Heilung – Amy Liptrot „Nachtlichter“

„Es dauert seine Zeit, eine starke Mauer zu bauen.“

Sie sind nicht so sehr bekannt wie die in der Nachbarschaft liegenden Shetlands, berühmt für die gleichnamige robuste Pony-Rasse. Und sicherlich stehen die Orkney-Inseln, nordöstlich von Schottland und auf dem Längengrad wie Südgrönland gelegen, nicht unbedingt auf der Liste der beliebtesten Reiseziele. Denn allzu rau ist das Klima, sind einige der rund 70 Eilande der Inselgruppe nur spärlich oder gar nicht besiedelt. Wer hier wohnt oder dorthin reist, muss mit dem Norden verwurzelt sein. Die Journalistin und Autorin Amy Liptrot ist hier aufgewachsen. In ihrem Buch „Nachtlichter“ erzählt sie von ihrer Heimat und ihrer Rückkehr nach zehn Jahren in London – vor allem aber von einer besonderen Heilung. 

Denn die Britin verfällt bereits in jungen Jahren dem Alkohol, der ihr ständiger Begleiter wird. Schon im Alter von 18 Jahren verschlägt es sie nach London – mit wenig Gepäck, aber mit einem Strauß an Zukunftsplänen, Hoffnungen, Wünschen und Träumen. Doch die pulsierende Metropole, ein herber Kontrast zur auf den ersten Blick einsamen Inselwelt, ist kein einfaches Pflaster. Die Mieten sind hoch, hart ist die Konkurrenz im Journalismus, den die junge Frau für sich entdeckt hat. Und es lauern viele Fallen. Liptrot gleitet ab in einen unstetigen Lebenswandel, in dem Drogen, allen voran der Alkohol, zunehmend ihren Alltag bestimmen. Der Ausstieg aus diesem Teufelskreis soll mit einer mehrmonatigen Entzugstherapie sowie anschließend mit dem kompletten Rückzug in die Heimat gelingen.

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Obwohl es die vertraute Heimat ist, gestaltet sich der Weg aus dem Alkoholsumpf steinig: Nicht umsonst sind die Rückfall-Quoten nach Therapien oft hoch. Allzu verlockend ist auch für Liptrot der Gedanke an ein Bier am Abend, ein Drink zum Feiern. Hinzukommen die schmerzvollen Gedanken an die psychische Erkrankung ihres Vaters, die Trennung ihrer Eltern. Und ein Schlückchen eignet sich prima, um sich zu betäuben, die dumpfen Gedanken einfach wegzuspülen. Doch Liptrot macht in der ihr bereits bekannten Welt Entdeckungen, die sie prägen, körperlich wie seelisch formen: Sie arbeitet für eine Vogelschutz-Organisation und lernt dadurch die reiche Vogelwelt der Inseln kennen. Im Winter lebt sie zurückgezogen in einem Cottage auf der Insel Papa Westray. Sie schwimmt im eiskalten Meer, beobachtet Merry Dancers, wie das Nordlicht auf der Inselgruppe genannt wird. Sie lernt, dass die einfachen und unauffälligen Dinge kostbar sind und ein Leben reich machen. Die Tage, Wochen und Monate, in denen sie trocken ist, abstinent lebt, zählt sie mit Stolz, aber auch mit einer gewissen Furcht. Sie weiß um die Nähe zum Abgrund.

„Vielleicht ist es genau das, denke ich, ein täglicher Kampf, und mein kleines, vorsichtiges Leben ist das sogenannte Wunder.“

Dieses autobiografische Werk mit seinen kraftvollen wie leisen Tönen erstaunt in vielerlei Hinsicht: Liptrot berichtet sowohl auf drastische Weise über den fürchterlichen Abstieg und die hinterhältige Seite der Sucht, die sie fortan ein Leben lang begleiten wird, als auch voller Poesie von der zwar kargen, aber trotzdem malerischen Landschaft, von den steilen Klippen, von der Kraft des Windes und des Meeres, die gemeinsam die Inseln seit Jahrtausenden formen und die Einwohner vor Herausforderungen stellen. Dabei erinnert Liptrots Band ein wenig an „H wie Habicht“ ihrer Landsmännin Helen Macdonald. Beide Autorinnen suchen und finden in der Natur Kraft für ihre Heilung, beide sind seelisch verwundet. Macdonald infolge des überraschenden Todes ihres Vaters, Liptrot durch ihre Alkoholsucht und die problematischen Familienverhältnisse. Und beide vermitteln nicht nur ihre Gedanken und Gefühle in einer bemerkenswerten Offenheit und Ehrlichkeit, sondern auch reiches Wissen. Liptrot stellt die Besonderheiten ihrer Heimat vor, geografische wie auch jene der Flora und Fauna. Interessant sind auch ihre Ausführungen zur Geschichte sowie den Mythen und mythische Gestalten. Zudem geht die Autorin auf die aktuelle Situation auf den Inseln ein, wie sie trotz ihrer Abgelegenheit und Kargheit durch das Internet und damit den Anschluss an die große weite Welt attraktiv für neue Bewohner sein können. 

Das Buch „Nachtlichter“, für das die Autorin den  Wainwright Prize for Best Nature and Travel Writing sowie den PEN Ackerley Prize für autobiografisches Schreiben erhielt, ist ein Buch, das berührt und ergreift wie es sogleich einen – mich eingeschlossen – dazu animieren kann, sofort eine Reise zu buchen und die Koffer zu packen. Mich würde es nicht wundern, wenn dank dem Werk der Tourismus auf den Orkneys einen kleinen Boom erlebt. Und dann gibt es noch eine weitere Hoffnung: Dass das Buch für das Thema Alkoholismus sensibilisiert. Denn allzu sehr wird das Trinken verherrlicht, die Schattenseiten des übermäßigen Alkoholgenusses belächelt, stehen die Suchtkranken in der Öffentlichkeit im Abseits, sind ihre Erfahrungen ein Tabuthema. Dabei braucht die Heilung nicht nur den Willen des Kranken und eine medizinisch-fachliche Unterstützung und Betreuung, sondern auch ein geeignetes Umfeld und Rückhalt.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „literaturleuchtet“ und „Lobe den Tag“.


Amy Liptrot: „Nachtlichter“, erschienen im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Bettina Münch; 352 Seiten, 18 Euro

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