„Das Leben war eine Reise, und Schmerz füllte die Segel.“
Es braucht nicht viel, um eine Hochzeit zu sprengen: ein fieses Virus, eine folgenreiche Begegnung und eine E-Mail mit einem Bekenntnis. Garrett gesteht Cece, die er erst seit wenigen Tagen kennt, mit nur wenigen Zeilen seine Gefühle. Sie ist die Verlobte seines besten College-Freundes Charlie. Das Paar aus Los Angeles plant eine idyllische Hochzeit an einem Sommertag in Montana, zu der Familie und Freunde aus allen Himmelsrichtungen zusammenkommen. Charlie kann da noch nicht ahnen, dass sein Leben und das seiner eigentlich zukünftigen Braut eine herbe Wendung nehmen wird.
Braut brennt mit Trauzeugen durch
Dies ist die Anfangskonstellation des Romans „Weißes Licht“ des US-amerikanischen Schriftstellers Eric Puchner, so dass also noch nicht allzu viel verraten wird. Ein Noro-Virus legt die halbe Hochzeitsgesellschaft lahm, während Cece, noch bevor die Ehe rechtsgültig wird, Charlie verlässt und gemeinsam mit Garrett, dem Trauzeugen, Hals über Kopf durchbrennt. Sie entscheidet sich gegen die Ehe mit einem Mediziner und für ein komplett neues Leben – mit einem Mann, der zurückgezogen lebt, für eine Billig-Airline als Gepäckabfertiger malocht und einen schwer kranken Vater zu pflegen hat. Ein schrecklicher Unfall in den Bergen und ein tragischer Verlust hatten ihn als College-Student damals komplett aus der Bahn geworfen – inklusive Suizid-Versuch und Klinikaufenthalt. Trauer wird Garretts stetiger Begleiter.

Der Leser verfolgt die kommenden Jahre und Jahrzehnte im Leben der verschiedenen Protagonisten – von Cece, Garrett und ihrer gemeinsamen Tochter Lana, aber auch von Charlie, der im Laufe der Zeit die Frauen wechselt, Vater zweier Kinder wird. Regelmäßig kommen die Jugendfreunde mit ihren Familien zusammen. Nie wird die Wut Charlie verlassen, nie die Schuldgefühle Cece und Garrett. Während er seinen Traum wahr macht und als Biologe in der Wildnis Montanas dem Leben der Vielfraße, einer bedrohten Tierart, nachspürt, führt seine Frau, die ihrem verlorenen Dasein und den vertanen Möglichkeiten nachtrauert, mehr schlecht als recht eine Buchhandlung.
Vielschichtiger Roman
Puchner wirft viele Themen in seinen zweiten Roman, der von Zeitsprüngen lebt und auf großartige Art und Weise einen besonderen Humor mit einer tiefen Melancholie verbindet. Er schreibt über Liebe und Freundschaft, erfüllte wie gescheiterte Lebensträume, über Drogensucht, die Jugend und das Altern; rundum das Vergehen der Zeit und was wir mit dieser anstellen. Nicht nur in der Erwachsenen-Generation, sondern auch mit Blick auf deren Kinder wird das deutlich. Während Lana eine Karriere zur Dokumentar-Filmerin gelingt, versinkt Charlies Sohn Jasper im Drogensumpf und strandet in einer Sekte. Das Schicksal kann ein mieser Verräter sein – auch in Dauerschleife.
„Was, wenn die Welt einen Traum hatte, der auf wundersame Weise von einem selbst handelte.“
Die brüchigen Beziehungen zwischen den Figuren stehen den Veränderungen in der Natur gegenüber. Garrett, der den großen amerikanischen Traum aus Aufstieg und Wohlstand und Schein-Glück schon als junger Mann infrage stellt, wird später Zeuge des Klimawandels und dessen dramatischen Folgen: Waldbrände, Hitzeperioden, Gletscherschmelze und der Rückgang der Tierwelt. Am Ende werden die Flammen einen idyllisch wie symbolisch aufgeladenen Ort regelrecht verschlingen. Puchners Roman lebt sowohl von den ambivalenten Innenwelten der Personen als auch von eindrücklichen Beschreibungen der zauberhaften Landschaft Montanas.
„Sie hatten einfach das gemacht, was die Leute von einem erwarteten, getrieben von der Angst vor den Konsequenzen, falls man sich sträubte. Man schloss das College ab, begann ein Medizinstudium oder fand ein Praktikum im richtigen Unternehmen, und alles Weitere ergab sich von selbst.“
Eric Puchner ist Dozent für kreatives Schreiben an der Johns Hopkins University und lebt mit seiner Frau, der Autorin Katherine Noel, und seinen zwei Kindern in Baltimore. Er ist Autor von zahlreichen preisgekrönten Kurzgeschichten und war Finalist des PEN/Faulkner Award. Zu seinen Werken zählen die beiden Erzählbände „Last Day on Earth“ und „Music Through the Floor“ sowie sein Romandebüt „Model Home“.
„Weißes Licht“, im Original „Dream State“ betitelt, ist sein zweiter Roman, der hierzulande leider bisher nur wenig Aufmerksamkeit erhalten hat. Ein typischer US-amerikanischer Familienroman, gar ein Drama, in dem alles drinsteckt an großen Themen und Fragen, das schmunzeln lässt, aber auch tief bewegt. Viele Leser sind ihm zu wünschen – und dass der Name Puchner nunmehr im Gedächtnis bleibt.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Buch-Haltung“.
Eric Puchner: „Weißes Licht“, erschienen bei hanserblau, in der Übersetzung aus dem Englischen von pociao und Roberto de Hollanda; 528 Seiten, 25 Euro
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