Oisín McKenna – „Hitzetage“

„Und natürlich denkt sie wieder über halbe Leben nach.“

Es ist Juni. Und sagenhaft heiß. In London herrscht nicht nur eine flirrende Hitze. In der Themse ist ein Wal gestrandet. Doch Maggie und ihr Partner Ed, ihr bester Freund Phil sowie dessen Bruder Callum haben mit den ganz alltäglichen Problemen zu kämpfen. Sie ist schwanger, gemeinsam planen sie ihre Zukunft als Familie, während Phil sich in seinen Mitbewohner Keith verliebt hat und Callum bald heiraten wird. In nur wenigen Tagen dreht sich ihr Leben um 180 Grad – und das ist nicht das einzig Großartige an dem vielschichtigen wie ungemein lebendigen Debüt des irischen Autors Oisín McKenna.

Vom realen Leben eingeholt

Maggie, Ed, Phil und Callum sind Anfang 30. Gemeinsam sind die Männer in Basildon aufgewachsen, alle drei sind wie Maggie mit großen Träumen und Erwartungen nach London gegangen, wo sie mehr schlecht als recht über die Runden kommen. Maggie hat trotz ihres Talents ihr Studium an der Kunsthochschule hingeworfen und kellnert, Ed jobbt als Fahrradkurier. Beide werden vom realen Leben eingeholt und wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht. Als künftige Familie wollen sie wieder zurück in die Vorstadt ziehen. Callum hingegen verschwindet dann und wann plötzlich und dealt mit Drogen. Doch eine besondere Beobachtung, die Phil in einer Bahnhofstoilette macht, bringt die sicheren Pläne ins Wanken, denn Ed hat vor Maggie das eine oder andere Geheimnis.

Und auch in Phils Leben stehen Veränderungen an. Seine Wohngemeinschaft, die in einer abrissreifen Lagerhalle halbillegal mehr haust denn lebt, soll aufgelöst werden, weil eine Zwangsräumung droht. Für seinen Mitbewohner Keith, der bereits eine Beziehung führt, hegt er tiefe Gefühle. Nach einer letzten Party und einer dramatischen Nachricht von Phils Mutter ist nichts mehr wie es einst war.

Viele Themen – vom Klimawandel bis zur Migration

Für dieses Kippen der Lebensumstände seiner Figuren lässt sich McKenna viel Zeit, wenngleich der Roman von nur wenigen Tagen im Juni 2019 handelt. Erst am Ende werden die Folgen sichtbar. Zwischendrin hat der Ire indes viel zu erzählen. Es gibt kaum ein aktuelles Thema, das er nicht irgendwie streift wie Klimawandel, Migration und Pop-Kultur, arm versus reich, Stadt versus Land, wobei letztlich zwei große Themen sich durch das ganze Buch ziehen. Es geht um Zukunftsängste in einer fragilen Welt und die Erwartungen an das eigene Leben, mit dem man sich von dem der Eltern unterscheiden will, aber letztlich ähnliche Bahnen einschlägt. Und es geht um fehlende Kommunikation in allen Beziehungen – zwischen Liebenden, zwischen Freunden, zwischen Eltern und Kindern.

„Sie schließt die Augen und erinnert sich an Soho im Frühling, an die Nächte, daran, wie sie sich wünschte, die Stadt würde sie in einen mythischen Vogel verwandeln.“

Anhand von Phil zeigt McKenna indes die Folgen eines Traumas aus der Kindheit auf. In der Schule wurde er wegen seines Schwulseins drangsaliert. Als Jugendlicher wird er von einem Fremden missbraucht. Sex war für ihn immer nur Sex, meist schnell und hastig hinter sich gebracht. Bis seine Gefühle für Keith wachsen und er sich die Frage stellen muss, welche Form von Beziehung er möchte. Seine eigene queere Identität sucht er lange.

Und auch die Elterngeneration findet im Roman ihren festen Platz und wird mit viel Hingabe porträtiert: Da ist Eds Mutter Joan, die nach dem Tod ihres Mannes mit der Einsamkeit kämpft, täglich im Sessel vor dem Haus sitzt, da ist Rosaleen, die es einst von Irland nach London verschlagen hatte, eine traurige Diagnose erhält und sich nicht traut, ihren Söhnen davon zu erzählen. McKenna bringt die Leser nah an seine Figuren, die er tiefgründig mit all ihren Wünschen und Hoffnungen, aber auch mit ihren Zweifeln zeichnet.

Metropole als Sehnsuchtsort

McKenna, geboren 1991, aufgewachsen im irischen Drogheda und heute in London zu Hause, hat bisher zahlreiche Theaterstücke und Essays geschrieben. Die Irish Times bezeichnete ihn 2017 als einen der besten Spoken-Word-Künstler des Landes. Für seinen Debütroman „Hitzetage“, im Original unter dem Titel „Evenings and Weekends“ bereits 2022 erschienen, erhielt er das Next-Generation-Stipendium des Arts Council of Ireland (2020) und den London Writers Award (2022).

„Die Vorstellung, an einem Ort zu leben, der sich wie ein echtes Zuhause anfühlte, war ein dermaßen abstraktes Konzept, dass er nicht glaubte, es zu Lebzeiten jemals verwirklichen zu können.“

„Hitzetage“ ist ein Roman, der in eine pulsierende Metropole führt, deren Sog als Sehnsuchtsort unzähliger Menschen man kaum entrinnen kann. McKennas Sprache ist frisch, poetisch, sein Debüt überzeugt mit lebendigen Dialogen, streut immer wieder in der Kommunikation der Protagonisten Social-Media-Nachrichten ein. Neben einer gewissen Melancholie fehlt es dem Roman nicht an Witz, wenn beispielsweise von einer Meeresbiologin erzählt wird, die äußerlich an Lady Di erinnert und scherzhaft den Namen Princess of Whales erhält.

Der gestrandete Wal erscheint letztlich als schlechtes Omen. Nicht alle Veränderungen gehen für die Figuren gut und glücklich aus. Denn auch Abschiede und Trauer gehören zum Leben. Eine Lektion, die die jungen Menschen noch erfahren müssen. McKennas Debüt ist ein großartiges weil mitreißendes Porträt dieser Generation und der jüngeren Vergangenheit. Große Empfehlung!


Oisín McKenna: „Hitzetage“, erschienen im Residenz Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser und Alexandra Titze-Grabec; 360 Seiten, 26 Euro

Foto von Mick Haupt auf Unsplash

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