Wer A sagt, muss nicht E sagen!

Sie werden lauter, übertönen sogar das romantische Seitenrascheln, gerade jetzt mit der diesjährigen Buchmesse Leipzig, dem größten Lesefestival Europas: Die Diskussionen über Sinn und Unsinn, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der E-Books geschehen meist im virtuellen Raum. Es macht klick, klick, klick… und schon findet man einen, zwei, drei… Text(e), ob objektive Bestandsaufnahme oder subjektive Glosse in den Online-Ausgaben der Zeitungen und Zeitschriften oder den allseits beliebten Blogs.

Wie glücklich war ich dann in einer Literatur-Beilage zur Messe einen wunderbaren Kommentar des amerikanischen Autors  T.C. Boyle zu lesen:  Er pflege zwar seine eigene Homepage – besser gesagt sein erwachsener Sohn, aber das E-Book erscheine ihm suspekt und leblos. Und auch mir kommen Zweifel. Wie reagieren E-Books bei Kaffeeflecken? Gibt es E-Book-Eselsohren? Wie gestalten sich Bahnfahrten, wenn man die aktuelle Lektüre des Gegenübers mit Hilfe des Buchumschlages nicht mehr erkennen kann? Wird  das E-Book gelb bei Reclam-Ausgaben? Wie viele E-Books passen in ein Billy-Regal? Wird der Energieverbrauch zunehmen? Wird ein Krimileser Amok laufen, wenn kurz vor der Auflösung des Falles sein E-Book den Geist aufgibt? Bekommt man einen elektrischen Schlag, wenn man im Bett über ihm einschläft?

Nun aber mal im Ernst: Verlieren wird nicht mit diesem Gerät und den digitalen Angeboten ein besonderes Erlebnis? Das haptische Erlebnis, wenn man ein Buch in die Hand nimmt, über das Papier streicht, die Seiten umblättert? Welchen Reiz haben Wohnungen, in denen kein einziges Buchregal steht, vielleicht dafür ein größerer Flachbild-Fernseher an der leer gewordenen Wand hängt?

Sicherlich erscheint das E-Book auf den ersten Blick praktisch. Im Urlaub oder auf einer längeren Bahnreise passen viele Bücher in ein einziges und seien es noch die dicksten. „Krieg und Frieden“ und „Die Elenden“ werden zu Leichtgewichten. Die Zeiten der schweren, mit Urlaubslektüre gefüllten Koffer könnte so ein Ende haben. Doch verführt dieses Gerät nicht wie beispielsweise seine modernen Brüder mp3-Player und x-GB-Kamerachip zu einem riesigen Haufen digitaler Daten, die sich rasant anhäufen. Wer hat denn wirklich noch einen Überblick über seine Fotos oder seine Musikdateien? Liegt in der Flut digitaler Einheiten nicht auch eine gewisse Gier zu raffen? Gut, ein Buch muss wie auch ein Musikalbum erworben werden, aber wie wenig bezahlt man heute für ein Werk einer Band, eines Sängers? Amazon bewirbt unzählige Alben mit Preisen unter fünf Euro. Wir beginnen Kunst und Kultur zu verramschen, und die Aura eines Originals verblasst.

Mein Lieblingsbuch bleibt ein gebundenes, egal ob nun mit oder ohne Kaffeeflecken. Und es würde mir weh tun, es zu verleihen und nie mehr wieder zu sehen, weil es ein sichtbarer und fühlbarer Teil von mir ist, der mich geformt hat, wie ich ihn – und sei es nur durch Eselsohren und mit Bleistift verfassten Anmerkungen auf den Seiten.

Foto: birgitH/pixelio.de

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