Die Zeitung – "Gefällt mir"

Im Kollegenkreis gibt es einen kleinen Reim, der die besondere Rolle der Zeitung auf den Punkt bringt: Zeitung lesen, dabei gewesen, Diese vier Worte fallen meist ironisch, wenn einer mal nicht auf den neuesten Stand ist. Dass der Spruch nun auch angesichts der herrschenden Präsenz von Facebook weiterhin Gültigkeit hat, verblüffte mich unlängst. Die bekannte Community nutzten wir, um über ein hier in Naumburg heiß diskutiertes Thema noch einmal zu berichten. Im Mittelpunkt stand der Text einer Kranzschleife zum Volkstrauertag mit den Worten „Wir gedenken der gefallenen Helden“. Hoch schlugen die Wellen der Empörung bei der Partei Die Linke. Doch ein Landtagsabgeordneter musste schließlich klein beigeben, als er die Zeitung aufschlug. Die Reaktionen auf seinen Facebook-Eintrag  las er dort zuerst, musste er freimütig gestehen – natürlich auf Facebook. Uns hat’s gefreut. Wurden wir doch eher registriert als die schnelllebigen und auch meist schnell hingetippten Meinungen und Einträge.

Und ist es nicht auch so, langsam wird’s zu viel. Es blinkt und piept nur noch, wenn Kommentare per Mail angekündigt werden. Die neuen Postings (ein schönes Wort, wenn man an die Behäbigkeit der Post denkt) sind oft so inhaltsleer, so ohne Aussage. Was bitte schön mache ich mit Einträgen über das gerade absolvierte Frühstück eines anderen, über Kopfschmerzen nach einem Saufgelauge – den virtuellen Salzstreuer oder die virtuelle Aspirin reichen? Wir kreieren Datenmüll und freuen uns noch darüber; das zeigen wir auch an mit einem „Gefällt mir“ auf das „Gefällt mir“. Leider sind gute Einträge Mangelware, wie kluge Kommentare in einer Diskussion, ein interessanter Link auf ein wirklich interessanten Beitrag oder eine richtige Antwort auf eine ernst gemeinte Frage.
Wir brauchen uns nicht zu beschweren, angesichts jener Zeit, die wir auf den Bildschirm glotzend vergeuden und uns etwas widmen, das dabei wenig Bedeutung für unser Leben hat. Und da ist die Zeitung wiederum im Vorteil. Sie hat einen bestimmten Umfang an Seiten und sie fordert auch kein Klick auf den „Gefällt mir“-Button, vielmehr Konzentration auf’s Lesen und ein Thema. Und sie raschelt so schön.

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