Lindsey Lee Johnson – „Der gefährlichste Ort der Welt“

Sie ist eine der beliebtesten Fotomotive in den USA, doch tragischerweise auch ein bekannter Ort, an dem Menschen ihrem Leben ein Ende setzen wollen: die Golden Gate Bridge in San Francisco. An einem sonnigen Junitag in den Morgenstunden kurz nach dem Aufstehen radelt Tristan Bloch zur Brücke. Mit einem letzten Gedanken an seine Mutter und „ohne jeden Schmerz, ohne jede Traurigkeit“ stürzt er sich in die Tiefe. Die Küstenwache findet später seine Leiche. Tristan ist gerade mal 13 Jahre alt, von den anderen Schülern an seiner Schule belächelt und Opfer einer fiesen Mobbing-Intrige.  Sein Tod wird bereits auf Seite 53 des Romans „Der gefährlichste Ort der Welt“ erzählt. Wer glaubt,  dass in dem Buch die amerikanische Autorin Lindsey Lee Johnson damit schon alles geschildert hat, der irrt gewaltig. Denn mit diesem tragischen Ereignis fängt die Geschichte erst an, ihre eindrucksvolle Wirkung zu entfalten. 

Eindrucksvolles Debüt

Lobeshymnen begleiteten die Zeit nach dem Erscheinen des Buches. Sowohl in den USA als auch mit der deutschen Übersetzung hierzulande. Sehr ans Herz gelegt wurde es mir von Buchbloggerin Brigitte von Freyberg von „Feiner reiner Buchstoff“. Nach den ersten rund 50 Seiten suchte ich nach den Gründen – und fand sie nicht. Interessante Storys von Jugendlichen und jungen Menschen an High Schools oder Colleges gibt es bekanntlich so einige. Die Wahl des Themas ist also nicht wirklich innovativ zu nennen. Zudem empfand ich die ersten Szenen wie ambitionierte Beispiele aus einem Kurs für Kreatives Schreiben. Die Handlung, die Personen, die Orte – jeder Satz ist reich an Adjektiven, um eine gewisse Bildhaftigkeit zu erzeugen. Doch ehe jetzt einige mit dem fragenden Gedanken „warum soll ich dann dieses Buch lesen“ diese Blog-Besprechung wieder wegklicken, möchte ich betonen, wirklich betonen: Johnsons Debüt ist sagenhaft gut!  Weil es mich ergriffen und erschüttert hat und weil es beweist, dass Bücher auch die Geduld des Lesers zu Recht einfordern.

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Warum es nach den eben bereits erwähnten 50 Seiten diesen Bruch gibt, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Es wird am Ende des Romans erklärt. Nur soviel: Die Handlung besteht aus zwei Teilen, rechnet man den Prolog, eine Dokumentation, die Tristan Bloch im Fach Sozialkunde über seinen Heimatort geschrieben hat, mit ein, sind es sogar drei Teile. Apropos Heimatort: Die Handlung spielt in dem kleinen Städtchen Mill Valley, das sich nur wenige Kilometer von San Francisco befindet. Rund 14.000 Menschen leben hier. Bekannt geworden ist die Stadt durch ihr Filmfest, die tolle Lage zwischen der Richardson Bay und dem Mount Tamalpais und einer besonderen Ehrung:  Das Smithsonian Magazine kürte Mill Valley im Jahr 2012 in Sachen Lebensqualität zur viertbesten Kleinstadt in den USA. Die besondere Lage, das milde Klima, nur wenig Kriminalität und eine sehr gut situierte und gebildete Bürgerschaft machen es möglich.

Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten, es gibt das Paradies und eben auch die Hölle, heißt es nicht umsonst. Es ließe sich so gut leben in Mill Valley. Doch vor allem die vom Wohlstand ihrer Eltern verhätschelte Jugend führt ein Leben ohne Grenzen, gespickt mit unzähligen Abgründen und verzweifelten Versuchen, dem normalen Alltag zu entfliehen. Abigail verliebt sich blindlings in einen Lehrer und verliert sich in einer Affäre. Dave lässt Kumpel Nick den nötigen Test für den Sprung aufs College schreiben. Ein beträchtlicher Teil seiner Ersparnisse aus dem Geld von Geburtstagen und Weihnachten, das er durch ein Verbot seiner Eltern nicht ausgeben darf, geht dabei drauf. Und dieser Betrug ist nicht Nicks einzige Einnahmequelle: Er dealt auch mit Drogen. Und er ist es auch, der Elisabeth, Tochter einer Künstlerin, überredet, eine rauschende Party in der Villa ihrer Mutter zu geben – mit ungeahnten Folgen für das stattliche Haus samt mondäner Ausstattung und einigen Partygästen.

„Dieser Ort war so speziell, in seiner Schönheit und seinen Beschränkungen, dass kein anderer Ort ihnen wirklich stimmig erscheinen würde. Sie konnten nicht vergessen, dass diese Welt für sie geschaffen worden war, dass sie in dieses perfekte Nest hineingeboren worden waren, und trotzdem hatten sie darauf bestanden, unglücklich zu sein. Hatten auf dem Dunkel beharrt.“

Die Jugendlichen, deren Leben fünf Jahre nach Tristans Freitod erzählt wird, erscheinen sowohl Täter als auch Opfer zu sein. Sie zerstören, kiffen, trinken, betrügen, lügen. Sie versuchen, ihrem Leben einen Sinn zu geben – ohne die notwendige Liebe ihrer Eltern, ohne eines ernst gemeinten Zuspruchs. Ihr Alltag besteht aus Sex, Drogen und Partys. Und alles wird sogleich der Welt via Facebook, Instagram und Snapchat mitgeteilt und für Kommentare freigegeben. Auch so ist schließlich die gegen Tristan geführte Mobbing-Intrige entstanden. Die fehlende Aufmerksamkeit der Eltern wird durch die Resonanz im Web kaschiert, ohne wirklich einen Ersatz bieten zu können. Jeder der jugendlichen Helden wird früher und später auf irgendeine Art verwundet, macht er Erfahrungen, die man keinem Kind zumuten würde. Auch von so manchem Schicksalsschlag. der das Leben fortan auf den Kopf stellt, wird erzählt. Und immer wieder gehen ihre Gedanken auch zurück zum Freitod ihres Mitschülers.

Nur wirtschaftlicher Reichtum

Johnson blickt damit hinter die Kulissen einer Welt, die nur den rein wirtschaftlichen Reichtum kennt, und erschafft ein schmerzvolles und dramatisches Porträt einer Jugend in einer amerikanischen Kleinstadt. Eingesperrt in den Kokon des Luxus, erfahren sie in schwierigen Momenten keine Hilfe der bereits lebenserfahrenen Eltern und Lehrern. Vielmehr erleben beide Seiten Sprachlosigkeit. Selbst Kinder und Eltern sind sich gegenseitig fremd. Ob dieser Zustand nur konkret auf eine Kleinstadt wie Mill Valley oder auch allgemein auf die heutige Jugend aus gutem Hause und damit verwöhnt anzuwenden wäre und welche Folgen die digitale Welt auf das soziale Leben mit sich bringt, dieses interessante wie facettenreiche Gedankenspiel kann sich der Leser durchaus annehmen. Und auch darin liegt die tiefgründige Wirkung des Buches, das durchaus auch Lesestoff in Schulen bieten würde.

Um noch einmal auf die Golden Gate Bridge zurückzukommen: 2014 wurde entschieden, die Brücke mit Fangnetzen auszurüsten. Ob dies jedoch die Zahl der Freitode verringern wird, ist fraglich. Wer aus dem Leben scheiden will, findet eine andere Möglichkeit. Es braucht andere Mittel, um Menschen vor der letzten ihrer Entscheidungen zu schützen.


Lindsey Lee Johnson: „Der gefährlichste Ort der Welt“, erschienen in der dtv Verlagsgesellschaft, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum; 304 Seiten, 21 Euro

Foto: pixabay