Steven Price – „Die Frau in der Themse“

„Geister kann man nicht einfangen.“

Was sie sich wohl erzählt hätten, wenn sie sich damals in London begegnet wären? Der berühmte Detektiv Sherlock Holmes und sein Kollege William Pinkerton. Hätten sie sich über das schlechte Wetter, die neblige und stets im Dunst liegende Stadt oder über die modernen Möglichkeiten, Kriminelle dingfest zu machen, unterhalten? Leider fand diese Begegnung niemals statt. Bekanntlich ist und bleibt Holmes eine Kunstfigur und Schöpfung des legendären Autors Arthur Conan Doyle. Doch Pinkerton hat es wirklich gegeben. Er ist einer der beiden Hauptfiguren im Roman „Die Frau in der Themse“ des Kanadiers Steve Price – ein spannender vielschichtiger Schmöker at its best!

Wer ist Edward Shade?

Das Buch nimmt den Leser mit auf vier Kontinente und eine besondere Zeitreise. Es führt zurück in das 19. Jahrhundert, konkret in die 1860er- sowie 1880er-Jahre. Alles beginnt, als die furchtbar zugerichtete Leiche einer jungen Frau gefunden wird, ihre Körperteile werden an verschiedenen Orten entdeckt. Pinkerton glaubt, dass es sich um die umtriebige Gaunerin Charlotte Reckitt handelt. Er hatte sie verfolgt, worauf sie in die Themse gesprungen ist, um sich seinem Zugriff zu entziehen. Von ihr hatte er Informationen erhofft bezüglich eines besonderen Mannes, zu dem bereits sein Vater, Allan Pinkerton, Begründer der ersten Privatdetektei in den USA, ein besonderes, indes rätselhaftes Verhältnis pflegte. Wer war dieser Edward Shade, den Pinkerton senior so besessen, gar verzweifelt bis zu seinem Tod gesucht hat? Von dem man sich sagt, er wäre ein genialer Dieb und Betrüger.

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In London trifft Pinkerton junior, der in Amerika Frau und Kinder zurückgelassen hat, auf Adam Foole, in dessen Gefolgschaft sich ein großer Mann und ein junges Mädchen befindet. Auch Foole will Charlotte, seine frühere große Liebe, mit der er einst in Südafrika einen Coup gelandet hat, finden. Dafür hat auch er einen Ozeandampfer für die Reise von Amerika nach England bestiegen. Doch weder er noch der junge Pinkerton ahnen zu Beginn, dass ihre beiden Leben auf besondere Weise miteinander verbunden sind. Sie wissen nicht mehr, dass sie sich einst während des amerikanischen Bürgerkriegs, als Pinkerton senior eine Spionage-Abteilung führte, begegnet waren.

„Londons Nebel, der graue Fluss, die kalte und nagende Einsamkeit der Straßen, all das setzte ihm auf einmal zu. Er spürte etwas in sich aufsteigen, eine vertraute Dunkelheit.“

Price‘ Roman ist ein vielschichtiger Roman voller Wendungen. Nicht nur den Mord der jungen Frau will Pinkerton an der Seite eines kleinen Ermittler-Teams von Scotland-Yard, bestehend aus Chief Inspector Shore, Inspector Blackwell und den Gerichtsmediziner Breck, aufklären. Pinkerton sucht nach Shade und spioniert zudem Foole, der erneut ein besonderes Verbrechen plant, nach. Dafür streift er durch die nebeligen Straßen und Gassen Londons, steigt dann und wann sogar in die Kanalisation ab. Dabei trifft er auf einstige Spione seines Vaters sowie dunkle Gestalten.

Dämonen der Vergangenheit

Es ist die Zeit der Pferdekutschen, der Botenjungen, der Laternenanzünder und Gaslampen, der ersten Fotos sowie den Anfängen der Kriminalpolizei, die Spuren sammelt und auswertet, um den Täter zu finden. Price entwirft eindrucksvolle und bildhafte Szenerien. „Die Frau in der Themse“ erweist sich indes nicht nur als ein Kriminalroman. Erzählt wird zugleich von der wechselvollen teils tragischen Vergangenheit der beiden Helden, was sie erlebt und erlitten haben, welche Dämonen sie verfolgen, welche Erlebnisse sie unweigerlich geprägt haben. Zugleich umgeben charismatische, teils skurrile Gestalten die beiden Hauptfiguren.  Erinnerungen an den großen Charles Dickens, der im Übrigen auch Erwähnung findet, kommen auf. Price, der 1976 geboren wurde und als Dozent für Poesie und Literatur tätig ist, verwebt geschickt die verschiedenen Zeitebenen, die oft auch ineinander übergehen. Nie hat der Leser jedoch dabei das Gefühl, sich mit den Sprüngen zu unterschiedlichen Orten oder in ein anderes Jahr zu verlieren. Im Seitenkopf finden sich Ort und Zeit sowie welcher der beiden Helden – Pinkerton beziehungsweise Foole – im Mittelpunkt des Geschehens steht.  

„Die Erinnerung zeigt nie das, was wirklich passiert ist (…).“

Am Ende gewinnt man den Eindruck, nahezu jede Figur zu Beginn anders eingeschätzt zu haben. Wahrheit, Lüge und Geheimnisse sowie die dunklen Schatten der Vergangenheit sind die großen Themen des Romans.  „Die Frau an der Themse“ legt man nur ungern aus der Hand, man fliegt förmlich über die Seiten. Der Roman ist eines jener Bücher, die man trotz ihres Umfanges und ihrer Schwere stets mit sich herumschleppt, um so oft es geht darin zu lesen. Wie bereits gesagt: ein wunderbarer spannender Schmöker at its best!

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Kaffeehaussitzer“ .


Steven Price: „Die Frau in der Themse“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll und Lisa Kögeböhn; 928 Seiten, 24,99 Euro

Bild von David Mark auf Pixabay

7 Gedanken zu „Steven Price – „Die Frau in der Themse““

      1. Vielen Dank für diesen interessanten Hinweis. Ich denke, dass dieser Roman auch den einen oder anderen anregt, sich mit dem realen Hintergrund der Pinkertons zu beschäftigen. Viele Grüße

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