über die Familie und Gepflogenheiten aus. Der Hof, auf dem Maris Proben bei den dortigen Schafen nimmt, wird dem Leser, der Leserin im Verlauf der Handlung vertraut vorkommen.

„Auf diesem Planeten gab es nun keine einzige Person mehr, die Maris von Anbeginn ihres Lebens kannte. Sie fühlte sich wie ein menschlicher Point Nemo, wie der Punkt mitten im Ozean mit der weitesten Entfernung zu jeglichem Festland.“

Berit Glanz, 1982 nahe Kiel geboren, studierte Theaterwissenschaft und Skandinavistik in München, Stockholm und Reykjavík. Ihr Debüt „Pixeltänzer“ erschien 2019 und war für den „Aspekte“-Literaturpreis nominiert und wurde 2020 mit dem Hebbel-Preis ausgezeichnet. 2022 erschien ihr Roman „Automaton“ sowie ein Jahr später das Sachbuch „Filter Digitale Bildkulturen“. Als Kulturjournalistin widmet sie sich vorrangig den Themen Internetkultur und digitale Literatur. Sie gehört der Redaktion des Online-Feuilletons „54books“ an und schreibt für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Mit ihrer Familie lebt sie in Reykjavik.

Umfangreiche Recherche

Man merkt ihrem neuen, sehr atmosphärisch dichten und bildhaften Roman ihre umfangreiche Recherche an, die sie nicht nur in ihre Wahlheimat Island geführt hat, sondern auch in die Bretagne. Zu Hilfe kamen ihr digitalisierte Datenbanken, unter anderem von Zeitungen, in Frankreich und Island. Es ist spannend zu lesen, welche Verbindungen es damals zwischen beiden Ländern gegeben hat, wie herausfordernd das Leben einst war, wie sich das Land im Nordatlantik mit der Zeit zu einer der fortschrittlichsten Nationen entwickelt hat. Der Plot wird dabei aus verschiedenen Perspektiven geschildert und wechselt zwischen den Jahrhunderten. Eingebettet sind Auszüge aus Sólrúns Tagebuchs sowie eben jene Szenen mit dem eingangs erwähnten Eishai; ein ganz faszinierendes Element des Romans.

„Und wer weiß schon, welche Spuren sie noch hinterlassen haben, wer außer uns sich an sie erinnert.“

„Unter weitem Himmel“ erzählt von Schicksalsbegegnungen und der Seelenheimat, einem Ort, der einem per Geburt und Familie nicht zugewiesen wird, sondern selbst gewählt ist. Es geht – und das ist die große Botschaft – um Zugehörigkeit – zu einem Landstrich, zu den Menschen über Grenzen und Kulturen hinweg. Auch Sólrúns Bruder Gunnar wird schließlich in die Fremde gehen, wie so viele andere in jener Zeit, als Island eine Auswanderungswelle erlebte. Am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verließen etwa 20.000 Isländer ihre Heimat gen Amerika mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Zur Jahrhundertwende lebten gerade mal etwas mehr als 75.000 Menschen auf der schroffen Vulkaninsel.

Und natürlich ist das Buch auch ein Liebesroman, der manchmal mit Blick auf die beiden Paare – es sind letztlich sogar drei – allerdings manchmal etwas zu pathetisch wirkt. Doch trotz des Happy End trifft ein Verlust im Laufe des Buches einen allzu sehr, was allerdings auch beweist, dass viele der Figuren – auch in der zweiten Reihe – dem Leser ans Herz gewachsen sind.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Poesierausch“.


Berit Glanz: „Unter weitem Himmel“, erschienen im Berlin Verlag; 256 Seiten, 24 Euro

Foto von Yves Cedric Schulze auf Unsplash

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