Sascha Reh „Aurora“

„Die möglichen Formen eines einzelnen Schneekristalls sind zahlreicher als die Atome im gesamten Universum.“ 

Bornholm – die dänische Ostsee-Insel, nur 80 Kilometer von Rügen entfernt. Rund 40.000 Menschen leben hier. Selbst für skandinavische Verhältnisse bedeutet das so etwas wie Provinz. Das bekommt Ole zu spüren, ein bis vor Kurzem noch angesehener Lokalreporter aus der Hauptstadt Kopenhagen – mit eigener Kolumne wohlgemerkt. Doch sein Ruhm ist verblasst, sein Stern am Sinken, er wird kurz vor Weihnachten für eine Recherche nach Bornholm entsendet. Denn dort braut sich etwas zusammen; genauer gesagt wird ein Schneesturm erwartet. Und haste nicht gesehen, findet sich der Journalist mit dem Soldaten Eric und der Hebamme Tamara an Bord eines Panzers des dänischen Heeres auf dem Weg zu einer schwangeren Frau. Vorhang auf für die ungewöhnliche Tragikomödie, die im neuen Roman „Aurora“ von Sascha Reh ihren Lauf nimmt.

Jeder mit Geheimnissen

Was alle drei nicht wissen – jeder von ihnen hat eine Schwäche, eine Wunde, die erst in den Gesprächen so nach und nach ans Tageslicht kommt. Geschickt versucht jeder, diese zu verbergen, eine Maske aufzuziehen, taff zu wirken. Es gelingt indes nicht. Selbst Ole kann mit seiner Arroganz seine familiären Probleme und seine Einsamkeit nicht unter den Tisch kehren. Tamara muss sich als Frau und Muslimin behaupten, ihre ungleiche Beziehung zu ihrem Mann Jasper ist nicht frei von Schwierigkeiten und Spannungen. Geheimnisse hat auch Eric. Denn warum fährt er allein den Panzer, wenn immer zwei an „Bord“ sein sollten und warum ist das zusammengewürfelte Trio unterwegs zu einer Frau, deren Kind erst in einigen Monaten auf die Welt kommen soll?

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Infolge der Eiseskälte und der Kraft des Sturmes spitzt sich die Handlung zu, stellt sich der Roadtrip auf Panzerketten und auf engstem Raum als nicht gerade ungefährlich heraus, kommt es auch zu teils bizarren Szenen und überraschenden Wendungen. Zugleich bekommt jede Person eine eigene Vorgeschichte, werden verschiedene Sichten auf den jeweiligen Charakter deutlich, je nachdem wie Haltung und Stimmung der anderen Protagonisten sind. Sogar das Verhältnis des Lesers zu den Personen kann sich mit fortlaufender Lektüre ändern. Selbst im Lokaljournalismus tätig, war mir der rüde, belehrende und anmaßende Ton Oles, ein Großmaul par excellence, einfach zuwider.  Doch ein klein wenig Mitgefühl stellte sich allmählich bei mir ein. Denn selbst jener, der stets auf andere herabschaut, hat eine bittere Lektion erfahren müssen, die ihn schmerzt und die ihn eine Spur menschlicher wirken lässt.

„Tatsächlich war mit einem Mal so einiges seltsam. Draußen tobte ein Wintersturm, und sie saßen hier drinnen wie in einem Isolationstank für ausgebrannte Manager. Nichts war zu hören, weder von draußen noch von Eric, als das laute Röhren des Antriebs.“

Doch „Aurora“ – der Titel verweist nicht nur auf das einzigartige wie eindrucksvolle Nordlicht – bereitet keine düstere Lektüre. Vielmehr spielt der Humor eine nicht unwesentliche Rolle, ist er selbst ein irgendwie unsichtbarer Held und – um mit militärischem Jargon zu sprechen – an vorderster Front dabei. Wie sich Ole, Tamara und Eric dank klugem Wortwitz und herrlich schrägen Dialogen regelrecht „zoffen“ und einen vermutlich unfreiwilligen Beitrag im Kampf der Geschlechter ausfechten, um in Phasen der Stille sich zurückzuziehen, Wunden zu lecken und Frieden zu schließen, amüsiert ungemein.

Spannung verpufft

Zeichnet sich dieses dicht gestrickte und zudem psychologisch interessante Kammerspiel durch einen feinsinnigen Nervenkitzel aus, verpufft leider die Spannung vor dem Abschluss der Handlung. Für die ganz spezielle Weihnachtsgeschichte hätte ich mir ein anderes, packenderes Ende, eine Art i-Tüpfelchen, gewünscht. Und auch die abrupte Annäherung von Tamara und Ole erschien mir zwar real, aber zugleich etwas übertrieben. Trotz allem erweist sich Sascha Rehs nunmehr vierter Roman als ein herrliches Lesevergnügen, das jedenfalls bei mir das Interesse auf Bornholm geweckt hat, wenngleich ein Wintersturm vielleicht dann doch etwas zu viel des Guten wäre.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Leseschatz“.


Sascha  Reh: „Aurora“, erschien im Schöffling Verlag; 184 Seiten, 20 Euro

Foto: pixabay

2 Gedanken zu „Sascha Reh „Aurora““

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