Jonas Hassen Khemiri – „Die Schwestern“

„(…) schon damals begann ich, mein Leben so aufzubauen, dass es als Geschichte taugen würde.“

Als Kinder lernen sie sich in den 90ern in der Stockholmer Wohnsiedlung Drakenberg kennen. Mehrfach verlieren sie sich aus den Augen, doch immer wieder begegnen sie sich im Lauf der Jahre, der Jahrzehnte. Die drei Schwestern Ina, Evelyn und Anastasia Mikkola – und Jonas, der Ich-Erzähler und fiktive Alter Ego des schwedisch-tunesischen Schriftstellers Jonas Hassen Khemiri.

Drei Schwestern und ein Ich-Erzähler

Sein neuester Roman „Die Schwestern“ ist ein dicker Wälzer mit mehr als 730 Seiten Umfang, doch Khemiri hat viel zu erzählen, was ihm auf großartige Weise gelingt. Man fliegt förmlich durch dieses berauschende Buch, durch diese vier Leben, durch diese fast 40 Jahre, die die Handlung zeitlich umfasst. Die drei Schwestern können in ihrem Aussehen, ihren Ansichten und ihrem Wesen kaum unterschiedlicher sein. Sie werden verschiedene Lebenswege gehen. Mit Jonas verbindet sie so einiges: Sie alle haben einen schwedischen und tunesischen Elternteil, wovon einer regelmäßig aus der Familie verschwindet und/oder sich kaum um die Kinder kümmert.

Jonas Vater, ein Möchtegern, der mehr sein will, als er ist, verlässt die Familie, als sein ältester Sohn 15 ist, die Schwestern haben früh ihren Vater durch Krankheit verloren, die Mutter arbeitet als Vertreterin – unter anderem für Teppiche – und zieht mit ihren drei Töchtern, die sich oft untereinander in Englisch unterhalten, ständig um. Das Gefühl, ein Zuhause zu haben, kennen sie nicht und werden es an anderen Orten suchen. Anastasia reist nach Tunesien, um Arabisch zu lernen, Evelyn kommt von einer USA-Reise nicht mehr zurück, lässt eine wichtige Schauspiel-Prüfung sausen und lebt fortan in New York.

Auch Jonas zieht es nach Tunesien, wo er seinen Vater wieder begegnen wird. Er reist über den großen Teich und lebt dank eines Stipendiums einige Zeit in Berlin. Doch immer wieder trifft er eine der Schwestern, über die ein böser Fluch liegt: All das, was sie lieben, wird ihnen genommen. Wie eng verbunden er mit den Mikkola-Schwestern ist, wird er später erfahren. Neben der Suche nach der eigenen Identität ist die Vergangenheit, die wie ein Schatten über der Gegenwart liegt, eines der großen Themen des Buches.

BEsondere Struktur des Romans

Khemiris Roman besitzt eine besondere Struktur. Er besteht aus sieben Büchern, in denen die Geschehnisse der Jahre Jahren 2000 bis 2035 in einer immer kürzer werdenden Erzählzeit – von einem Jahr bis zu einer Minute – und in wechselnden Perspektiven geschildert wird. Mal stehen die drei Schwestern im Mittelpunkt, mal berichtet Jonas von seinem Leben: von der Leerstelle, die der abwesende Vater hinterlassen hat, von Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft, von seiner ersten großen Liebe und ihrem tragischen Tod, von seiner späteren Ehefrau, vom Schreiben und der Suche nach Geschichten.

„(…) und manchmal, in äußersten Ausnahmefällen, hatte sie das Gefühl gehabt, alles ergäbe einen Sinn, und ihr Leben sei Teil einer größeren Erzählung, die mit der Vergangenheit und der unausweichlichen Zukunft zusammenhing, doch dann, als die Wirkung der Drogen in ihrem Körper nachließ, war sie wieder in ihrem eigenen Körper und bei der Zufälligkeit aller Dinge.“

Vieles aus dem Leben des Helden erinnert an das reale Leben des Autors: Khemiri, 1978 in Stockholm geboren, hat wie seine Protagonisten ein schwedisches sowie ein tunesisches Elternteil. Er studierte internationale Wirtschaft und Literaturwissenschaft in Stockholm und Paris. Sein Debüt feierte er 2003 mit dem Roman „Ett öga rött“ („Das Kamel ohne Höcker“), der sowohl für die Bühne adaptiert als auch verfilmt wurde. Hierzulande bekannter wurde er mit seinem Roman „Alles, was ich nicht erinnere“, der 2017 in deutscher Übersetzung erschien. Khemiri, mit zahlreichen Literaturpreisen wie den Per-Olov-Enquist-Preis, den August-Preis und den Prix Médicis Étranger geehrt, zählt zu den erfolgreichsten Autoren Skandinaviens. Sein Roman „Die Vaterklausel“ war für den National Book Award nominiert. Er lebt in New York, wo er Kreatives Schreiben unterrichtet.

„(…) die Menschen hatten immer Angst, über das zu sprechen, was wehtat, als glaubten sie, ihre Fragen würden einen vergessenen Schmerz zum Leben erwecken, als würden sie nicht verstehen, dass der Schmerz immer da war (…).

Khemiris Roman ist ein buntes Potpourri der Themen: In den wechselvollen Biografien der Protagonisten spiegelt sich das 21. Jahrhundert wider und die Frage nach einem sinnvollen, selbst bestimmten Leben. Immer wieder erfahren die Figuren Schicksalsschläge, Krisen und Wendepunkte im Leben. Nie hat man den Eindruck der thematischen Überfülle, das da irgendetwas zu viel wird.

Zu Beginn noch lakonisch, wandelt sich die Stimmung im Verlauf des Romans, der zunehmend dunkler und melancholischer wird. Khemiri schreibt – eindrucksvoll von Ursel Allenstein übersetzt – in einem ganz eigenen Ton sowohl lebendige knackige Dialoge als auch Bandwürmer aus gedankenvollen Sätzen, denen man trotz ihrer thematischen Sprünge ohne Mühe folgen kann. Und er schlägt Brücken zum eigenen Schreiben und erzählt selbstreflexiv von diesem Roman, der nicht mehr und nicht weniger ein großartiges, beeindruckendes Stück Literatur ist – rundum eines der Bücher des Jahres und darüber hinaus.


Jonas Hassen Khemiri: „Die Schwestern“, erschienen im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein; 736 Seiten, 26 Euro

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