Traumatlas – David Mitchell "Number 9 Dream"


„Vertraue nicht darauf, was du denkst. Vertraue darauf, was du träumst.“ 

 Eiji Miyake verschlägt es nach Tokio. Der 19-Jährige ist auf der Suche nach seinem Vater, der ihn kurz nach der Geburt im Stich gelassen hat. Jahre sind seitdem vergangen, der tragische Tod seiner Zwillingsschwester Anju genauso wie die letzte Begegnung mit Eijis Mutter. Doch die Suche gestaltet sich schwierig: Tokio ist eine Millionen-Metropole, durchzogen von Betonpisten und U-Bahn-Röhren, und das plötzliche Auftauchen des Jungen ist alles andere als erwünscht. Eine Kollegin des Vaters und dessen derzeitige Frau versuchen mit allen Mitteln, ein Treffen beider zu verhindern.
Sein Job in einem Fundbüro, seine Gitarre, auf der er Lennon-Songs spielt, die Freundschaft mit seinem Vermieter Buntaro, Besuchen in Spielcasinos und seine Träume halten ihn „über Wasser“, um in diesem technokratischen Moloch und Ameisenstaat, in der auch noch drei Mafiabosse sich gegenseitig ausradieren, nicht unterzugehen.

Das kleine, wie große Wort „Dream“ findet sich deshalb auch im Titel des Romans „Number 9 Dream“ von David Mitchell wieder, der bereits drei Jahre vor seinem Bestseller „Der Wolkenatlas“ veröffentlicht wurde. Beide Bücher ähneln sich, ohne damit ihren ganz eigenen Reiz zu verlieren. Denn in beiden spinnt  der Engländer mehrere Fäden, verknüpft mehrere meist wundersame Geschichten miteinander. Da sind zum einen die zahlreichen Träume des Jungen als Spiegel seiner Erlebnisse, Wünsche und Hoffnungen, die schier ineinander fließen. Zum anderen wird eine fantatische Geschichte mit den Abenteuern rund um einen schreibenden Ziegenbock (wie herrlich sein Name – Goatwriter) sowie dessen beide Mitbewohner eine Henne und einen Urmenschen sowie das Tagebuch von Enjis Großonkel eingebunden, der wenige Monate vor Kriegsende als Besatzungsmitglied und Selbstmordattentäter der Kaiten-Torpedo-Flotte während eines Angriffs auf einen Marinestützpunkt der Alliierten sein Leben ließ.

Trotz dieser zahlreichen Charaktere in vielen kleinen Nebenhandlungen bleibt der Fokus auf Enji gerichtet. Er ist ein Held, nicht nur mit Blick auf seine Rolle als Hauptperson des Buches. Der junge Mann überlebt seine Begegnungen mit der Yakuza, der japanischen Mafia, für die ein Menschenleben nicht viel wert ist, genauso wie die zahlreichen Rückschläge bei der Suche nach seinem Vater. Doch trotz all dieser lebensgefährlichen beziehungsweise ernüchternden Erlebnisse hat Enji auch Freunde an seiner Seite. Allen voran Ai, Bedienung in seinem Stammcafé und Musikstudentin, in die er sich verliebt.

In vielen Szenen des Buches zieht man Vergleiche mit den Romanen von Haruki Murakami in denen ebenfall die Grenzen zwischen der erzählten Fiktion einer durchaus realen Story und einer zweiten,  fantastischen Ebene verschwimmen. Mit diesem Vergleich kann man mit reinem Gewissen nicht nur dieses Buch von Mitchell empfehlen. Nein, man sollte es preisen als einen ungewöhnlichen und fesselnden Roman, der nicht nur Unterhaltungswert besitzt, sondern mit seinen zahlreichen Anspielungen, gesellschaftstkritischen Anmerkungen und einer hochpoetischen Sprache vor allem eines abverlangt: Geist.   

Der Roman „Number 9 Dream“ von David Mitchell erschien als Taschenbuch im Rowohlt-Taschenbuch-Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Volker Oldenburg.
544 Seiten
Preis: 12,99 Euro